Er lächelt. Ich weiß nicht warum

9/11: Nachruf auf einen Freund

Von Michael Schophaus

Foto: Wolfgang Michal

Das "One World Trade Center", der Ersatz für die Zwillingstürme, wird schon bald Manhattan überragen.

 

Wie wir alle glotzte ich in den Fernseher. Konnte nicht glauben, was ich da sah. Wie auch? Nur Staub, nur Angst, eine Stadt brüllte vor Schmerz. Sie flüchtete vor blindem Hass und konnte einfach nicht entkommen.

Ein paar Tage später bekam die Katastrophe ein Gesicht für mich. Das von Klaus. Klaus aus Bottrop. Wir saßen früher in der Schule einige Jahre lang nebeneinander, bis ich mal wieder sitzenblieb. Er war ein glänzender Schüler, klug, bescheiden, wach. Herr Lehrer, ich weiß was, aber nie aufdringlich. Er ließ mich oft abschreiben, ich habe ihm die Obersekunda zu verdanken. Schopenhauer nannte er mich, dabei war ich auch in Philosophie sauschlecht.

Einmal waren wir in dasselbe Mädchen verliebt. Er wollte es nicht zugeben, aber ich wusste es ganz genau. Angelika. Hübsch. Schlau. Siebzehn. Wenigstens da lief es besser für mich. Er stellte sich ziemlich blöd an. Es war mir nur recht, sie wurde für drei Jahre meine Freundin. Das hatte er mir, glaube ich, niemals verziehen.

Wir sahen uns nach dem Abi nicht mehr so oft. Auf Feten bei Willi, der einen tollen großen Keller hatte, und der wie wir gern volle Pulle Genesis hörte. Beim Fußball, bei Klassentreffen, sogar in Südfrankreich, zufällig am Strand im Sommer 1979. Irgendwann zu Weihnachten half ich ihm, einen zwei Meter hohen Tannenbaum nach Hause zu schleppen. Seine Eltern waren nett, aber sehr zurückhaltend.

Immer, wenn ich ihn traf, war wieder mehr aus ihm geworden. Außer den Haaren, die fielen ihm aus. Chef hier. Chef dort. Chef überall. Es lief glänzend für ihn, wenn nicht, hätte er es bestimmt nicht zugegeben. Er ging nach Heidelberg, ich nach Hamburg, lange hörte ich nichts mehr von ihm. Erst wieder beim Stern. Zwei Wochen nach New York. Da sprach Ulla von ihm, die damals zu unserer Clique gehörte. Ulla Kock am Brink, die Moderatorin. Sie hatte schon früher eine ziemlich freche Schnauze.

Sie sprach von Klaus, und dass er vermutlich beim Anschlag umgekommen sei. Eigentlich sollte sie im Stern über ihren neuen Freund reden, den sie der Christiansen ausgespannt hatte. Theo und sie gegen den Rest der Welt. Man drohte ihr alle Sendungen zu entziehen. Aber sie sagte: Klaus hat zwei kleine Kinder. Angesichts dieser Geschichte ist mein persönlicher Albtraum ein Kinkerlitzchen. Punkt. Aus. So ist Bottrop.

Ich rief bei seinem Bruder an. Er wollte nichts sagen. Die Eltern schon gar nicht. Ich hätte es gern aufgeschrieben, bevor es andere machten. Bevor es andere vielleicht schlechter machten. Doch irgendwann gab ich auf und ließ sie trauern. Was hatte ich mich da einzumischen? Sagte dem Stern: nein. Sagte dem Spiegel: nein. Ich konnte die Familie sehr gut verstehen. Ich hatte zwei Jahre vorher selbst eines meiner Kinder verloren. Aber meinem Sohn konnte ich beim Sterben die Hand halten.

Dann erfuhr ich alles nach und nach. Klaus war in New York, weil er als Finanzchef seine Firma Lion Bioscience retten wollte. Das Unternehmen hatte sich prächtig entwickelt. Ein Senkrechtstarter an der Börse. Erst sechs, dann 450 Mitarbeiter. Bis die Blase platzte und die Aktie von 123 auf 20 Euro abrutschte. Klaus soll ruhig geblieben sein, kämpfte gegen jede blinde Panik. Und flog häufiger als sonst nach New York. Er flog genau ein Mal zu viel.

Er brauchte Geld für neue Ideen, deshalb saß er bei Fiduciary Trust International, Südturm, 94. Stock, Termin acht Uhr dreißig, 11. September 2001. Falscher Ort. Falsche Zeit. Falscher geht’s nicht. Am Freitag bin ich wieder zu Hause, hatte er seiner Mutter am Telefon versprochen. Es war das letzte, was sie von ihm hörte. Sie starrte an jenem Dienstagnachmittag in den Fernseher und rief: Jetzt ist der Klaus tot.

Sein Sohn Johannes fragte, ob er den Papa im Himmel anrufen könne. Lukas, sein Bruder, sagte: Wenn die Terroristen gewusst hätten, wie lieb wir unseren Papa haben, dann wären sie nicht mit dem Flugzeug in den Turm geflogen. Seine Frau, eine Ärztin, musste stark sein, was blieb ihr auch übrig? Klaus soll sie noch kurz vor seinem Tod angerufen haben. Sein Vater sagte später: Ich würde die Mörder am liebsten erschießen, den Osama bin Laden zuerst.

Klaus wollte hoch hinaus. Der 94. Stock war zu hoch für ihn, an diesem verdammten Morgen in New York. Immer wenn ich dieses Grauen sehe, blicke ich in sein Gesicht. Es lächelt. Ich weiß nicht warum.


 


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Mein fremder Freund: Ob der Islam zu Deutschland gehört, steht dahin. Sicher jedoch ist, dass jeder von uns einen Menschen kennt und mag, der einer fremden Kultur entstammt. Anlass genug, ihn in einer kleinen Portraitfolge aus dem ominösen Migrationshintergrund treten zu lassen, eh ihn Sarrazin abschafft. Ein ähnliches Ziel haben sich die Fotografen Wim Woeber und Ralph Wentz vorgenommen, der Porträts aus der Kölner Keupstraße wir im Rahmen unserer Serie zeigen.


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