Nachdenken über Christa Wolf

Niemandem etwas schuldig sein

Von Fritz-Jochen Kopka

Copyright: Fritz-Jochen Kopka

Weit hinter dem Ende der Ausbaustrecke

5. Dezember ’11

Das kalte Haus auf dem Land. Irgendwo in Vorpommern, weit hinter dem Ende der Ausbaustrecke. Die Heizungen aufdrehen, Kaffee kochen, vielleicht einen Schnaps trinken, die mitgebrachten Brote essen, Betten beziehen. Wir sind hier, weil der Pastor 70 wird. Und gestern ist Christa Wolf gestorben. Mit 82 Jahren. Ein langes sinnvolles Leben voller Verehrung und Gegnerschaft in den Kämpfen unserer Zeit. Das Haus erwärmt sich. In Stadt Usedom erledigen wir Einkäufe. An der Fleischtheke ein Vater und drei winzige Kinder, jedes mit einem Würstchen in der Hand. Das kleinste lutscht nur daran, als wäre das Würstchen eine Zuckerstange, das mittlere benagt es, das größte beißt hinein und hat noch Kraft genug, den gläsernen Tresen zu erklimmen. Der Vater konzentriert sich auf den Einkauf und tut gut daran, den Kindern freien Lauf zu lassen, sie würden sonst ausrasten. In Paske legen wir einen Strauß auf Silvias Grab.  In den dunklen Straßen von Benz bewegen sich gebeugte Gestalten auf die Kirche zu. Auch ein längst im Ruhestand befindlicher Pfarrer ist in der Lage, zum richtigen Zeitpunkt in ansteckend aufgeräumter Stimmung zu sein. Die Gemeinde füllt die Kirche. Der Regisseur sagt, was stattfinden wird. Die Pianisten spielen Schumann zu vier Händen. Die Schauspielerin variiert in vier Stationen ein kleines Heine-Gedicht. Es ist eine alte Geschichte. Der Tubist spielt Schumann-Lieder. Der Pfarrer dankt. In den Räumen des neu erbauten Kindergartens wird wird die Feier fortgesetzt. Fünf, sechs, sieben Menschen ergreifen das Wort und scheitern jeweils auf kurios rührende Weise in dem Bemühen, ein verdienstvolles Leben zu würdigen. Und am Ende ist es dann doch eine schöne Feier gewesen. Verwundert stellen wir fest, dass wir nicht über Christa Wolf gesprochen haben, obwohl alle hier sie gelesen und gekannt haben, diese oder jene vielleicht mit ihr befreundet war. Das Nachdenken über Christa Wolf findet trotzdem statt. Es geschieht singulär, und das ist angemessen. Christa Wolf hat wahrscheinlich selbst nie erwartet, dass sie ein solches Alter erreichen wird. Ihr Leben war oft durch Krankheiten beeinträchtigt. Schwierigen Operationen musste sie sich unterziehen. Eine hat sie in der Erzählung  „Leibhaftig” beschrieben. Angestoßen durch diese Beeinträchtigungen hat sie sich eine tiefe Kenntnis von menschlicher Physis, dem Zusammenspiel von Leib und Seele erworben. So ist eben Christa Wolf gewesen. Die Dinge, mit denen sie zu tun hatte, wollte sie, vor allem, wenn sie sie belasteten, genau und bis an die Wurzel erkunden. Sie wurde früh füllig, eine Schwere ging damit einher, die vielleicht gar nicht zu ihr passte. Ihre Stimme war überraschend jung, nachdenklich mädchenhaft, die Art, wie sie redete, souverän und gedankenreich, nie ohne Zweifel. Wie kann jemand mit so vielen Zweifeln auf der anderen Seite so selbstgewiss sein? Denn ihrer selbst gewiss schien sie zu sein.

Als früh berühmte Frau war sie Angriffen ausgesetzt. Die Kampagne der Funktionäre gegen den geteilten Himmel, das Verschweigen des Nachdenkens über Christa T., der Unmut von Kritikern in Ost und West über die Kindheitsmuster. Einer davon war Reich-Ranicki, der ihr auch jetzt unwürdige, vermessene Worte nachwarf wie ein Klassenlehrer, den die außergewöhnliche Begabung einer Schülerin stört, weil er nur eine gewöhnliche Begabung hat. „Man muss aber auch bedenken, dass mehrere Arbeiten der Christa Wolf nicht ganz ausgereift waren” – ausgerechnet Reich-Ranicki muss das sagen. Und was sagt Christa Wolf? „Erst später habe ich gelernt, mich zu fürchten vor der Rachsucht der ehrgeizigen Talentlosen – und dann gründlich.” („Leibhaftig”)

Wer die Verhältnisse in der DDR nicht kannte, unterstellte ihr aus der Ferne gern, dass sie ängstlich sei. Dabei war sie auf jeden Fall eine Frau, die all ihren Mut und all ihre Kraft zusammennehmen konnte, wenn es darauf ankam, nicht zu schweigen. Bei ihrem Diskussionsbeitrag auf dem 11. Plenum. Bei dem Protest gegen die Biermann-Ausbürgerung. In der Zeit der Wende, der friedlichen Revolution oder wie immer und wie nie ganz richtig man es nennen will, war sie heiter. Die Ansprache am 4. November auf dem Alexanderplatz. Die Chance, die Last des falsch verstandenen und falsch durchgeführten Sozialismus los zu werden, hat sie gesehen. Aber sie, die sich irgendwann mehr oder minder den DDR-Medien verweigerte, hatte nicht mit den Mechanismen der Westmedien gerechnet. Es kam die Kampagne der Feuilletons gegen die Erzählung „Was bleibt”. Christa Wolf wurde plötzlich zur Staatsdichterin der DDR gemacht. Man höhnte, dass ausgerechnet die Staatsdichterin Christa Wolf in der eigenen Darstellung von ihrem Staat verfolgt worden sei. Die Gelassenheit, wie man mit solchen Attacken umzugehen hat, besaß Christa Wolf nicht. Noch weniger hatte sie die Gelassenheit, die Stasigeschichte einzuordnen.

Diese Stasigeschichte sorgte dafür, dass sie ihren Aufenthalt in Santa Monica mit einem Stipendium  des Getty Centers nicht ungetrübt genießen konnte, so dass dann, Jahre später, das Buch, das sie darüber schrieb, unter der Hand unter anderem auch zu einer übertriebenen Selbstrechtfertigung und Selbsterklärung wurde. Das letzte ist, wie ich finde, ihr unsicherstes Buch.

In jener Zeit (Januar 1993) kamen wir uns näher. Die Wochenpost schickte mich nach Santa Monica, Los Angeles, damit ich sie zu diesem Stasifall befrage. Wir hatten uns zuvor in der Untersuchungskommission zu den staatlichen Übergriffen am 7. und 8. Oktober 1989 kennengelernt. In dieser Zeit hatte ich im Freitag eine Polemik gegen die Attacken von Greiner und Schirrmacher zur „Staatsdichterin” geschrieben („Wer hat Angst vor Christa Wolf”) und bekam es mit ihrer Dankbarkeit zu tun. Sie verstand die Welt nicht mehr. Plötzlich hatte sie die geballte Macht der Medien gegen sich, und da war wenigstens meine dünne Stimme, die ihr half…

Ich lernte, dass Christa Wolf auch ungerecht und unversöhnlich sein kann. Der Spiegel-Redakteur Volker Hage belagerte sie, redete am Telefon mit Engelszungen, er war extra nach Los Angeles geflogen, wie ein Geist tauchte er immer auf mit seinen breiten Hosen, aber sie sagte nein, verweigerte dem mächtigen Spiegel das Interview. Ich lernte auch, wie sie es hasste, mit anderen wie etwa Hermann Kant als Staatsdichter in einen Topf geworfen zu werden. Ich lernte auch ihr niemals ruhendes Gewissen kennen, das die homeless people auf den schönen Straßen von Santa Monica aufwühlten. Sie gab immer was, wenn sie angebettelt wurde, sie hatte sich ein Limit gesetzt von 10 Dollar am Tag. Sie kaufte ein altes Auto, um beweglich zu sein, aß Austern und trank Margaritas, besichtigte die kalifornischen Häuser und Wohnungen der Exilanten Lion Feuchtwanger, Bertolt Brecht, Thomas und Heinrich Mann. Sie erzählte Geschichten, die sie nicht loswurde, eben auch jene, wie sie als einzige vor der Partei gegen die Unterdrückung der Kunst auf dem Plenum protestierte und wie bedrohlich ihr die Stalinisten auf die Pelle rückten.

Nach der Wende wandten sich einige Leute vor ihr ab, an denen ihr lag, und auch einige, an denen ihr weniger lag, wie Sarah Kirsch, Günter de Bruyn und Helga Schubert. Sie nahm beides schwer. Sie hatte das Haus in Mecklenburg, durch das sie sich aus den Kämpfen der Zeit, wenn es denn sein musste, fernhalten konnte, und das eines Sommertags abbrannte. Sie brauchte so ein Haus, und so beschaffte sie sich ein anderes in einem anderen Dorf. Nicht zufällig also zählt die Erzählung „Sommerstück” für mich zu ihren schönsten Büchern, es ist der reiche, ruhige Ton, in dem sie von den Möglichkeiten des Lebens auf dem Lande erzählt, von den Leuten, die man hier trifft, und der Nähe, die hier entsteht und auf die es im Leben nicht zuletzt ankommt.

Man kann Christa Wolf nicht denken ohne Gerhard Wolf, ihren Mann seit der Studentenzeit. Ein Leben mit einem Mann verbringen, dem man vertraut, den man bewundert und mit dem man lachen kann, ist ein großes verdientes Glück, das auch seine Kehrseite hat. Christa Wolf war stark auf Gerhard Wolf fixiert, es ging nichts über ihren Tisch, was Gerhard Wolf nicht gesehen hatte, sie gab ein Stück ihrer Mündigkeit aus tiefer Seele her, und welcher Mensch wünscht sich nicht, dass er das gelegentlich tun könnte.

Ich schlage „Leibhaftig” auf, die Erzählung von 2002, eine der zahlreichen angestrichenen Stellen:

„Ich erlaube mir den entlastenden Gedanken: Es war eben zuletzt alles ein bisschen viel. Es tut gut, lästerlicher Einfall, es tut trotz allem gut, aus dem Zeitnetz geworfen zu sein, denn eine andere Möglichkeit, niemandem mehr etwas schuldig zu sein, gibt es auf dieser Erde nicht.”

 

Die Wichtigkeiten der Bundesligen eins und zwei erreichten mich in Vorpommern kaum. Wald und Wiesen waren geflutet, der Regen peitschte uns ins Gesicht. Die Bayern waren zwar wieder vorn, aber die Tabellenkonstellation war immer noch eng. Thomas Müller holte einen Elfmeter heraus, der berechtigt war. Arjen Robben griff sich den Ball, auch beim zweiten Elfer. Der Jubel, den er danach veranstaltete, wirkte so existenziell und krankhaft, dass ich mich fragte, was in seinem Schädel vorgeht. Es ist keine Heldentat, gegen den Ersatztorwart von Werder Bremen zwei Elfmeter zu versenken und dabei ein weiteres Mal seine komplexe Egozentriertheit zu offenbaren.

Wir saßen zu viert im PKW zwischen Anklam und Berlin. Wie auch immer es kam, plötzlich sangen wir. Lieder, die wir in der Schule, in der Kirche, im Chor und vom Radio gelernt hatten. Russische, tschechische („Burschen aus Mystrina”), englische, amerikanische und deutsche Lieder. Ich hatte die Leute vor Augen, die uns diese Lieder lehrten, welche uns anscheinend ein Leben lang begleiten. Den Chorleiter Jochen Gläser, den Englischlehrer Hans Jürgen Klug, den Russischlehrer Emil Demuth und den Kirchenmusikdirektor Walter Bruhns. Die Fahrt verging wie im Flug, und diese fast vergessenen Gesichter und Stimmen gehörten dazu.

 


 


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Mein fremder Freund: Ob der Islam zu Deutschland gehört, steht dahin. Sicher jedoch ist, dass jeder von uns einen Menschen kennt und mag, der einer fremden Kultur entstammt. Anlass genug, ihn in einer kleinen Portraitfolge aus dem ominösen Migrationshintergrund treten zu lassen, eh ihn Sarrazin abschafft. Ein ähnliches Ziel haben sich die Fotografen Wim Woeber und Ralph Wentz vorgenommen, der Porträts aus der Kölner Keupstraße wir im Rahmen unserer Serie zeigen.


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