Noch was zu holen

Wie eine Verlagspleite für späte Überraschung sorgte

Von Sabine Böhne

Kürzlich bekam ich eine bemerkenswerte Mail. Absenderin war Carla Simon, Rechtsanwältin in der Leipziger Insolvenzkanzlei Hermann. Sie fragte nach meiner Kontoverbindung, um meinen Gläubigeranteil überweisen zu können. Ich rückte meine Brille zurecht, näherte die kurzsichtigen Augen dem Monitor und las die Anfrage ein zweites Mal. Kein Zweifel: Nach der Pleite eines meiner Auftraggeber vor zehn Jahren hatten Juristen das Restvermögen ermittelt und begonnen, es auf die Geprellten zu verteilen.

Viele Kollegen können den Beginn der Medienkrise von 2001, als nach dem Platzen der Internetblase das Anzeigengeschäft in den Verlagen einbrach, durch ein sinnfälliges Ereignis persönlich datieren. Dem erfolgreichen Fotografen wurde ein bereits erteilter Großauftrag storniert, der Redakteurin eines Hamburger Reisemagazins nach Jahren der Festanstellung gekündigt. Für mich begann die Medienkrise mit der Einstellung des neuen Gesundheitsmagazins „my media“. Es war ein Kind der „New Economy“. Risikokapitalgeber hatten den gleichnamigen Leipziger Verlag aus der Taufe gehoben. Charlotte Seeling, Ex-Chefin von Marie Claire und Vogue, zeichnete für das anspruchsvolle Konzept verantwortlich. Ihre Beraterin Christa Geissler, ehemalige Chefredakteurin von Cosmopolitan, heuerte mich an. Honorar, Spesenregelung und Umgangston standen quasi in der Tradition des goldenen journalistischen Zeitalters. Bis zu jenem rabenschwarzen Tag im Januar 2001. Gerade hatte ich ein Portrait über eine blinde Schriftstellerin geschrieben, als ein Brief von der Chefredakteurin in der Post lag. Darin teilte sie lapidar das noch nie Erlebte, absolut Unfassbare mit: Der Verlag hatte Insolvenz angemeldet. Die Redaktion sei bedauerlicherweise nicht in der Lage, die Honorare zu bezahlen. Es stünde mir frei, meine Forderungen in Höhe von 5.350 Mark plus Spesen beim Insolvenzverwalter geltend zu machen. Ich tat wie mir geheißen und trank einen Grappa.

Der Abschwung erfasste die Branche in den folgenden Jahren mit unbekannter Wucht. Die Werbeeinnahmen in den Zeitungen- und Zeitschriftenverlagen gingen drastisch zurück. Stellenabbau war die Folge. Im Jahr 2002 wurde die „Woche“ eingestellt. Andere gingen in die Offensive. Vor allem die Zeitschriftenverleger versuchten mit der so genannten „line extension“ Marktnischen zu entdecken. Allein im Jahr 2003 brachten sie rund 230 neue Titel auf den Markt. Immer weniger Redakteure mussten immer mehr Seiten produzieren. Die Honorare sanken. Recherchereisen wurden gekürzt, Verpflegungspauschalen inklusive Hotel-Frühstück gestrichen. Immerhin blieb die Auftragslage gut. Wir arbeiteten wie besessen gegen die Sparwut an.

Im Laufe der Jahre vergaß ich die leidige Pleite von „my media“. Aus dem Grund versäumte ich auch, nach einem Umzug der Insolvenzverwalterin meine neuen Daten mitzuteilen. Daran sollte es jedoch nicht scheitern. Nachdem die Rechtsanwältin Carla Simon per Mail nachgehakt hatte, überwies sie umgehend 780,22 Euro. Der Betrag entspricht 26,89 Prozent der ursprünglich in D-Mark „angemeldeten und festgestellten Forderung“ plus Zinsen. Insgesamt 503 Gläubiger waren im Boot, darunter Journalisten und Bildagenturen ebenso wie Hotelbesitzer, Auto-Leasingfirmen und Polizeipräsidenten, die auf ihren Bußgeldern sitzen blieben. „Sie haben Glück gehabt“, sagt Carla Simon. „Die Ausschüttung ist in diesem Fall überdurchschnittlich hoch, weil die Konten bei Verfahrensbeginn noch nicht leer waren und die Firma frühzeitig Insolvenz angemeldet hat. Andere wurschteln so lange weiter, bis nichts mehr geht.“ Glück im Unglück? Irgendwie schon. Nach zehn Jahren kam die Überweisung wie ein warmer Regen. Es lebe der Rechtsstaat.


 


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Mein fremder Freund: Ob der Islam zu Deutschland gehört, steht dahin. Sicher jedoch ist, dass jeder von uns einen Menschen kennt und mag, der einer fremden Kultur entstammt. Anlass genug, ihn in einer kleinen Portraitfolge aus dem ominösen Migrationshintergrund treten zu lassen, eh ihn Sarrazin abschafft. Ein ähnliches Ziel haben sich die Fotografen Wim Woeber und Ralph Wentz vorgenommen, der Porträts aus der Kölner Keupstraße wir im Rahmen unserer Serie zeigen.


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