Wer ist bei Johnny Depp der Depp?

Wenn Schauspielern die Armut droht - eine Begegnung mit Bettina Kenter.

Von Claus-Peter Lieckfeld

Bettina Kenter ist keine, die jammert

Besonders schlimm sei für sie der Blick ins Fernsehen, sagt eine Hartz-IV-Empfängerin im Nacht-Talk eines Rundfunksenders: Denn auf dem Bildschirm wimmele es nur so von schönen jungen Menschen ohne Finanzprobleme, die Zeit für allen möglichen Schnickschnack haben … da fühle man sich gleich noch mal so beschissen mit seinen Existenzproblemen …

Dann ein wütender Schluchzer, den der Moderator klugerweise nicht moderiert.

„Ich hätte sie anrufen mögen”, sagt Bettina Kenter (Jahrgang 1951), die auf eine lange Film- und TV-Karriere zurückblicken kann, auf Zusammenarbeit mit Regie-Legenden wie Giorgio Strehler und Peter Weir und Regisseuren wie Wolfgang Liebeneiner und Karin Brandauer, auf Rollen wie die Polly in Brechts „Dreigroschenoper”, auf diverse Filme, TV-Serien und eine Vielzahl von Synchron-Arbeiten, auf Drehbücher, und jüngst auf ein preisgekröntes Theaterstück über unverschuldete Armut. „Und ich würde ihr sagen … obwohl ich weiß, dass das kein Trost ist: Meine liebe Mit-Hartz-IV-Empfängerin, darf ich kurz erzählen, wie es hinter den Kulissen aussieht – für viele, die da Rollen spielen und gespielt haben?”

Was sie zu erzählen hat, tut sie mit der Rückhaltlosigkeit, die man großen Schauspielern nachrühmt. Zum Beispiel vor laufender ZDF-Kamera (37 Grad), die ihr bei der Armentafel in Puchheim, einem Münchener Vorort, auf den Mund schaut. Oder im Interview mit Journalisten der Münchener Obdachlosenzeitung BISS, denen sie knapp und präzise erklärt, warum eine wie sie sehr viel schneller arm als berühmt wird. Als allein erziehende Mutter musste sie 1981 aus dem normalen Schauspiel-Betrieb ausscheiden und in die Synchron-Branche wechseln: Verdeutschung ausländischer Filme – als Synchronbuch-Autorin und als Sprecherin.

Davon konnten gute Schreiber und Stimmen durchaus leben. Bis etwa 2002. Da brach der Markt fürs „dubbing” ein. Es wurde auf Teufel komm raus billig produziert und Produktionszeiten wurden brutal verkürzt. Während Synchron-Schauspieler zuvor für einen Tag Anwesenheit am Set noch 20 Tage danach (mit dem damaligen Status – er heißt wirklich so - der „Unständigkeit”) krankenversichert waren, sind sie seit einigen Jahren nur noch am Produktionstag selbst versichert; die Versicherungsbeiträge für die Zeiten zwischen zwei Terminen müssen privat aufgebracht werden. Besonders bitter und in der Konsequenz ruinös für Kleinverdiener. Kleinere Fernsehrollen gehen schon lange an konkurrenzlos billige Statisten. Und „beim Synchron” wurden auch schon mal Rollen an Laien verlost, als Werbegag großer Produktionsfirmen.

Wer aufbegehrt, ist draußen – das erfuhr jüngst auch eine Größe des Synchronsprecher-Gewerbes, Markus Off, die Stimme von Captain Sparrow (Fluch der Karibik). In der vierten Folge wird jemand anderes Johnny Depp die deutsche Stimme leihen. Off war ins „Off” geraten, weil er angemerkt hatte, dass der Großerfolg der Disney-Figur im deutschen Sprachraum doch wohl nicht mit einem – am Welterfolg des Films gemessen - schmalen Honorarchen entlohnt werden könne. Das Wort „Erfolgsbeteiligung” ist für die Branchengewaltigen offenbar schmutziger als ein gereckter Mittelfinger.

Auch Bettina Kenter, jüngst noch durch eine längere Krankheit ohne Krankengeldbezug zusätzlich gehandicapt, läuft ins Risiko: „Wer Honorardrückerei und miese Arbeitsbedingungen anprangert, wird schnell zur Unberührbaren.” Aber dann, so als müsse sie den mitfühlenden Blick des Interviewers konterkarieren, fügt sie hinzu: „Vielleicht ja auch eine Rolle. Eine mit vielen Fortsetzungen und ohne Gage. Aber …, wenn`s hilft!”


 


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