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Wofür die Mauer steht. Zwei Zufallsfunde in Las Vegas

Stern-Fotograf Peter Thomann reiste auf der Suche nach der Berliner Mauer um die halbe Welt, denn in Berlin war sie gefallen. Dieses Bild ( © Peter Thomann) entstand im Las Vegas Main Street Station Casino Hotel, das stolz darauf verweist, ein Stück der Berliner Mauer („Sorry Ladies“) in der Herrentoilette verbaut zu haben. Das gute Stück wurde quer eingesetzt, damit vier Urinale daran Platz hatten. Der Fotoreporter, von zwei Sicherheitsleuten erwischt und energisch aus der Toilette verwiesen, lauerte an der Bar, bis die Luft rein war, und drang wiederholt mit der Kamera in die Location ein. Er war beeindruckt und auch irritiert. Die Gentlemen, die er dort ansprach, wussten überhaupt nicht, wovor sie standen. Sie gingen einem Bedürfnis nach, erkannten aber nicht die historische Dimension ihres Tuns.

Emanuel Eckardt schon. Er war vor Ort. Hier seine Notizen.

Ja, ich habe auch dort gestanden, nachdenklich und selbstvergessen, grübelnd über den Lauf der Welt. Original und Urinal sind untrennbar miteinander verbaut. In den Räumen des Casinos jodeln die Automaten, nicht weit von hier rappelt ein Jackpot. Was macht die Berliner Mauer in dieser Herrentoilette? Sie demonstriert. Die Botschaft ist klar: Piss off Communism. Immer noch wird an der Mauer gezielt, aber es gibt keine Toten. Dennoch. Kein Ort, an dem ein Mann lange verweilt.

Es gibt noch ein zweites Teilstück der Berliner Mauer in Las Vegas, ein stattliches Stück, das im Atomic Testing Museum an der Flamingo Road zu sehen ist, als Zeitdokument, als Ende einer Beweiskette. Und die geht etwa so: Die Berliner Mauer fiel, weil es Atombomben gab. Der Kalte Krieg endete, weil die Sowjets einsehen mussten, dass die freie Welt stärker war.

Das Atomic Testing Museum gehört zu den eher bizarren Showrooms von Las Vegas. Es dokumentiert im nüchternen Habit einer wissenschaftlichen Institution die Bombenstimmung, die den Strip erfasste, als kaum hundert Kilometer entfernt Lichtblitze den Himmel erhellten und spektakuläre Wolkentürme aufstiegen, schrecklich, monströs und schön zugleich. Das ist nun 60 Jahre her. Das Ground Zero Theater ist von meterdicken Betonwänden umschlossen, die Zuschauer sitzen auf Holzbänken. Ein Dokumentarfilm wird gezeigt. Als die erste Bombe explodiert, bebt der Raum, zittert die Bank und das Zwerchfell auch. Erschütternd. Das Theater ist ein Simulator. So war es hier. Big Bang vor der Haustür; das ist Geschichte. Insgesamt wurden 928 Tests in Nevada durchgeführt, davon 100 in der Atmosphäre. Seit 1993 ist Ruhe. Las Vegas hat andere Knaller. (Mehr darüber im MERIAN-Las Vegas )


 


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Mein fremder Freund: Ob der Islam zu Deutschland gehört, steht dahin. Sicher jedoch ist, dass jeder von uns einen Menschen kennt und mag, der einer fremden Kultur entstammt. Anlass genug, ihn in einer kleinen Portraitfolge aus dem ominösen Migrationshintergrund treten zu lassen, eh ihn Sarrazin abschafft. Ein ähnliches Ziel haben sich die Fotografen Wim Woeber und Ralph Wentz vorgenommen, der Porträts aus der Kölner Keupstraße wir im Rahmen unserer Serie zeigen.


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