Gefahr kommt von Fahren

Philipp Maußhardt unterwegs im Kongo

©  Macline Hien

Rasender Reporter - unser Autor durchstreift den Kongo
- Foto: Macline Hien

Es gibt keine Statistik darüber, wie viele Journalisten auf der Welt jedes Jahr bei Verkehrsunfällen verletzt oder getötet werden. Aber es werden viele sein, vielleicht sogar mehr, als durch gezielte Attacken oder durch Kugeln in Kriegsgebieten ihr Leben verlieren. Als ich vor einer Woche in die kongolesische Unruheprovinz Nord-Kivu fuhr, fürchtete ich mich deshalb mehr vor meinen Fahrern als vor den marodierenden Hutu-Milizen. In Azizh fand ich einen jungen Kongolesen, der mir einigermaßen Vertrauen einflößte, immerhin ist er normalerweise der Fahrer des Vize-Gouverneurs. Er steuert einen weißen Toyota-Jeep, wie ihn sonst fast alle Hilfsorganisationen und UN-Organisationen in Krisengebieten fahren. Überhaupt erkennt man Krisengebiete daran, dass die Zahl der weißen Toyota-Jeeps die Zahl aller anderen Fahrzeuge übertrifft. Toyota profitiert im großen Stil, wenn irgendwo auf der Welt die Erde bebt oder ein Krieg zu Ende geht. Dann fallen die Hilfsorganisationen dieser Welt wie ein Schwarm Toyota-Bienen über das Katastrophengebiet her.

In Nord-Kivu kümmern sich zur Zeit 84 internationale und 120 nationale NGOs (Nicht-Regierungs-Organisationen) um die Einhaltung der Menschrechte. Dazu braucht jede mindestens einen weißen Toyota-Jeep, die größeren haben eine ganze Flotte davon. In der Regel fahren die Mitarbeiter der Hilfsorganisationen damit zu einem der täglichen Meetings, wo sie besprechen, wann sie das nächste Meeting abhalten werden. Und weil es viele Meetings gibt, sind die Straßen in Goma, der Provinzhauptstadt, verstopft mit Geländewagen.

Als wir die Stadtgrenzen endlich passiert hatten, konnte Azizh seinem Wagen endlich die Sporen geben. Er fuhr „Gouverneurs-Stil“. Das bedeutet: rechter Fuß aufs Gaspedal, rechte Hand auf die Hupe. So donnerte er über die unbefestigte Lava-Piste. Am Anfang dachte ich, es sei die Angst vor einem Überfall, die ihn so antrieb. Als er aber auch in den von der kongolesischen Armee kontrollierten Abschnitten wie ein Wahnsinniger raste, wurde mir klar, dass das sein üblicher Fahrstil ist – „Gouverneurs-Stil“ eben. In den Dörfern, die wir passierten, sprangen die Menschen von der Fahrbahn, als sie uns nahen hörten. Die Besitzer der Chukudus drückten sich ängstlich an den Rand der Straße. Chukudus sind Roller aus Holz mit gummibeschlagenen Rädern. Auf ihnen lassen sich Lasten bis zu 300 Kilogramm befördern. Es gibt sie nur hier. Sie sind eine Entwicklung des Krieges - Not macht erfinderisch.

Nach einigen Stunden kamen wir in einem Dorf an, durchgeschüttelt wie Pfefferkörner in der Mühle. Nur ein paar Fahrräder und viele Chukudus waren noch auf der Straße, es herrschte eine herrliche Stille. Ich lieh mir das Chukudu eines jungen Mannes und fuhr damit über die Dorfstraße. Ich glaube, damit habe ich den Dorfbewohnern eine große Freude gemacht. Jedenfalls kamen sie aus ihren Hütten gerannt und lachten sich krumm, als sie einen weißen Mann auf dem Chukudu daherkommen sahen. Sie klatschten in die Hände, sie riefen mir Wörter zu, die ich nicht verstand, von denen ich aber annahm, dass sie freundlich gemeint waren. Am Ende des Dorfes fühlte ich mich wie Alberto Contador auf den letzten Metern der Champs-Élysées.

Azizh lag derweil unter seinem Toyota-Jeep und zog die gelockerten Schrauben an.


 


Mit ... teilen: 



Artikel empfehlen
Mein fremder Freund: Ob der Islam zu Deutschland gehört, steht dahin. Sicher jedoch ist, dass jeder von uns einen Menschen kennt und mag, der einer fremden Kultur entstammt. Anlass genug, ihn in einer kleinen Portraitfolge aus dem ominösen Migrationshintergrund treten zu lassen, eh ihn Sarrazin abschafft. Ein ähnliches Ziel haben sich die Fotografen Wim Woeber und Ralph Wentz vorgenommen, der Porträts aus der Kölner Keupstraße wir im Rahmen unserer Serie zeigen.


NEU

Streit
22.08.2011

Leidenschaften
07.06.2011

Abwesenheitsnotiz
01.02.2011

Die Stadt und ich
18.07.2011

Lieckfelds Tierleben
19.02.2012

Bel Etage
23.03.2011

KrossMedia
13.06.2011