Die Lebenden und die Untoten

Täuschungen, wie sie jederzeit geschehen

Warum tauchen die Leute im Stadtbild auf? Spiegeln Sie den Wunsch, das Unwiderrufliche widerrufbar zu machen? (Foto: FJK)

Manchmal erblicke ich im Stadtbild Personen, von denen ich meine, irgendwann ihre Todesanzeige gelesen zu haben und bin erschrocken. Tote mitten im Leben. I don’t know, what it means. Warum sind sie wieder da? Für wie lange? Oder befinde ich mich etwa selber schon im Reich der Toten, ohne es mitbekommen zu haben? Sind die Übergänge zwischen Leben und Tod fließend, kaum spürbar? Dreimal mindestens ist es mir passiert, dass ich Tote gesehen habe, wie sie durch die Stadt wandelten. Ein Student, der mit dem Auto seines Vaters verunglückt war, schwebte, allerdings geräuschlos, auf dem Motorrad durch unsere Straße. Ein Bekannter, der nach der Wende mit dem Versuch, im Osten ein Medienimperium aufzubauen, gescheitert und aus dem Leben geschieden war, stand mit einer komischen gelb-violetten Ballonmütze feixend am S-Bahnhof. Und dann stöberte eine Literatin, die unter die Straßenbahn geraten war, ein Bein verloren hatte und bald darauf gestorben war, auf dem Markt in den Auslagen herum.

Täuschte mich das Gedächtnis? Hatte ich die Sterbeanzeigen gar nicht gelesen? Oder nur im Traum, den ich dann für Wirklichkeit nahm? Leben die Toten doch? Siehe John Berger und sein Buch „Hier, wo wir uns begegnen“ – Here Is where We Meet. Der Erzähler sieht auf einer Parkbank in Lissabon eine alte Frau. „Es umgab sie jene Art Stille, die aufmerken ließ.” Es ist seine Muter, seit fünfzehn Jahren tot. Ein langes, im Leben vielleicht nicht geführtes, beispielhaft gelassenes Gespräch folgt, beginnend mit dem Satz: „Etwas, John, darfst du nicht vergessen, und du vergisst ja so schnell. Die Toten bleiben nicht in ihrem Grab, das musst du wissen.” Die Mutter sieht in ihrem Sohn nicht zu Unrecht einen Schriftsteller mit permanenten Selbstzweifeln. Und hier, wo sie sich begegnen, sagt sie ihm ein paar einfache Sätze, die geeignet sind, die Selbstzweifel, jedenfalls die lähmenden, zu zerstreuen.

Siegt der Idealismus über den Materialismus? Die wahre Wirklichkeit ist im Kopf. Auf nichts sonst können wir uns verlassen (und darauf natürlich auch nicht). Vielleicht gibt es aber auch Menschen, die ihrer Umwelt so überdrüssig sind, dass sie Annoncen schalten, mit denen sie sich aus dem öffentlichen Leben stehlen, um unbeachtet und ungestört weiter zu existieren.  Wenn ich durch die Straßen der Großstadt laufe oder in ihren Bahnen sitze, kommen solche Vermutungen hoch. Ich hätte mit dieser Literatin ja auch reden können. Nicht, dass ich erwarte, jemand zerstreue meine Zweifel. Aber man hätte der Sache vielleicht auf den Grund gehen können. Was ist wirklich los mit den Toten? Mag sein, dass ihr Erscheinen im Stadtbild nur ein Reflex des Wunsches ist, das Unwiderrufliche widerrufbar zu machen, Teilnahme von jenen zu erfahren, die sie nicht mehr geben können. Vorausgesetzt, es käme zu einem Gespräch: Brächte ich es über mich zu sagen: Bist du nicht eigentlich tot? Bist du nur vorübergehend unter uns? Bleibst du? Und wie ist es da, wo du herkommst?

Einen Augenblick später ist die Stadt wieder normal. Ein  alter Mann  marschiert über den Hackeschen Markt und ruft in Abständen: Es gibt keine Uhren mehr! Es gibt keine Uhren mehr! Oder hat er nicht Uhren geschrieen, sondern Huren? Es gibt keine Huren mehr? Ungerührt blättert eine Frau mit kurzen roten Haaren in großer Andacht in einem gut erhaltenen Hardcover der „Karthause von Parma“ von Stendhal, eine halbe Stunde lang. Dann entschließt sie sich, das Buch zu kaufen. Es kostet einen Euro. Benötigt man so viel Zeit für den Entschluss, einen Euro auszugeben? Respekt. Für die wahren Geldkenner zählt jeder Cent, auch wenn wir uns ständig anders verhalten und auch ständig dazu angehalten werden, uns anders zu verhalten. Und wenn es um  Bücher geht, sollte man nichts Überflüssiges nach Hause schleppen, nichts, was dann  neben vielen anderen verschmähten Büchern herumsteht. Seien wir doch altmodisch. Beschränken wir uns auf das, was wir wirklich brauchen. Machen wir wenigstens den Versuch. Einen Schritt in diese Richtung.

In die Hackeschen Höfe tritt ein Schüttler ein, wie in Rilkes Malte Laurids Brigge. Nach jeweils einem Dutzend Schritten bleibt er stehen, schüttelt sich und zuckt. Anders betrachtet, ist es eine Art Tanz. Ich denke an die junge Frau, die hier des öfteren ihre Kreise zieht und dabei in großem Hass unglaublich verletzende Sätze heraus schreit, mit denen sie imaginäre Feinde bedenkt. Viele Passanten fühlen sich angesprochen und provoziert, sehen aber zu, dass sie schnell aus der Nähe der Frau verschwinden. Das alles, und noch viel mehr, macht mir das Leben rätselhaft.

Die Friseurin stolpert in ihrem Salon über den Hund einer Kundin. Sie lacht erschrocken, der Hund schweigt. Ich schaue nicht so weit nach unten, sagt die Friseurin. Kann ein Fehler sein.


 


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Mein fremder Freund: Ob der Islam zu Deutschland gehört, steht dahin. Sicher jedoch ist, dass jeder von uns einen Menschen kennt und mag, der einer fremden Kultur entstammt. Anlass genug, ihn in einer kleinen Portraitfolge aus dem ominösen Migrationshintergrund treten zu lassen, eh ihn Sarrazin abschafft. Ein ähnliches Ziel haben sich die Fotografen Wim Woeber und Ralph Wentz vorgenommen, der Porträts aus der Kölner Keupstraße wir im Rahmen unserer Serie zeigen.


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