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Istanbul - Fahrten in den Schlund

Billig sollte mein Istanbul-Wochenende sein. Aber nicht pauschal.

Von Claus-Peter Lieckfeld

Irgendwo im Nirgendwo (Istanbul). (Photo: S.Flint/Pixelio)

Eigentlich war mir klar, dass ich beidbeinig über Türkei-Klischees stolpern würde, wenn ich als Tourist in Istanbul unterwegs bin. Und mit so einem Wußte-ich-doch-Gefühl im Bauch bemerkte ich, wie Recht ich hatte. Wo nicht Teppichtürken mit ultimativer Unerbittlichkeit einen Besuch ihres Ladens einfordern   („… nur auf einen Tee, mein Freund!“, charmiert einer in blütenrein norddeutschem Hochdeutsch), trifft man auf Gastro-Türken. Die sind schlimmer, sie sperren den Weg, als wollten sie eine Umleitung über gegrilltes Lammfleisch und klebrige Süßspeise erzwingen.

Horror!

Ich erwog, mir für meinen nächsten Istanbul-Besuch ein T-Shirt mit türkischem Schriftzug anfertigen zu lassen: ‚Ich bin satt und habe eine Teppich-Allergie’. Das würde natürlich nichts nutzen, sagte ich mir, und erkannte, dass ich auf der gegenüberliegenden Staßenseite – hey! nur ein Esslokal und kein Teppichladen!! – vermutlich sicherer durchkommen könnte.

Da kam er!

Eine elegant gekleideter Herr, circa 55 – aber bei südländischen Menschen verschätzt man sich ja leicht mal –, trat mir halbwegs in den Weg und sagte in einem Deutsch, das ein wenig Rheinisch klang: „Entschuldigen Sie, ich habe Sie gerade beobachtet, wie sie den Teppichfängern und den Kebabpiraten ausgewichen sind. Sehr amüsant!“

„Finden Sie?“ sagte ich. „Ich will nur zur Blauen Moschee. Ich bin satt und Teppiche habe ich auch satt.“

„Blaue Moschee? Ich habe denselben Weg. Wenn Sie gestatten?“

Natürlich gestattete ich. Was hätte es auch zu verbieten gegeben? Der Herr hieß Ütlük (ich weiß nicht, ob man es so schreibt), hatte in den Achtzigern und frühen Neunzigern in Deuz bei einer Import/Export-Firma gearbeitet, war tatsächlich 55, hatte drei Töchter, von denen zwei in Deutschland und eine in Wien verheiratet sind, wobei er Wien nicht mag, Hamburg und Düsseldorf, wo seine jüngste und seine älteste Tochter leben, aber sehr. Tochter eins und zwei haben einen deutschen beziehungsweise österreichischen Mann. Tocher drei hat einen Türken geheiratet, „aber der hat einen Spitzenjob bei der Commerzbank und verdient mehr als die beiden deutschsprachigen Schwiegersöhne zusammen!“. Fünf, demnächst sechs Enkel. Alle zweisprachig, oder demnächst zweisprachig. „Integration ist kein Problem, wenn man intelligent genug ist und Respekt hat.“ Das nickte ich gern ab.

Er gefiel mir. Gütiges, offenes Gesicht, italienische Art mit den Händen zu sprechen. Er nahm mich als Mensch, nicht als Ressource. Und er …

„Und wie wäre es denn jetzt mit einem kleinen Tee, mein Freund?“ Wir stehen vor einem Reisebüro – seinem Reisebüro zweifellos – das Fahrten zur Prinzeninsel und in den Schlund anbietet. Schlund heißt auf Türkisch Bosporus.

 

 


 


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