Es war einmal eine Frauenfußball-WM

Verlängerung, Elfmeterschießen, Frauen können das auch

Von Fritz-Jochen Kopka

Mal wieder ’ne Gelegenheit, das Fähnchen rauszustellen

Überall zeigt sich Japan ambitioniert, erstaunlich gewandt, technisch top, nur nicht vor dem Tor des Gegners. Die technische Klasse, aber auch das Desinteresse, mit aller Leidenschaft das Tor zu stürmen, erinnert an den Männerweltmeister Spanien. Nur wenn ein Rückstand auszugleichen ist, bekennen sich die Japanerinnen dazu, das Unabdingbare zu leisten.

Die US-Amerikanerinnen schließen einen Konter über zwei Stationen zum 1:0 ab. Japan macht das 1:1 nach einer Kette von Missgeschicken, aber das ist Frauenfußball. Nirgendwo kann man das reizvolle Spiel des Zufalls und seine Gesetzmäßigkeiten, wenn es die denn doch gibt, so gut studieren wie beim Fußball der Frauen. Der unvermeidliche Kopf von Abby Wambach sorgt in der Verlängerung für das 2:1. Japan wird nicht nervös. Japan wird noch nicht mal leidenschaftlich oder gar panisch. In der unklaren Situation nach einem Eckstoß macht Homare Sawa das 2:2. Die Frau, die wie eine Schamanin aussieht, und eine Schamanin des Fußballs ist sie vielleicht auch. Einen Rückstand ausgleichen, Verlängerung, wieder in Rückstand geraten, wieder ausgleichen. Elfmeterschießen. Kann man mehr von einem Finale erwarten? Die nur 1,70 m große Torhüterin Ayumi Kaihori scheint in dem großen Tor fast zu ersaufen, während man sich auf der anderen Seite kaum vorstellen kann, dass der Ball an der stattlichen Hope Solo vorbei ins To gelangen könnte. Und schon hält die kleine Kaihori den ersten Elfer. Ist längst in der linken Ecke, reißt aber noch das rechte Bein hoch und wehrt den Ball ab.

Natürlich schießt man gegen eine kleine Torhüterin hohe Elfmeter, Carli Lloyd, die zweite amerikanische Schützin, tut das so konsequent, dass der Ball weit über die Latte in den Nachthimmel fliegt, fast auf, möchte man sagen, Nimmerwiedersehen. Uli Hoeneß hätte es nicht besser gekonnt. Oder vielleicht doch?

Okay, Japan ist Weltmeister. Wie schön für das schwer geprüfte Land, wie schön für diese außerordentliche Frauenfußballweltmeisterschaft.

Frauenfußball ist auch insofern anders, als man meistens beiden Mannschaften den Sieg gönnt, Abby Wambach, Hope Solo, Megan Rapinoe sind genauso Heldinnen dieser WM wie Homare Sawa, Nahomi Kawasumi und Ayumi Kaihori. Die Amerikanerinnen waren gute Verliererinnen. Sie trauerten in schlichter Größe und gratulierten höflich. Das Spiel war fair. Die Zweikämpfe wurden professioneller geführt als  in Vorrunde, Viertel- und Halbfinale. Auf der Tribüne freute sich die deutsche Mannschaft anscheinend neidlos und befreit vom Leistungsdruck mit den Japanerinnen, das war schon überraschend, dass ihre Sympathien so eindeutig ausgerichtet waren. So sind wir immerhin gegen den Weltmeister ausgeschieden, gegen den Fußball der Zukunft. Oder? Wird es wirklich andere Mannschaften geben, die mit diesem technischen Standard, mit dieser heiligen Ruhe spielen? Kann man diese Asiatinnen mit Erfolg kopieren? Hat das überhaupt Sinn?

Der Fußball hat eine lange Geschichte, der Frauenfußball eine kurze. In den Biographien der besten Spielerinnen findet sich fast zwangsläufig die Bemerkung, dass sie am Anfang mit Jungs zusammen gespielt haben. Das scheint die Voraussetzung für eine große Karriere zu sein: Die hundert Jahre Vorgeschichte des Männerfußballs aufzunehmen, und diese lange Vorgeschichte braucht es auch, um vor dem Tor gleichzeitig entschlossen und eiskalt zu sein. Im Frauenfußball kann man ein Kapitel Vergeblichkeit erleben. Mit Leidenschaft und Finesse wird der Ball vors gegnerische Tor getrieben, und dann beginnen die Beine zu zittern und die Nerven zu flattern. Karina Maruyamas Tor gegen Deutschland, nach einem grandiosen Pass aus unglaublich spitzem Winkel erzielt, ist schon der Scheck auf die Zukunft und in der Gegenwart in dieser entschiedenen Klasse eine Rarität. Sie sind schon viel besser geworden, die Fußballerinnen, und sie werden noch viel besser werden.

Die immer wieder hörbaren  Reporterklischeesätze „Es fehlt an Präzision” und  „Hätte sie einen Tick früher geschossen” sind verfehlt. Sie können es eben noch nicht präziser. Sie können es eben noch nicht schneller. Und weil das so ist, weil es langsamer zugeht und weil man mitbekommt, was die Spielerinnen in vielen Trainingseinheiten eingebimst haben, kann man das Spiel der Frauen viel besser lesen als das der Männer. Und es ist auch amüsant, dass es Frauen schwer fällt, im Lauf die Richtung zu ändern. Wenn zwei den gleichen Weg zum Ball haben, können sie sich kaum noch ausweichen, es kommt zum Zusammenprall, zum Stoßen mit Armen und Beinen und allem, was frau hat. Es ist  keine Unfairness. Es ist die fehlende Vorgeschichte. Für den unvermittelten Zweikampf sind Frauen eigentlich nicht vorgesehen.

Aber Schnelligkeit, Kraft und Knipserqualitäten sind nicht das Entscheidende. Jedes Spiel entfaltet seine eigene Dramatik, wenn man sich darauf einlässt. In den Drehbüchern der Trainerinnen steht nicht viel drin. Alles muss sich auf dem Spielfeld entwickeln. Zug und Gegenzug. Versagen und Heldentum. Ab und zu explodiert das Spiel. Sternstunden sind nicht möglich, Sternsekunden allemal. Dramatik hat diese Frauenfußball-Weltmeisterschaft genug geboten.

 


 


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Mein fremder Freund: Ob der Islam zu Deutschland gehört, steht dahin. Sicher jedoch ist, dass jeder von uns einen Menschen kennt und mag, der einer fremden Kultur entstammt. Anlass genug, ihn in einer kleinen Portraitfolge aus dem ominösen Migrationshintergrund treten zu lassen, eh ihn Sarrazin abschafft. Ein ähnliches Ziel haben sich die Fotografen Wim Woeber und Ralph Wentz vorgenommen, der Porträts aus der Kölner Keupstraße wir im Rahmen unserer Serie zeigen.


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