Grün war die Hoffnung

Ein Abgesang auf die Hoffnungsträger von einst

Von Wolf Reiser

Copyright: Christoph Korth / pixelio.de

Geislingen an der Steige: Von hier aus mäandert Wolf Reiser durch ein Trümmerfeld grüner Utopien (Foto: Christoph Korth/pixelio)

Wenn man von München aus nach Stuttgart fährt, und zwar mit dem Zug, dann kommt einem so nahe der Höhe Geislinger Steige dieses schöne alte Blueslied in den Sinn: „Love in Vain“, von Robert Johnson, später auf der „Let it bleed“ als saures Tortenstück aufgebacken. In Sachen Backkunst: Auch fällt einem Jürgen Klinsmann ein, der mir damals, ich war in der B-Jugend Heidenheims, sagte, er würde jeden Morgen barfuß von Geislingen nach Stuttgart laufen, wenn er einmal beim VfB spielen würde. Von seinem ersten echten VfB-Gehalt kaufte er sich dann aber zügig einen VW-Käfer-Cabrio, typisch Warmduscher halt, wie sein WM-Freund Lothar M. später bei jeder Gelegenheit sagen sollte und damit die gesamte homoerotische Unterwanderung des DFB meinte. Aber Schwamm drüber, es geht hier um die Landtagswahl in BW, die Schicksalswahl für Europa, Kapital oder Sozialismus, Jesus oder Wallstreet, Gut oder Böse.

Hier links und rechts der rußigen Geleise bin ich groß geworden. In unserer Kiffer-WG  – es war jene Zeit des Übergangs, in der Al Jarreau Instrumente nachahmte, die Dire Straits recht cool zum Tanz aufspielten und die fürchterliche, brunzdumme Police das Jahrzehnt verdüsterte – übernachteten manchmal die letzten RAF-Größen, sie kamen und gingen, wie junge Leute aus dem alten Testament, schweigend wie Clint Eastwood, ernst wie Stalin und beritten mit einem fliederblauen Porsche. Baader hatte stets automobilen Stil und über den Eros seiner blonden Clyde konnte man verschiedene Ansichten vor sich hindenken. Wir waren stolz auf unsere VIP-Gastgeberrolle und schwiegen, denn Schweigen war groß in Mode damals, nur Sting blökte blöde in die Welt.
 
In so einem Zugabteil verwischen sich die Eindrücke, die Zeiten gehorchen nicht mehr so sehr dem Kalender, es ruckelt und rappelt und bei Süssen spritzt mir tatsächlich der Macon-Village aus dem Mitropa-City-Becher. Die Kiesinger-Ohrfeige von Frau Klarsfeld, Filbingers Matrosenurteile, Meyer-Vorfelder, das wandelnde Heimsolarium, Karl Allgöwer, der einzige Fußballprofi, der sich schriftlich gegen die Cruise Missiles äußerte (gut, Ewald Lienen tat das auch, aber er hielt das Papier der Genossen eher für einen Münchner-Rück-Zusatzvertrag gegen Oberschenkelrisse), dann kam Stammheim, Mogadishu, wir jungen Helden waren längst in Berlin, Salon-Desserteure, funktionslos Däumchen drehend, warten auf das 30. Lebensjahr, um wieder in den freien Westen zurückzukönnen.

In jener Nacht, als die News oh boy aus Somalia und Stuttgart eintrafen, legte der Moderator bei Rias-Berlin den Kastratengesang namens „Saturday Night Fever“ auf. Das war das Startsignal für einen fürchterlichen Rachefeldzug, denn dann brachen wir in unserer Kreuzberger WG auf, beseelten die Straße und entfernten alle Mercedes-Sterne aus den Kühlerhauben der herumparkenden schwäbischen Luxuskarren; andernmorgens waren weit über 500 blitzende Stahlsterne vor unserem Kreuzberger Kachelofen ausgebreitet, es sah aus wie in einer weißrussischen Werkstatt und auch unsere Hände waren von Blutkrusten überzogen. So sah die Revolution aus.

Als ich ein Jahr später meinen eigenen 280er-Doppeleinspritzer fuhr, mit Elfenbeinlenkrad und rotem Lederpolster – jeder Schwabenbub muss mal so nen Daimler-Oldie steuern –, und feststellte, dass mir so ein Junkie vom KBW meinen Stern aus dem heiligen Blech gerissen hatte, nun ja, gut, ich verzichtete auf eine Anzeige, Gesinnung ist Gesinnung, und damit wären wir endlich beim Thema: die Grünen, die in zwei Tagen darauf lauern, dass sie einen Ministerpräsidenten stellen, Kretschmann, sein Name, und er kann auch alles, wie Mappus und Tanja G., außer Hochdeutsch halt, sicher auch Hölderlin zitieren, Händel trillern und Haberschlachter schlotzen.
 
Baden-Württemberg ist das Bundesland mit den meisten Freaks, Altlinken, Ökogranden, Gutdenkern, Naturverehrern, überall zwischen Bodensee, Allgäu und Härtsfeld gibt es noch Land-WGs mit Anti-Atom-Bauernhöfen, von älteren Herrschaften geführt, die früher in Isny LSD auf Sacharin herstellten und schwarzen Afghanen mit Regierungs-Goldstempel ins Schilum steckten. Auf der Toilette hängt heute noch das Che-Poster, das Zappa-Poster und die mormonenhaften Töchter singen Dylans „Sad eyed lady of the lowlands“, im Chelsea komponiert, auf den schwäbischen Lowlands- Alb zur Blüte gesungen. Und gelebt. „Green ist the colour of my life“, sang damals ein anderer Barde.

Mutlangen, bei Schwäbisch Gmünd, Millionen bewegter, bunter, grüner Menschen, Lichterkette, Händchenhalten, Missiles, SS 20, Schmidt und der Doppelbeschluß, das Ende der echten, alten, überflüssigen, verfetteten SPD, die Geburtsstunde der neuen, schlanken, agilen, hübschen Grünen, die Hoffnung, die Verbindung von Politik und Eros, trotz strickender Hennalöckchen und im Parlament herumstillender Krampfhennen, laut Streiblmax. Alles war da, damals, Grass, Jens, Böll, Küng, King, Kelly, der unvermeidliche Schily, nur die Bee Gees blieben dem Wacholderwoodstock fern. Es waren die schönsten Tage, seit Eva sich in einem Bodenseeapfel verknallte.
 
Die Grünen. Sie kamen in der ersten Metamorphose in Form von hinreißenden Mädchen, die gerne gesunde Sanddorn-Säfte tranken, auf die Waldorfschule gingen, tanzten und Flöte oder Harfe spielten. Sie hatten Gänseblümchen im Haar und sie waren keine Mädchen für eine Nacht und erst recht keine für ein ganzes Leben. Sie rochen nach Weleda-Iris&Wildkirsche und bemühten sich wie wir auch, Blochs Utopie-Amokläufe zu verstehen.
 
Mutlangen, Petra Kelly, eine Donauschwäbin wie Claudia Roth, dann diese resolute, manchmal unerträgliche, aber doch recht ehrliche Frau Dittfurt, überall war Natur, Bio, let the sunshine in, oh happy day. Der witzige Joschka, der verwunderte Herr Bastian, Schily, logisch, Mittelscheitel wie Hansi Hinterseer, mit senfgelber Krawatte und seinem wunderlichen Singsangdeutsch, die großartigen Jungs aus Hamburg um Ebermann, was für eine heitere Rasselbande, die auch Trabrenpferde mochten und Neil Young und dann am Ende noch die Tunix-Guerillas in später Fritz-Teufel-Verehrung. Der Einzug damals, zwar nicht durchs Osttor auf einem Eselsrücken, aber nicht minder jesual, die Sonnenblumen, der lange Marsch, das Entsetzen der rechten Reaktion, weil fast zehn Prozent des traumatisierten Nazivolks diese pazifistischen Bolschewiki, die 5. Kolonne Moskaus, ins höchste Haus sendeten. Schöne Tage. Grün war die Hoffnung.
 
Doch dann griff plötzlich der Apparat der Politik zu. Hunde bissen. Türen fielen, Schüsse fielen, die ersten beiden Toten wurden entdeckt. Wem sie mit ihrem Suizid zuvor kamen, bis heute ein Rätsel. Fischer und Bendit, unselige Zwillinge, unterwanderten mit süffisanter Schärfe die naiven Öko-Dorfdeppen und die versprochene Rotation wurde als erstes abgeschafft. Bendit hat ja wenigstens seinen Robespierre gelesen.

Marathon, Nadelstreifen, Belgrad, Madame Albright, die auf Joschka ähnlich betörend wirkte wie Mademoiselle Claude auf Henry Miller einst (wie sich Machos und Schoßhunde manchmal gleichen), dann Rezzo, Cem, Fritz Kuhn, Büttliküfer (ich konnte mir diesen Namen nie merken), Metzger, Oswald, als Vorreiter genau dort angekommen, wo die schwäbischen Grünen – die wichtigste Landsmannschaft innerhalb der Partei – längst sind, in der rechten Ecke der CDU mit einem brandgefährlichen Heimatbegriff, mit einer bodenlosen Unsterblichkeitsarroganz, mit einer scheinheiligen Trikolorepose, gemischt mit dieser toxisch-semi-stalinistischen alten FU-SDS-Intelligenz, mit der sie derzeit die warum auch immer empörten Stuttgart 21-Wutbürger wie Corridavieh in einen Stall pferchen, angetrieben vom japanischen Gamma-Uran.

Die letzten zwei Monate, Tiefpunkte der grünen Selbstzerstörung. Dieses unansehliche Statement der Claudia Roth, die sich da wie eine misslungene Lili-Marleen-Kopie gegen den entlassungswütigen KT-vonzu-Gutti stellte und sich dafür vor dem mir nicht namentlich bekannten G. Fock-Admiral aufbaute, sicher ein ganz ganz feiner Mann der Meere in Mausgrau, der nichts anbrennen lässt, wenn das Rumfass hölzern übers Deck kullert. Dann dieser zutiefst verlogene Wutausbruch Trittins in der eben erst verdauten Bundestags-Gutti-Stunde, in der er Thomas Mann zitierend sich auf die Seite jener deutschen Bildungselite positioniert, die ihn, Trittin für nichts als einen blutdruckgefährdeten Suppenkaspar hält.

Es ist schauerlich, wie Trittin und Roth sich als Erwachsene an die alte preußische Junkerkaste heranwanzen, es ist sogar zum Gallekotzen. Empört euch, höre ich den 100-jährigen aus Paris schimpfen! Und Cem? Da steht noch eine Frage aus, nämlich die, was er beim Bilderberg-Meeting in Athen verloren hatte, vor ein paar Jahren in Vouliagmeni (ich liebe diesen Ort, meine zweite Frau, aber was soll das hier...) als Grüner mit seltsam vertuschter US-Ausbildung. Pohle in Athen, das machte Sinn. Cem? Heli-Cem, spotten die echten Schwaben, weil er schon wieder einen Bock schoß, und statt ein Taxi zur Talkshow zu rufen mit dem Rotationsgerät herumflog.
 
Meine Schwaben werden bis zur Minute der Wahl nicht wissen, was sie wählen werden. Alles entscheidet sich in letzter Sekunde. Die BamS wird wissen, was zu tun ist. Aber es wird sich einmal in der deutschen Geschichte seit Barbarossa mal alles um grün drehen. Die idyllische Diktatur der hübschen Stuttgarter Halbhöhenlage ist am Zuge. Völker hört die Triller pfeifen! „Des send doch älles Dirrledanden“, sagte mir vorgestern der Lokführer, als wir auf Gleis 15 im Noch-Kopfbahnhof ankommen.
Wenn ich wählen dürfte am Sonntag, führe ich mit der Zahnradbahn hoch zum Vincent Klink in die Wielandshöhe und nähme eine Kuttelsuppe in Lembergersauße. 
 
Und nach der ersten Hochrechnung kommt der neue MP ins Lokal, Herr Kretschmann, mit 29.6 Prozent im Buckel und dieser gallengrünen Gesinnungs-Krawatte und bedankt sich bei uns Gästen und via TV bei allem, was nur Beine hat und redet von Richtungswechsel, radikalem Wandel und sofortiger Rotation. Sprich, er tritt nach einer Minute zurück und hinterlässt Deutschland in ratlosem Glück.


 

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Mike Ries

Freitag, 01-04-11 18:01

Ich bin beeindruckt, aber wen interessierts?
Anne Will ?

 
 

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Mein fremder Freund: Ob der Islam zu Deutschland gehört, steht dahin. Sicher jedoch ist, dass jeder von uns einen Menschen kennt und mag, der einer fremden Kultur entstammt. Anlass genug, ihn in einer kleinen Portraitfolge aus dem ominösen Migrationshintergrund treten zu lassen, eh ihn Sarrazin abschafft. Ein ähnliches Ziel haben sich die Fotografen Wim Woeber und Ralph Wentz vorgenommen, der Porträts aus der Kölner Keupstraße wir im Rahmen unserer Serie zeigen.


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