Tagebuch zwei

Neue Einträge des gewöhnlichen und ungewöhnlichen Alltags von Magda-Autoren

Von Fritz-Jochen Kopka

Foto: Fritz-Jochen Kopka

Tagebücher schreibt man mit der Hand. Notfalls mit dem Computer

22. Juli ’11

Ich wollte von Houellebecq nicht reden, ohne mich an Doctorow zu erinnern, dessen zuletzt erschienener Roman „Homer & Langley” den Ton des großen, uneitlen, souveränen Erzählers hat. Wir haben darüber nachgedacht, wie Fontanes „Effi Briest” anfängt, ein großartiger erster Satz, eine Beschreibung voller Einzelheiten, nicht ohne Behäbigkeit. Doctorows Roman beginnt so: Ich bin Homer, der blinde Bruder.

Der Satz ist fast zu gut für einen Anfang, er setzt so viel Phantasie in Bewegung, dass man sich beinahe den Roman sparen könnte, was man natürlich nicht tut. „Ich habe mein Augenlicht nicht auf einmal verloren, es war, wie im Kino, ein langsames Ausblenden.” So geht es weiter. Langley, der sehende Bruder, zieht in den Krieg. Er war schon immer ein ruheloser Geist, aber als er zurückkommt, geraten die Brüder, die Angestellten, das Haus,  das Umfeld in den Sog seiner Projekte und Ideen. „Als Ihr Bruder aus dem Krieg wiederkam, da hab ich gewusst, er ist nicht ganz richtig im Kopf, sagt die Haushälterin.” Langley hat eine metaphysische Vorstellung der Wiederkehr von Lebensereignissen. Jeden Tag kauft er alle verfügbaren Tageszeitungen, um aus dem Kern der Beiträge der verschiedenen Kategorien letztlich eine einzige Ewigkeitszeitung herzustellen. So besessen er von dieser Idee ist, so kühl geht er äußerlich damit um. „Sag mir, Homer, wie können wir frei sein, wenn unsere Freiheit in deren Belieben steht?”, sagt Langley eines Tages in der Zeit des zweiten Weltkriegs. „Die” sind Polizisten, die wegen des Angriffs auf Pearl Harbour das japanische Ehepaar verhaften, das im Haus der Brüder putzt. Man hätte sie gar nicht ins Haus lassen dürfen, meint Langley über die Polizisten. („Dieses Haus ist unser unverletzliches Reich… Man wirft sie raus und knallt ihnen die Tür vor der Nase zu, so macht man das.”) Und Homer denkt: Der Feind bringt deine latenten Urinstinkte zum Vorschein, er lässt die primitiven Bereiche deines Gehirns aufleuchten.    

Wenn ich an den verwahrlosenden Schriftsteller Houellebecq denke, den Michel Houellebecq in seinem Roman beschreibt, fällt mir eine alte Geschichte von Doctorow ein, „Das Leben der Dichter”. Der Erzähler berichtet von Mattingly, dem raubeinigen Wüstenmaler. „Warte nicht, bis du fünfundvierzig bist, ist seine Devise für Männer, die sich davonmachen, tu es jetzt…; er arbeitet wie verrückt, unterrichtet, malt, bringt seine Bilder unter die Leute, nur um die Alimente und die Miete zahlen zu können, er trägt Jeans und ein durchgescheuertes Hemd mit Schnürsenkelkrawatte und ein Cordjackett und abgestoßene, derbe Schuhe, und er hat zu trinken aufgehört, und etwas von seiner raubeinigen Männlichkeit hat sich in Feistigkeit verwandelt, und der Übergang von einem Künstler zu schlichter Verwahrlosung ist fließend, das weiß ich genau. Verwahrlosung ist ein innerer Zustand, der alleinlebende Männer mittleren Alters trifft…”

Ist es nicht so, dass wir Leute, auf die diese Beschreibung zutrifft, im wahren Leben sehen, und sei es im Spiegel?  

21. Juli ’11

Mich interessieren Schornsteinfeger nicht, die sich zusammentun, um Schornsteinfegerbücher zu schreiben, und ich halte auch nichts von Bratkartoffeln, die sich selber aufessen.

Irgendwann schrieb ein SZ-Autor, den eine Radio-Moderatorin mit ihren Auslassungen über das Wetter nervte: „Schau halt aus dem Fenster, du gutgelaunte, blöde Radiokuh.”

Mich nerven die gutgelaunten blöden Radiokühe auch oft. Und den sensiblen Theaterkritiker Stadelmaier, den ja alles nervt, besonders sein Job als Theaterkritiker, nerven die Radiokühe ebenfalls, besonders die aus den Kulturradios, wenn sie etwa sagen, dass eine Pianistin „in Wiesbaden mit Chopin aufgeschlagen” habe. Dabei wollte sie doch nur das Beste, zum Beispiel das edle Kulturradio etwas flotter rüberbringen.

Eine Geisel der Menschheit sind die Musikredakteure, die sich darin gefallen, Musik rauszusuchen, die zwar entfernt zu den Wortbeiträgen passt, aber nicht zu meiner Morgenlaune und die folglich im Radio nichts zu suchen hat, weil sie eher die Stimmung von Volksfesten, Diskos oder Jazz Sessions wiedergibt. In manchen Sendern lassen es sich die Musikredakteure nicht nehmen, die CD der Woche Pop und die CD der Woche Klassik persönlich vorzustellen und warten dabei mit haarsträubenden („vollmundigen”) Werturteilen auf. Sie zeigen sich in der Regel leidenschaftlich und tun so, als hätten sie lange in den Staaten gelebt. Wenn sie ein paar englische Titel ansagen dürfen, fühlen sie sich wie Weltenbummler, und am liebsten würde sie auch die deutschen Sätze irgendwie amerikanisch aussprechen, jedenfalls versuchen sie es.

Bei den Sprechern kennen wir die hochnäsig-gelangweilten Snobs (Ach, mir hängt das alles schon so zum Halse raus, aber euch biederen Hörern muss man es ja hundert Mal erklären) und die harmonisierenden Schönsänger. Es ist wirklich ein Singsang, in dem da über die Katastrophen in Japan und überall berichtet wird, sie überziehen die harten Facts mit Zuckerguss und glauben wahrhaftig, sie könnten wie Orpheus singen. Daneben gibt es den Moderatorentyp, der seinen Interviewpartnern die extra lauernden Fragen stellt. Das heißt, er legt in seine Frage diesen lauernden Unterton, als müsse der Befragte fürchten, er könnte auf Grund dieser scheinbar naiven, in Wahrheit hinterhältigen Frage entlarvt werden. Wahrscheinlich hält er sich für einen investigativen Journalisten. Keine Ahnung. Gibt es nicht jemanden beim Radio, der diese Leute coacht? Der ihnen sagt, mach mal halblang, Freundchen, sprich einfach nur die Inhalte und fertig. Und wenn du keine Inhalte hast, dann besorg dir welche.

Ein Deutscher ist ein Mensch, der keine Lüge aussprechen kann, ohne sie selbst zu glauben. (Adorno, Minima Moralia)

 


 


Mit ... teilen: 



Artikel empfehlen
Mein fremder Freund: Ob der Islam zu Deutschland gehört, steht dahin. Sicher jedoch ist, dass jeder von uns einen Menschen kennt und mag, der einer fremden Kultur entstammt. Anlass genug, ihn in einer kleinen Portraitfolge aus dem ominösen Migrationshintergrund treten zu lassen, eh ihn Sarrazin abschafft. Ein ähnliches Ziel haben sich die Fotografen Wim Woeber und Ralph Wentz vorgenommen, der Porträts aus der Kölner Keupstraße wir im Rahmen unserer Serie zeigen.


NEU

Streit
23.08.2011

Abseits
19.06.2011

Die Reportage
04.02.2011

Die Stadt und ich
22.07.2011

Wiese und Weltall
01.03.2012

Bel Etage
29.03.2011
Nachbeben
Japan unter Schock
Von Meiko Matsudaira

Weltiswortwechsel
12.07.2011