Schwanger, schwul und Schal

Notizen eines Fernsehabends

16. November ’11

Noch nie habe ich eine so schwache niederländische Nationalmannschaft gesehen wie gestern gegen uns. War das die Quittung für das fragwürdige Aufteten der Holländer bei der Fußball-WM 2010, die Fallsucht von Robben, das ständige Reklamieren von van Bommel, die brutalen Fouls von de Jong? Gestern abend nun Huntelaar mit der Maske, Sneijder angeschlagen, van Bommel, der gerade mal noch ab und zu durch ein mattes Foul auffiel, was auch verständlich ist, denn in seinem Alter ist die Gefahr, dass man sich selbst verletzt, wenn man den Gegenspieler foult, relativ groß. Der Torwart wurde wiederholt auf dem falschen Fuß erwischt, und der Bondscoach fror im schwarzen Mäntelchen am Spielfeldrand. Wann hat man im Spitzenfußball zuletzt gesehen, dass man so unbedrängt von der Außenlinie in den Strafraum flanken, wann, dass man den Ball im Strafraum ungehindert ins Tor schießen oder köpfen konnte? Die größte Überraschung auf deutscher Seite war für mich Miro Klose, der in Italien offensichtlich den letzten Schliff zum Klassestürmer bekommen hat. Und die unverzichtbaren Spieler der deutschen Mannschaft, Lahm und Schweinsteiger, waren noch nicht mal dabei. Kommt es jetzt zum berühmten Ballack-Effekt? Die Unverzichtbaren pausieren wegen Verletzung oder Schonung, und es stellt sich heraus, dass es ohne sie viel besser geht? Noch flachere Hierarchie?  Will Miro jetzt die Binde nicht mehr hergeben? Verdrängt Khedira nach Ballack jetzt auch noch Schweinsteiger? Probleme über Probleme. War dieses 3:0 ein Pyrrhus-Sieg?

15. November ’11

Wenn Jogi Löw seinen Schal vors Gesicht zieht, ist das für seinen Hofberichterstatter Horeni und die FAZ gleich ein modisches Experiment. Passt ja nur allzu gut, da er gerade auch ein fußballtaktisches Experiment unternommen hat. Jogi und die Dreierkette. Wäre das nicht ein Titel für ein Jugendbuch?

Marcel Reich-Ranicki, 91, wird eine Rede im Deutschen Bundestag halten und dort über seine Erinnerungen ans Warschauer Getto sprechen. In der Meldung der FAZ heißt es: Die Befreiung Warschaus von den deutschen Truppen erlebte er im Versteck.

Ist es ein Versehen, dass es so klingt, als hätten die deutschen Truppen Warschau befreit? Oder Absicht? Oder eine Freudsche Fehlleistung? Es tut anscheinend weh zu sagen, dass es die russischen Truppen, oder noch schlimmer: die sowjetischen, waren, die Warschau befreiten.

Was für ein lahmer Polizeiruf aus Brandenburg. Der spielt ja auf dem Dorf, aber müssen deshalb alle so unbeweglich sein, die eine, weil sie schwanger ist, die andere, weil sie mal vom Pferd fiel, der dritte, weil er so dick, der vierte, weil er schwul ist? Immer wieder geht es um ein dämliches Halteverbot, immer wieder um ein Ausweisfoto, immer wieder werden galoppierende Rennpferde eingeschnitten, das Navi redet Unfug, das Seitenwagengespann springt nicht an, immer wieder redet man davon, essen gehen zu wollen – tut alles nichts zur Sache, die Leute wirken wie betäubt, die Kommissarin ist allenthalben mit ihren Privatproblemen befasst  Bleibt der spröde Humor von Wachtmeister Krause und die Geistesabwesenheit der Kommissarin, die ja auch ein Wert sein kann. In der Regel erwartet man schon immer nichts Gutes, wenn der Regisseur auch das Drehbuch geschrieben hat, und so war es denn auch.


 


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Mein fremder Freund: Ob der Islam zu Deutschland gehört, steht dahin. Sicher jedoch ist, dass jeder von uns einen Menschen kennt und mag, der einer fremden Kultur entstammt. Anlass genug, ihn in einer kleinen Portraitfolge aus dem ominösen Migrationshintergrund treten zu lassen, eh ihn Sarrazin abschafft. Ein ähnliches Ziel haben sich die Fotografen Wim Woeber und Ralph Wentz vorgenommen, der Porträts aus der Kölner Keupstraße wir im Rahmen unserer Serie zeigen.


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