Fremde Väter

Multikulti in deutsch-deutscher Ausprägung könnte der Weg in die Zukunft sein

Von Fritz-Jochen Kopka

Copyright: Fritz-Jochen Kopka

Man bewundert das Fremde, indem man ihm den Rücken zuwendet (Foto: Fritz-Jochen Kopka)

Und auch das scheint eine Tatsache zu sein: Unsere Gegend hier im Südosten Berlins (nur zwanzig S-Bahn-Minuten von Mitte entfernt, aber doch weit weg vom Schuss), bekommt unauffällig Multikultidimensionen… Der Türke mit seinen Brathähnchen, ein weiterer Türke mit seinem Gyros, der dritte Türke mit seinem Gemüse, der Grieche mit seinem Juwetsi, von den Lebensmittel- und Printmedienvietnamesen ganz zu schweigen.

Mir ist es im Moment wichtiger, auf das deutsch-deutsche Multikulti zu verweisen. Auch im Stadtbezirk haben sie mir bestätigt, dass es bei uns einen sachten, aber stetigen Zuzug junger westdeutscher Familien gibt. Wer hätte das gedacht. Damals, als es um den Regierungsumzug von Bonn nach Berlin ging und die Bundesbeamten in Bussen durch Berlin gefahren wurden, damit sie nach angemessenem Wohnraum Ausschau halten konnten, haben sie in Karlshorst nicht mal den Bus verlassen, denn hier hatten ja die Russen gehaust. Nur ein Beamter aus der Technikabteilung des Bundestags kaufte ein Haus im Osten. Er kannte Karlshorst durch einen Lehrgang besser. Das ist eine ruhige und harmlose Gegend, sagte er und griff zu. Auf die Harmlosigkeit kommt es an.

Nun also, Jahre später, dieser sanfte Zuzug. Da ist der junge Westvater mit dem sympathischen Übergewicht, das die Hüften beim Gehen leicht schlingern lässt und ihm in allen Lebenslagen Gelassenheit beschert, die gelegentlich in Phlegma mündet. Die Brille nimmt er nur beim Schlafen ab. Die Haare schneidet ihm seine Frau. Die karierten Oberhemden kauft er sich selbst. Morgens folgt er seinen Kindern bis zur Straßenecke und winkt ihnen nach. Es kann gar nicht anders sein, als dass  sie jeden Tag zu spät zur Schule kommen, denn die Kinder sind genauso feinfühlig wie der Vater: Sie müssen sein Winken erwidern, so lange es irgend stattfindet…

Einmal habe ich ihn hochgradig erregt gesehen. Seine Jungs rannten bei Rot noch schnell über den Damm, ein Volvo bog ein, das war knapp. Der Vater schnappte nach Luft, dann rief er dem Fahrer zwei Worte hinterher: alter Schwede! Was auch immer das bewirkt haben mag.

Am Neujahrstag war er schon früh auf den Beinen. Er wühlte im Silvesterschrott herum und suchte nach Raketen, die eventuell noch scharf waren, es ging ihm vorausschauend darum, die Kinder, und nicht nur die eigenen, zu schützen. Was bin ich, dachte ich, doch für ein schlechter Vater gewesen. An manche Dinge habe ich nicht mal gedacht, also, man muss sagen, dass multikulti schon sehr bereichernd ist.

Bei Kaiser’s macht eine Frau ihren Mann mit einer anderen Frau bekannt. Das ist die Frau mit der tollen Wohnung, sagt sie. Die Frau mit der tollen Wohnung strahlt. Ihr Mann hat hier eine Professur und eine herrschaftliche Wohnung für „kleines Geld” ergattert. Für manchen Westler liegt das Glück im Osten.

An der Kreuzung der Wege sehe ich eine kleine Gruppe von Fahrradfahrern stehen. Zwei Frauen, zwei Männer. Die Frau mit der tollen Wohnung ist dabei, der Professor ebenfalls. Ist schön gewesen, sagt die Frau mit der tollen Wohnung. Natürlich trägt sie einen zünftigen Fahrradhelm. Wie einen Sombrero. Von der Rennbahn dröhnt abartiger Gesang herüber. Ja, ist schön gewesen. Man will sich bald wieder treffen. Soviel Kontakt hat man ja hier sonst nicht. Im Osten.

Heute sind viele Jogger unterwegs, davon nicht wenige Westler, die ja auf ihre Fitness angewiesen sind, da sie noch Karriere machen müssen. Freundliche Okkupanten, die sich die Gegend schön gucken und die Eingeborenen nicht kränken wollen. Es kann gar nicht so viel Leitungsjobs geben, wie es Karrieristen gibt. Das ist ja auch das Problem der Bundeswehr. Sagenhafte Parallelstrukturen sind dort im Lauf der Jahrzehnte geschaffen worden. Zuviel Aufsicht für zu wenig Arbeit. Da wird mancher junge Ehrgeizling bleich, wenn er solche Töne vernimmt.

Am Montagvormittag treffen sich im Nettomarkt zwei junge Westmütter. Sie verstellen den Leuten den Weg, als gehöre ihnen das Territorium (sie zahlen ja den Soli und alimentieren den Osten, wenn sie das nicht müssten, wären sie längst Millionäre), sie quatschen ungeniert laut und lachen aus vollem Hals, obwohl es eigentlich nichts Lustiges gibt, außer, dass die eine ihre Waren in den Händen jongliert, weil mal dieses, mal jenes runterzufallen droht, als wären wir hier im Zirkus. Ich wollte eigentlich nur Milch holen, findet sie sich originell, aber dann sah ich die Feigen und dachte: Ach ja?! Als wollte sie sagen: Könnte das nicht der Ausgangspunkt einer wunderbaren Mahlzeit sein? Aber auch unabhängig davon, ob sie ursprünglich nur Milch kaufen wollten, die jungen, halbzarten Westdamen verschmähen es, einen Einkaufswagen zu benutzen. Sie lassen sich lieber einen leeren Karton geben oder sie jonglieren eben, vielleicht, um später mal in einer der zahlreichen TV-Talenteshows aufzutreten. Es  muss irgendetwas bedeuten, dass sie sich dem Einkaufswagen verweigern, ich bin nur noch nicht dahintergekommen was. Vielleicht gilt es als angepasst? Oder als prollig? Oder man protestiert damit indirekt gegen die Atomkraft? Oder man tritt für sie ein? Ein interessantes Thema. Ich werde nicht aufhören, darüber zu forschen.

Mir wiederum ist es unangenehm, wenn der Kunde hinter mir seine Waren schon aufs Laufband legt, während ich vor ihm noch längst nicht fertig bin und der Platz für meinen bescheidenen Einkauf knapp wird. So schob ich die Waren der Kundin hinter mir sanft beiseite, ein Plastikbecher mit Joghurt kippte auf die Seite. Danke schön, flötete die junge Westdeutsche. Verstehen Sie? Sie schrie mich nicht an, sie wurde nicht wütend, sie rief nicht die Polizei, sie war einfach nur verletzt, dass ich trotz der vielen Transfermilliarden so niederträchtig und unehrerbietig sein konnte. Ich lerne jeden Tag dazu, und es ist nur zu meinem Besten. Ich lerne auch, wie man das ä richtig ausspricht, also etwa, das ä in Qualität. Das spricht man nämlich als kultivierter Mensch nicht leichtfertig wie ein e, sondern mindestens wie ein äää, langgezogen und breit. Wenn ich das erst einmal geschafft haben werde, wird man mir meine Herkunft nicht mehr vorwerfen können. Und darauf freue ich mich natürlich.
 


 


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Mein fremder Freund: Ob der Islam zu Deutschland gehört, steht dahin. Sicher jedoch ist, dass jeder von uns einen Menschen kennt und mag, der einer fremden Kultur entstammt. Anlass genug, ihn in einer kleinen Portraitfolge aus dem ominösen Migrationshintergrund treten zu lassen, eh ihn Sarrazin abschafft. Ein ähnliches Ziel haben sich die Fotografen Wim Woeber und Ralph Wentz vorgenommen, der Porträts aus der Kölner Keupstraße wir im Rahmen unserer Serie zeigen.


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