Ballack
Kein Nationalspieler mehr, kein Kapitän
In dieser Atmosphäre geschieht es, dass man meint, sich für Michael Ballack engagieren zu müssen. Von Jürgen Klinsmann, dem Romantiker auf dem Trainerstuhl, im Vorfeld des Sommermärchens 2006 zum Capitano erhoben, ist er nun, fünf Jahre später, von Joachim Löw, der Ölfunzel als Bundestrainer, aus der Nationalmannschaft befördert worden mit einer ebenso kühlen wie heuchlerischen Würdigung seines Schaffens.
Damals hatte Klinsmann Löw zu seinem Assistenten gemacht, einen Trainer mit relativ kurzen Gastspielen in deutschen, türkischen und österreichischen Ligen. Klinsmann trat nach der WM zurück und machte sich damit zusätzlich die Feinde, die er nicht schon vorher hatte (Romantiker sind auf Dauer nicht besonders beliebt). Löw wurde sein Nachfolger, und die Klinsmann-Feinde erfanden nun die Mär, dass die Erfolge Klinsmanns eigentlich die Erfolge Löws seien. Es ist nicht besonders verwunderlich, dass jemandem, der freiwillig seinen Posten abgibt, in unserer Atmosphäre ordentlich Dreck hinterher geworfen wird. Es war aber zutiefst irritierend, mit welchem Wohlgefallen sich der gerade noch so loyale Joachim, genannt Jogi, die Loblieder auf sein Schaffen und die Denunziation Klinsmanns anhörte, ohne auch nur den leisen Versuch zu machen, da etwas zurechtzurücken. Da zeigt sich schon die Stärke eines negativen Charakters.
Löw wurde mit seinem Team Zweiter bei der EM 2008 und Dritter bei der WM 2010. 2008 mit Ballack, 2010 ohne ihn. Schöne Erfolge, die sich relativieren, wenn man sich erinnert, wie chancenlos das Löw-Team jeweils gegen den späteren Champion Spanien war. Erfolge auch, die durchaus geeignet sind, einen miesen Charakter noch weiter zu verderben. Schon gleich nach der EM ’08 gab Löw die Parole aus, dass Ballacks Rolle im Team nicht mehr konkurrenzlos sei, vielmehr durch junge Spieler wie Thomas Hitzlsberger und Simon Rolfes beansprucht werde. Spieler übrigens, von denen man danach nicht mehr viel gehört hat. Es rächt sich oft, wenn man den Mund zu voll nimmt. Löw hatte damit indirekt die Schuld für den nicht erreichten Meistertitel an Ballack delegiert, der damals gewisse Schwierigkeiten hatte, seine Rolle als unersetzbarer Spieler im deutschen Team auszufüllen. Teilweise stellte er auf dem Feld mehr den Weltstar dar, als Fußball zu spielen. Ein kluger, menschlich reifer Trainer hätte ihm durchaus helfen können, aber Ballack musste sich selbst helfen, und er half sich selbst.
Dann kam also die WM. Für Ballack gleichsam die letzte Chance, einen großen internationalen Titel zu gewinnen, bitter genug, dass er sich im Vorfeld eine schwere Verletzung zuzog. Die deutsche Mannschaft machte ihre Sache trotzdem gut, warum auch nicht, war gegen Spanien allerdings wiederum chancenlos, und Philipp Lahm, als Ersatz für Ballack neuer Kapitän, zeigte, dass das emsige Studium der Bild-Zeitung durchaus Gewinn bringen kann. Dem am Stock gehenden Ballack rief das brave Bürschchen hinterher, dass es, das Bürschchen, nicht gedenke, die Kapitänsbinde freiwillig wieder abzugeben, obwohl das zu jener Zeit gar kein Thema war. Und Jogi schwieg.
Er hatte ja auch geschwiegen, als Lukas Podolski in seiner hohlen Art dem Capitano Ballack im Qualifikationsspiel gegen Wales auf offenem Feld eine Ohrfeige verpasste, eine astreine Unterschichten-Aktion. Löw hätte die Autorität seines Kapitäns mit einer Strafe für Podolski halbwegs retten könne, aber das wollte er offensichtlich nicht, denn der Capitano war ihm zu mächtig.
Löw ist ein Meister der Ungleichbehandlung. Während Podolski straffrei ausging und sich bestätigt fühlen konnte, wurde Kevin Kuranyi, der aus Enttäuschung, dass er nicht mal als Auswechselspieler auf der Bank sitzen durfte, das Stadion bei einem Länderspiel vorzeitig verlassen hatte, für alle Zeit aus der Nationalmannschaft verbannt. Auch ist der Bundestrainer begabt darin, sich ein schwaches Umfeld zu schaffen, das ihn selbst, den Nivea-Mann, leuchten lässt. Es geht mir mächtig auf die Nerven, ihn zeitlupenhaft und selbstgefällig mit dem Ball jonglieren zu sehen, wenn ich kicker-online aufmache. Mit Philipp Lahm hielt dann das Schlagwort von den flachen Hierarchien Einzug. Lahm Kapitän, Schweinsteiger emotional leader, jeder im Team eine Führungsgestalt, dieser ganze Quatsch. Ballack wurde im Nachhinein und unter der Hand zum Diktator gemacht. Er und Matthias Sammer waren plötzlich die reaktionären Betonköpfe des deutschen Fußballs, dabei waren und sind sie es, die für modernen Fußball stehen.
Es geht gar nicht darum, dass Ballack das Team noch einmal zur Europameisterschaft führt. Es wäre um den simplen Versuch gegangen, ihn im erneuerten Umfeld spielen zu sehen und ihm noch ein paar Einsätze ermöglichen, damit er die 100 Länderspiele komplettiert. Ein Abgang, bei dem niemand das Gesicht verliert. Nun bietet Löw ihm an, ihn mit seinem 99. Länderspiel (Freundschaftsspiel gegen Brasilien) feierlich aus der Nationalmannschaft zu verabschieden. Ballack wird zum Alterspräsidenten der Nationalmannschaft gemacht, dem man mit großmütiger Geste ein Gnadenbrot reicht. Das ist eine Demütigung, der reine Hohn. Ballack hat dankend abgelehnt. Ich hoffe, er bleibt dabei.
Wie ich das Leben kenne, werden dem Jogi diese schofligen Aktionen irgendwann auf die Füße fallen. Er hat nicht begriffen, dass sein Personal nicht ganz so gut ist, wie er vermutet. Im Leben eines Fußballers geht es rauf und runter. Das ist keine gleichmäßig ansteigende Bahn. Schweinsteiger spielt heute schon pomadiger als Ballack 2008. Da wäre wieder ein menschlich reifer Trainer gefragt, den wir leider nicht haben, jedenfalls nicht in der Nationalmannschaft. Thomas Müller scheint schon mit 21 über seinen Zenit hinaus zu sein. Und Sami Khedira offenbart nach seiner Verletzung nur allzu deutlich, dass ihm Spielpraxis fehlt, die er möglicherweise demnächst bei Real Madrid auch nicht erhalten wird. Denn dort spielt nun auch Nuri Sahin. Und auf der Trainerbühne stehlen innovative Typen wie Jürgen Klopp und Thomas Tuchel dem Bundes-Jogi laufende Meter die Show. Da hilft dann auch kein tailliertes Hemd mehr.




