Funkende Meeresschildkröten

Wie Biologen die archaischen Reptilien retten wollen

Copyright: Christophe Eizaguirre

Nicht besonders chic, dafür sehr funktional ist der Schlid-Aufsatz dieser Meeresschildkröte (Foto: Christophe Eizaguirre)

Meeresschildkröten geben der Wissenschaft immer noch viele Rätsel auf. Die meiste Zeit ihres Lebens verbringen sie in den Weiten der Ozeane, so dass Forscher kaum an sie heran kommen können. Erst der technische Fortschritt ermöglicht es ihnen, nun zumindest die Bewegungsdaten der archaischen Reptilien aufzuzeichnen. Ein interdisziplinäres Projekt am Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel (Geomar) soll helfen, mehr über das Verhalten der der Unechten Karettschildkröte (Caretta caretta) auf den Kap Verden zutage zu fördern. Das Archipel, 600 Kilometer vor der Küste Senegals gelegen, beherbergt die drittgrößte Population dieser Art – nach Florida und dem Oman. Diese Population gehört zugleich mit zu den am stärksten bedrohten.

Sechs Unechte Karettschildkröten wurden mit einem Sender und Mess-Sensoren ausgestattet. Während ihrer Tauchgänge im Atlantischen Ozean funken die Geräte ihre Position via GPS und messen Umgebungsdaten wie Wassertemperatur, Salz- und Sauerstoffgehalt oder den Druck. Auf diese Weise lässt sich der Weg der kapverdischen Tiere durch den Atlantik im Verlauf von mehreren Monaten nachzeichnen. Der Druck gibt Auskunft über die Tauchtiefe. Erste Ergebnisse zeigen, dass die Meeresreptilien während der Nistzeit im Umkreis der Kapverden 10 bis 100 Meter tief tauchen. Anschliessend, auf ihrer Wanderung durch den Atlantik, tauchen sie sogar bis zu 200 Meter tief und legen in einem Monat rund 400 Kilometer zurück. Die Schildkröten kommen zudem auch nach der Eiablage, also im freien Ozean, zusammen. Warum genau, sollen weitere Beobachtungen klären.

Seit mehr als zwei Jahren arbeiten Biologen und Ozeanographen mit einheimischen Schildkrötenschützern der „Turtle Foundation” zusammen. Obwohl die Tiere auf den Kapverden unter strengem Schutz stehen, werden sie immer wieder Opfer von Wilderern, die es auf ihr Fleisch abgesehen haben. Allein auf der Insel Boavista wurden im Jahr 2007 deshalb rund 1150 weibliche Schildkröten getötet, meldete Geomar. Das entspreche 15 bis 30 Prozent der Nistpopulation auf den Kapverden, sagt der französische Evolutionsbiologe Christophe Eizaguirre, der am Kieler Institut im Projekt mitarbeitet. Für das Fleisch eines Tieres würden rund 150 Euro gezahlt – soviel wie ein durchschnittlicher Monatslohn.

Eizaguirre und sein Doktorand Victor Stiebens haben die nächtlichen Nistpatrouillen der „Turtle Foundation” begleitet. Zwischen Eiablage und dem Schlupf der Jungen vergehen zwei Monate. Kaum haben sie die Eihülle verlassen, eilen die Neugeborenen schleunigst ins schützende Meer. Dort werden sie die nächsten 15 bis 20 Jahre verbringen. Wo genau, ist unbekannt. Für die Wissenschaft sind das die rätselhaften „verlorenen Jahre”. Wenn die jungen Karettschildkröten schliesslich geschlechtsreif sind, kehren sie in ihre kapverdische Heimat zurück. Von den geschlüpften Jungen aus tausend Eiern, so Eizaguirre, bleiben nur ein bis fünf Tiere lange genug am Leben, um sich mindestens einmal fortzupflanzen. Da die Weibchen nur jedes zweite oder dritte Jahr zur Eiablage an Land kommen, dauert die Erholung einer dezimierten Population entsprechend lange.

Ein genaueres Verständnis des Verhaltens solcher sich langsam reproduzierenden Wirbeltiere soll laut Eizaguirre dazu beitragen, bessere Schutzmassnahmen ergreifen zu können. Vielleicht bestehe dann noch eine Chance, zu verhindern, was derzeit unausweichlich erscheine: Das Aussterben einzelner Schildkröten-Populationen.


 


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Mein fremder Freund: Ob der Islam zu Deutschland gehört, steht dahin. Sicher jedoch ist, dass jeder von uns einen Menschen kennt und mag, der einer fremden Kultur entstammt. Anlass genug, ihn in einer kleinen Portraitfolge aus dem ominösen Migrationshintergrund treten zu lassen, eh ihn Sarrazin abschafft. Ein ähnliches Ziel haben sich die Fotografen Wim Woeber und Ralph Wentz vorgenommen, der Porträts aus der Kölner Keupstraße wir im Rahmen unserer Serie zeigen.


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