Symbolbefrachtete Vögel

Unser Bundesadler ist ein sattes Suppenhuhn

Von Claus-Peter Lieckfeld

Copyright: Dominik Baur

Die Bundeshenne (Foto: Dominik Baur)

Der Adler – einerlei ob nun Stein-, Fisch-, See-, Schlangen-, Kaiser- oder Sonstwie-Adler – ist fast seit Anbeginn der Menschheitsgeschichte schwer symbolisch und heraldisch befrachtet.

Wer sich in den Ruch waffengestützter Unbesiegbarkeit bringen wollte, wählte immer schon diesen Greif zum Emblem. Da geht eine blutrote Linie von den Römischen Legionen zum Wappenadler der USA (Bald Eagle).

Andererseits erwies sich der Vogel als biegsam. Und bunt! Die heraldischen Adler des Mittelalters waren vielfarbig und –schichtig. Besonders Farbe war Symbol tragend. Ein roter Adler stand für den Waffendienst am jeweiligen Vaterland. Wer den Aar – etwa in seinem Hauswappen – gelb kolorierte, stilisierte sich damit zum Mann von Verstand, Weisheit und Tugend. Ein weißer Adler bedeutete Reinlichkeit, Keuschheit … aber auch Freude. Grüne Adler standen für Freiheit und Schönheit, Freude, Gesundheit und Hoffnung; blaue schließlich für Treue und Beständigkeit.
Der Adler von Karl dem Großen war goldfarben. Die historische Übergröße, die Franzosen und Deutsche am Anfang ihrer Nationalgeschichte sehen, übernahm das Herrschaftssymbol des antiken Roms. Und Karls viele bedeutende, weniger bedeutende und unbedeutende Nachfolger griffen ebenfalls gern auf den Überflieger zurück, wenn es um Selbstdarstellung und Inszenierung ging. Und sie setzten bisweilen noch einen drauf: Das Reichswappen des zaristischen Russlands und auch das der Habsburger Monarchie war doppelköpfig.

Unser Bundesadler – angeblich eher dem Seeadler als dem bekannteren Steinadler nachempfunden – symbolisiert  (der Augenschein kann nicht ganz trügen) mehr satte Selbstzufriedenheit als Agilität. Die Gestalt, die da im Plenarsaal des Bundestags den Volksvertretern vorschwebt, nein vorhockt - nach ihrem Schöpfer auch Professor Gies-Adler genannt - ist etwas plump, bauchig, sehr breitbeinig. Ein platzgreifender Vogel, kein Räume-Überwinder. Das Beste, was man von ihm sagen kann, ist, dass er nicht besonders kriegerisch aussieht. Das ist auch gut und richtig so; denn im Grunde genommen, ist es mit der kriegerischen Potenz des Vogels nicht besonders weit her. Schweizer Adlerforscher bemerkten schon vor ein paar Jahrzehnten, dass heimische Steinadlerpaare einer aggressionsgebremsten Art der Geburtenkontrolle unterliegen. Wenn zu viele Jungsteinadler auf Reviersuche unterwegs sind, nötigen sie die Horstinhaber zu häufigen Droh- und Vertreibungsflügen. Das lässt ihre Eier erkalten. Und schon sinkt die Geburtenrate.

Ob schon mal einer versucht hat, aus dieser fremd gesteuerten Geburtenkontrolle á la Adler symbolische Funken zu schlagen?


 


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Mein fremder Freund: Ob der Islam zu Deutschland gehört, steht dahin. Sicher jedoch ist, dass jeder von uns einen Menschen kennt und mag, der einer fremden Kultur entstammt. Anlass genug, ihn in einer kleinen Portraitfolge aus dem ominösen Migrationshintergrund treten zu lassen, eh ihn Sarrazin abschafft. Ein ähnliches Ziel haben sich die Fotografen Wim Woeber und Ralph Wentz vorgenommen, der Porträts aus der Kölner Keupstraße wir im Rahmen unserer Serie zeigen.


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