We löw you, Müller!

Im Pfarrheim von Pähl ist der Teufel los

Auf meiner Penne gab es zwei Müllers, sie müllerten so vor sich hin und ganz im Ernst: Sie waren arme Schweine und hatten bei uns Nichtmüllers nichts zu lachen. Überhaupt nichts zu lachen. Sie wurden einfach so weggemüllert und kriegten gern auch mal was auf ihren Müller; selbst schuld, dachten wir, wenn man so einen gemeinen Namen hat. Den Schröders, Schulzes und Schmidts ging es übrigens genauso während meiner Schulzeit, die durch die jeweils zweijährige intensive Beschäftigung mit der Untertertia und Obersekunda bei mir ein wenig länger dauerte.

Denkbar schlecht so ein Name wie Müller. Fällt nicht auf, hat immer Lust aufs Wandern und ist so stinknormal wie der Bunsenbrenner im Chemieunterricht. Müller dir einen! Dramaturg Heiner Müller quälte uns mit seinen Büchern. Kein Wunder, dass wir unsere Müllers dadurch noch mehr hassten. Der eine Müller musste ständig die Tafel putzen und dem Lehrer die Tür aufhalten, der andere Müller hatte dann doch kurz vor dem Abitur seinen großen Auftritt. Nachdem wir ihm gefühlte hundertmal den Hintern mit Zahnpasta eingeschmiert und ihn am Kartenständer standrechtlich erhängt hatten. Da bekam er nämlich einen Klassenbucheintrag mit der Bemerkung unserers Biologielehrers, dass Müller wegen Schwätzens bei der Befruchtung stören würde.

Doch jetzt hat ein Müller Sportgeschichte geschrieben. Schon wieder ein Müller, ein zweiter Müller. Der erste Müller hieß Gerd Müller und schoss uns 1974 diese verdammten Holländer vom Hals, als die vor breiter Brust kaum mehr in ihre Wohnwagen passten. Da kam kleines dickes Müllerlein und müllerte uns zum Weltmeister. Drehung, Schuss, drin. Ich werde nie das blöde Gesicht von Johan Cruyff vergessen, selbst in der Niederlage eine Fratze der Überheblichkeit. Mann, Müller, tat das gut! Was ihm danach nicht weiter half, als er mit seinem Steakhaus in Florida pleite machte und sich deswegen regelmäßig einen über den Durst trank. Nein, nicht mit Müllermilch. Wenn ihn die Bayern und ihr Kaiser damals nicht wieder so hübsch trocken gelegt hätten, wäre der Schuss sicher eines Tages nach hinten gemüllert.

Der andere Müller heißt Thomas und musste noch im letzten Jahr gegen Jahn Regensburg spielen. Doch jetzt hat er England besiegt und mehr Tore geschossen als Lionel Messi und Cristiano Ronaldo zusammen. Noch mal, zum Mitschreiben: WIR HAUEN ENGLAND WEG, nachdem die von der Insel vorher schon martialisch tönten: Wir haben es 1945 und 1966 zum Sieg geschafft, dann bitteschön auch gegen diese deutschen Kinder. Ha. Gerade diese deutschen Kinder haben es ihnen gezeigt, und ganz besonders der Müller. 4:1! Vier zu eins! Man kann es gar nicht häufig genug hören. We löw jou, Jungs. Völlig losgelöwt, du Knüller-Müller! Keine Zeile ist derzeit zu peinlich, als dass sie nicht erwähnt werden sollte. Doch es war nicht nur Müller, es waren alle braven Buben von Onkel Jogi, vor denen wir uns ruhig mal  verneigen sollten. Auch wenn ein bisschen Wembley dabei war. Erstens sind wir endlich quitt und zweitens: Was können wir dafür, dass die Schiris bei dieser WM so erbärmlich pfeifen?

Die Kinder haben es uns gezeigt. Aber wie. Sie haben uns das hässliche Lästermaul gestopft, das ihnen noch vor ein paar Tagen nichts zutraute und schon bei Ghana glaubte,  dass wir uns schwarz ärgern müssten. Jetzt steht der Mund offen und staunt, mindestens. Man braucht ihnen nicht unbedingt die Stollen zu küssen, aber einmal runter, wäre nicht schlecht. Sich vor so einer historischen Leistung verneigen, die Respekt verdient. Darf ich vorstellen? Schland-o-Schland? Vor zwei Wochen waren wir fast noch Schand-o-Schand! Arne Friedrich, der unserer Hauptstadt die zweite Liga und Cottbus bescherte. Lukas Podolski mit Köln, na ja, Bergheim ist doch immer dabei. Miroslav Klose, in München mit Mario Gomez ohne Dank auf der Bank.  Michael Ballack war bereits vorher weggetreten und René Adler hatte eine dicke Rippe. Sie alle hätten eigentlich das Selbstbewusstsein von Suppenhühnern haben dürfen, die plötzlich fliegen wollen. Der Rest ist bekannt.

Im Pfarrheim Pähl war jedenfalls der Teufel los. In der Heimat von Thomas Müller am Ammersee, wo Spielen noch wie wie Spülen klingt. Da gab es 200 Liter Freibier im Angesicht des Herrn; endlich mal was los in der Perle des Pfaffenwinkels, ach so, nicht zu vergessen, die Freiwillige Feuerwehr bekommt demnächst eine neue Homepage.

MÜLLER! Einfach nur Müller. 400 000mal in Deutschland, allein vier Bottrops könnte man mit Müllers füllen. Und die Nationalmannschaft hat nicht nur Gerd und Thomas derer von Müller, sondern auch Bringfried, Dieter, Ernst, Friedrich, Hansi, Helmut, Henry, Joachim, Jochen, Josef, Klaus, Ludwig, Matthias und René in den gesamtgermanischen Reihen. Von Lokomotive Erfurt bis Victoria Hamburg, von Phönix Ludwigshafen bis Turbine Erfurt. Der Name Müller kommt von Molinarius, von dem mit der Mühle, und wurde im Mittelalter nur als Vorname genutzt; und weil damals fast jeder eine Mühle besaß, wenn er nicht Hufschmied war, verbreitete sich der Name so schnell wie die Pest in den Armenhäusern. Alles Müller oder was?

Alles Thomas Müller, aber ohne oder was. Erst haut er den Engländern kaltblütig zwei rein und grüsst dann die beiden Omas und den Opa liebevoll lächelnd übers Fernsehen. Wusste er da schon, dass sie den armen Briten auch noch die Unterhosen im Hotel geklaut hatten? Seine Frau Lisa war mit im Stadion, er ist zwanzig und verheiratet, in dem Alter hatte ich, siehe oben, nicht mal meine geistige Reife; auch nicht zu verachten: Seit heute wissen wir, dass er am liebsten Maracujasaftschorle trinkt und innigst die Pferde seiner Gattin liebt. Mein Bayrisch ist zwar richtig saupreußisch, aber gestern meinte ich bei der Liveübertragung aus der Pähler Kirchenkneipe folgendes vernommen zu haben: Derbuaisamuhackldreckerterhostmi? 

Es klang sehr nett und sehr stolz, gar nicht nach Müller, außerdem bin ich sicher: Der Müller Thomas müllert am Samstag auch die Argentinier weg. Host mi? Damit der Messi zuhause endlich aufräumen kann.



 


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Mein fremder Freund: Ob der Islam zu Deutschland gehört, steht dahin. Sicher jedoch ist, dass jeder von uns einen Menschen kennt und mag, der einer fremden Kultur entstammt. Anlass genug, ihn in einer kleinen Portraitfolge aus dem ominösen Migrationshintergrund treten zu lassen, eh ihn Sarrazin abschafft. Ein ähnliches Ziel haben sich die Fotografen Wim Woeber und Ralph Wentz vorgenommen, der Porträts aus der Kölner Keupstraße wir im Rahmen unserer Serie zeigen.


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