Es war einmal eine Fußball-WM

… und was ich von ihr behalten habe

Von Fritz-Jochen Kopka

Kann sein, dass die Hitze in der Großstadt mit einer Fußball-WM besser zu ertragen als ohne eine Fußball-WM. Den Anfang habe ich noch auf Usedom gesehen, also, als wir offenkundig schon Weltmeister waren nach Deutschland gegen Australien 4:0. Da war das Wetter noch grenzwertig und einmal verdunkelte sich der Tag total, der Sturm brach los und anschließend lagen einige Bäume auf den Straßen. Serbien gegen Deutschland habe ich schon wieder in Berlin gesehen, danach waren wir nicht mehr Weltmeister und Schuld waren der Schiedsrichter und Badstuber, den ich Badestube nenne. Vielleicht hatte aber auch der Fußballgott einfach nur unseren Coach strafen wollen, der sich in der Pressekonferenz auf mädchenhafte Weise zierte, als er meinte, er, der Herr über Glück und Unglück, werde vielleicht etwas an der Aufstellung ändern (Kann sein, dass ich mir etwas einfallen lasse, kann sein, kann sein, mal sehen…), was er dann nicht tat. Und so weiter und so weiter und so fort bis zum letzten Tag, wo ich 116 Minuten lang zitterte aus Angst, dass Holland Weltmeister werden könnte. Das hätte für mich das gesamte Turnier entwertet. Die Holländer hatten ein paar schwere bad boys in ihren Reihen und spielten den hässlichsten Fußball. Schrecklich, was Erfolge mit Menschen und Fußballnationen anrichten können, da kann sich Frankreich echt über seine Misserfolge freuen. Ich will noch gar nichts über de Jong und seine Kung-fu-Beine sagen Wer mir auf die Nerven ging, war der Rekonvaleszent Robben, der jeweils  wie Ikarus los flog, um beim geringsten Körperkontakt abzustürzen, so dass der eben noch stolze Überflieger wie ein siecher Greis in wüsten Zuckungen am Boden wand. Arbeitsteilig stürmte  sein Kumpan van Bommel auf den Schiedsrichter zu, um dramatisch gelbe und rote Karten für den Gegner einzufordern, was ja gegen Brasilien auch funktionierte – dieses Schmierentheater ging mir gegen Strich. Einen Spieler wie van Bommel, gut, soll er bei Bayern München den Leader spielen, aber bei einer Fußball-WM sollte man ihn aus dem Verkehr ziehen…

Über die deutsche Mannschaft (die Unsrigen, wie der Russe sich ausdrückt) kann man nur das Beste sagen und ein paar Details dazu.  Früher spielte die Mannschaft etwa so schwach wie die Reporter, die über sie berichteten, Patrioten, die sofort umfielen, wenn sie sahen, dass die Mannschaft unterlegen war. Diesmal spielte sie weit überm Niveau der Reporter, von denen ich die Platzhirsche ebenso wenig ertrage wie die Nachrücker, die es für witzig halten, wenn sie statt Ball „das Spielgerät” sagen. Wie soll man denn so was aushalten.

Wir haben uns gestritten, wer im deutschen Team die tragische Gestalt war; mein e-mail-Freund meinte Gomez, nein, sagte ich, Gomez wurde immer wieder eingewechselt, weil Jogi Löw wohl doch einen Sinn für Humor hat, er war die komische Figur und schwebte mit dem verzückt-selbstgefälligen Gesicht eines Schlafwandlers zwischen den Szenen des dramatischen Geschehens hindurch, gerade so, wie die Wahrheit manchmal zwischen den Zeilen eines Textes steht. Es sollte ihm nicht noch einmal widerfahren, dass er frei einen Meter vor dem Tor steht und den Ball über den Balken schießt. Procol harum. Neben allen Dingen sein.  Die tragische Gestalt des deutschen Spiels war zweifellos Miro Klose, dank Jogi Löw wiederauferstanden von den Geistern, er feierte seine Tore mit verkrampfter Miene und einem Kreis, den er mit Daumen und Zeigefinger formte, er brachte Deutschland auf den Weg ins Viertelfinale, als er sich den Abschlag von Manuel Neuer schnappte und im Fallen und Wiederaufstehen, im Zittern, Zerren und Zagen, mehr tot als lebendig gegen die feindlichen Mächte behauptete und verwandelte, da dachte ich an Hemingway, Klose war the Old Man and the Goal, Es war ein alter Mann, der in einem kleinen Boot allein im Golfstrom fischte, und er war jetzt vierundachtzig Tage hintereinander hinausgefahren, ohne einen Fisch zu fangen… Und dann fing der alte Mann diesen großen Fisch gegen England, und dann noch einen gegen Argentinien, aber im entscheidenden Spiel gegen Spanien war von all den schönen Toren nur noch ein skelettiertes  Etwas übriggeblieben, der alte Mann war ohne jegliche Torgefahr geblieben, und als der Trainer dann wieder die komische Figur einwechselte, sagte der Reporter: Jetzt is ruam, was soviel heißen sollte wie: Jetzt haben wir uns aufgegeben.

Jogi Löw ist ja der Trainer, der sich seine Legenden selbst ausdenkt. Er ist der Mann, der an seine Männer glaubt, an die sonst keiner mehr glaubt. Er glaubte an Arne Friedrich und bekam recht. Er glaubte an Lukas Podolski und bekam, nun ja, auch recht. Er glaubte an Miro Klose, nicht wahr, und bekam in mehreren Spielen recht. Er glaubte an Mario Gomez, und wenn Gomez gegen Spanien getroffen hätte, wäre ein neuer Mythos geboren worden. Jogi Löw und die Transzendenz. Aber es war ausgeschlossen, dass Gomez traf. Schon sein selbstverliebtes Dreamer-Lächeln ließ das nicht zu.

So wurden wir Dritter und konnte zufrieden sein. Es fragt sich nur, warum die Spanier mit ihrem magischen Mittelfeld und ihrem hellwachen Stürmer David Villa so wenige Tore schossen und gegen Holland tatsächlich in Gefahr gerieten. Die Antwort ist leichter als gedacht. Die Spanier schießen ungern Tore, weil sie damit ihren genialen Spielfluss unterbrechen müssen. Der Ball muss aus dem Tor geholt und zur Mittellinie getragen werden. Die Mannschaften müssen sich wieder in ihren Hälften formieren und darauf warten, dass der Schiedsrichter das Spiel wieder anpfeift. Das alles kann den Spaniern nicht gelegen kommen, schon gar nicht meinem Lieblingsspieler Andres Iniesta, der Auf Grund seines bleiches Gesichtes in jeder Sekunde des Spiels zu orten ist, während seine zauberhaften Aktionen immer innovative Unikate zu sein scheinen. Iniesta hat meines Wissens nur zweimal aufs Tor geschossen. Beide Male hat er getroffen, und der zweite Treffer war der Titel. Spaniens erster in der Fußballgeschichte.

Dann ließ uns der Fußball mit der Hitze der Großstadt allein. Während der WM wussten wir, warum wir schwitzen, die Tage hatten ihre Zielpunkte. Es gab ein Davor und ein Danach. Nun spielt die Hitze die Hauptrolle, sie spricht den Monolog der Gnadenlosigkeit.

Nach dem England-Spiel fuhr unter meinem Fenster ein dickliches Mädchen auf dem Fahrrad vorbei, die linke Hand am Lenker, die rechte hatte eine schwarz-rot-goldene Vuvuzela ergriffen. Das Mädchen auf der sonst menschenleeren Straße warf den Kopf in den Nacken und stieß ins Horn. Die einsame Vuvuzela klang wie das Grunzen eines Schweins. Ja, ich finde, dass die Vuvuzela insgesamt das Misslingen im Fußball akustisch markiert, den Absturz der Stars, verfehlte Angriffe, missglückte Paraden, torlose Spiele, brutale Fouls, Vergeblichkeit. Die Vuvuzela macht die Begleitmusik dazu. Ihre Misstöne sind irgendwie wahr.

 


 


Mit ... teilen: 



Artikel empfehlen
Mein fremder Freund: Ob der Islam zu Deutschland gehört, steht dahin. Sicher jedoch ist, dass jeder von uns einen Menschen kennt und mag, der einer fremden Kultur entstammt. Anlass genug, ihn in einer kleinen Portraitfolge aus dem ominösen Migrationshintergrund treten zu lassen, eh ihn Sarrazin abschafft. Ein ähnliches Ziel haben sich die Fotografen Wim Woeber und Ralph Wentz vorgenommen, der Porträts aus der Kölner Keupstraße wir im Rahmen unserer Serie zeigen.


NEU

Meine Leute
02.02.2011

Abseits
28.06.2010

Abwesenheitsnotiz
11.03.2010

Die Stadt und ich
22.07.2010

Wiese und Weltall
13.09.2010

Bel Etage
22.02.2010

KrossMedia
17.01.2011