Ein paar Stunden Prekariat

Notizen zu Leben und Überleben im Sport

Von Fritz-Jochen Kopka

Unsre Liebe! Unsre Mannschaft, unser Stolz. Unser Verein!

21. November ’11

Am Sonnabend stellte ich mich mit einer geborgten Dauerkarte persönlich auf die Traversen der Alten Försterei: Union Berlin gegen Fortuna Düsseldorf, den Tabellenführer (die ausgeliehene Dauerkarte stellt übrigens eine glasklare Win-win-Situation dar. Der Empfänger sieht das Spiel umsonst ((na, ob das immer ein Gewinn ist?)), und der Besitzer kann stolz auf seine vollständig geknipste Karte sein). Bei Union sitzt man nicht, bei Union steht man (das soll atmosphärisch beflügeln, und der Präsident will es so), die einen mit einem Becher Bier, die anderen mit Cola und wieder andere bevorzugen ab November Glühwein, das sind die feinen Leute im groben Umfeld.

Bei Union wird der Laden immer familiärer, seitenlang werden im Programmheft Geburtstagsglückwünsche ausgesprochen, gemeinsame Erinnerungen aufgefrischt, und jeder Fan soll Mitglied des Vereins (= der Familie) werden, er soll Aktien kaufen und Miteigentümer des Stadions, also des Familienbesitzes, werden. Und, ja, für die anderthalb Stunden des Spiels, die Stunde davor und die Stunden danach taucht der Mensch ein in die Sphäre des Prekariats. Für diese Zeit sind wir alle Unterschicht. Auffälligkeit der Kleidung und des Betragens. Wir sprechen nicht, wir brüllen. Das einzige Kultivierte in dieser Phase sind die Fangesänge, die Lieder, die man sich mit den Jahren erarbeitet hat und die man erstaunlich textsicher und melodiekonform darbietet (Union Berlin – unsre Liebe! Unsre Mannschaft, unser Stolz! Unser Verein! Union Berlin!).

Als Mann ohne Schal und Rüstung gerät man garantiert in eine Gruppe. Leute, die zu jedem Spiel genau an dieser Stelle stehen. Sie kennen sich alle und machen sich gegenseitig scharf, umso mehr, wenn auch noch eine Frau dabei ist, und die Frau muss unbedingt zeigen, dass sie mindestens genauso ordinär ist wie diese alten männlichen Fußballschlampen, die zwischendurch gerne einen auf schwul machen, sich Botschaften mit den Augen zusimsen und spindeldürre Zigarettchen schmauchen. Das sind die harmonischen Momente. Hauptsächlich sind sie aber hochgradig erregt. Sie schreien zwecks Schiedsrichterbeschimpfung und Verhöhnung des alten Schlachtrosses Sascha Rösler, dass die Augen starr werden und der ganze Leib vibriert. Unentwegt fürchte ich, dass sie ein Schlaganfall oder der Verlust der Stimme heimsucht. Gesund sind sie nicht, Mollenfriedhöfe haben sie und vermutlich Raucherbeine, aber diese Giganten der Zuschauertraversen stehen das alles durch.

Das Spiel endet 0:0. Nicht gerade toll bei so viel Kampf und Krampf. Ein Tabellenführer wie die Fortuna sollte eigentlich seine Chancen besser ausspielen und ein aufstrebender Verein wie Union etwas mutiger sein.

Und während wir hier stehen und schreien, hat sich in einem Kölner Hotel der Schiedsrichter Babak Rafati die Pulsadern aufgemacht. Das Spiel, das er leiten sollte, Köln gegen Mainz wird abgesagt. 50 000 Fans nach Haus geschickt. Hannovers Trainer Mirko Slomka äußert sich kurz. Er kennt Rafati gut, er schätzt ihn. „Aber mehr kann ich im Moment einfach nicht sagen.” Das ist eine Fähigkeit, die großenteils verloren gegangen ist. Nichts sagen, wenn man nichts weiß. Die meisten Leute schwafeln dann trotzdem und erst recht.

Im kicker-online-Forum äußert sich ein Fan: Wenn er aus dem Leben aussteigen möchte, warum nicht am Donnerstag oder Freitag? Das mag eine kalte, aber logische Frage sein. Doch kommen wir mit Logik weiter?

„Der Druck im Leistungssport ist ungeheuer hoch - und wir schaffen es einfach nicht, das in die richtige Balance zu bringen”, sagt der glücklose DFB-Präsident Zwanziger. Mit Floskeln wie dieser schafft man es auch nicht, falls man es überhaupt schaffen kann, wenn man nicht zur Kenntnis nimmt, dass das Leben diese dunklen Seiten hat.

Sport ist Mord, hat man früher gesagt, und das sollte irgendwie komisch sein. Sport ist Mord, und Massensport ist Massenmord. Und heute? Sport ist Selbstmord. Auf das „selbst” kommt es letztlich an. Sich von seinem Umfeld nicht vereinnahmen lassen. Sich nicht die Entscheidung abnehmen lassen, wie weit man selbst gehen will.

Abends unterliegt Bayern München, längst zum Meister erkoren, daheim gegen Dortmund. Fußballfreunde freuen sich nicht etwa über die Niederlage der Bayern, sondern darüber, dass sich etwas bestätigt hat, was sie bereits ahnten. Die Meisterschaft ist offen. Beide Teams spielten vorsichtig, abwartend, mit starkem Defensivverhalten. Für Dortmund ist das nachvollziehbar, die Bayern wären ihnen auf acht Punkte enteilt im Falle einer Niederlage. Aber die Bayern? Die hätten doch frei aufspielen und ihr Selbstlob bestätigen können. Warum rückte Kroos auf die defensive 6er-Position, warum Müller in die offensive Mitte, wo er doch von rechts viel gefährlicher ist? Bei den Bayern scheint das Prestige wichtiger zu sein als ein starkes Spiel, in dem man auch die Niederlage riskiert. 

18. November ’11

FAZ Medienseite: „Das Video der Zwickauer Terrorzelle, in dem die Mörder in geschmackloser Weise ihre Morde feiern…” Kann man denn Morde auch in geschmackvoller Weise feiern, Herr Hanfeld, oder mögen Sie auf solche Floskeln einfach nicht verzichten, wenn sie schon überall nutzlos herumliegen?

 

 

 


 


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Mein fremder Freund: Ob der Islam zu Deutschland gehört, steht dahin. Sicher jedoch ist, dass jeder von uns einen Menschen kennt und mag, der einer fremden Kultur entstammt. Anlass genug, ihn in einer kleinen Portraitfolge aus dem ominösen Migrationshintergrund treten zu lassen, eh ihn Sarrazin abschafft. Ein ähnliches Ziel haben sich die Fotografen Wim Woeber und Ralph Wentz vorgenommen, der Porträts aus der Kölner Keupstraße wir im Rahmen unserer Serie zeigen.


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