Rhino-Räuber in Europa

Trophäenjäger machen selbst vor der deutschen Provinz nicht Halt

Von Monika Rößiger

Copyright: Museum im Ritterhaus Offenburg

Fotos: Museum im Ritterhaus Offenburg

Die Diebe schlugen am helllichten Tage zu und das buchstäblich mit dem Vorschlaghammer. Im badischen Offenburg besuchten sie das städtische Museum im Ritterhaus, einem schmucken Herrenhaus aus dem 18. Jahrhundert. Was sie interessierte, waren nicht etwa die Erze und Gesteine aus dem Schwarzwald, sondern die Exponate der kolonialgeschichtlichen Abteilung. „Die vier Täter, von denen zwei die Aufsicht ablenkten, gingen dabei besonders dreist und brutal vor,“ berichtet Museumsleiter Wolfgang Gall. „Sie lösten das Rhinozeros-Kopfpräparat, das in mehr als vier Metern Höhe an der Wand des Ausstellungsraumes angebracht war, aus seiner Verankerung und schleiften den rund 75 kg schweren Schädel in den Nebenraum.“ Dort schlugen sie die beiden Hörner des Spitzmaulnashorns ab und flohen unerkannt mit ihrer Beute.

Der Raub der Rhino-Hörner ist nicht der erste dieser Art. Eine Woche nach der Tat in Offenburg überfielen Mitglieder der sogenannten Nashorn-Bande einen Tierpräparator in Wien. Und der wurde bereits ein paar Monate zuvor von Horndieben heimgesucht – ebenso wie Auktionshäuser, Galerien, Jagd- und Naturkundemuseen in ganz Europa im Jahr 2011. Von Schweden bis Italien, von England bis Tschechien. Fünfmal waren Sammlungen in Deutschland betroffen, darunter das Zoologische Museum der Universität Hamburg, wo im Juni 2011 vier Hörner und ein Nashorn-Schädel gestohlen wurden.

Noch schlimmer fällt die Bilanz für die noch in Afrika und Asien lebenden Tiere aus: Allein in Südafrika wurden im vergangenen Jahr nach offiziellen Angaben rund 450 Nashörner von Wilderern getötet. Darunter 19 der vom Aussterben bedrohten Spitzmaul-Nashörner. Die Umweltorganisation WWF warnte Anfang dieses Jahres vor einer „Zuspitzung der Wilderei-Krise“. Es sei äußerst bedenklich, so Volker Homes, Leiter Artenschutz beim WWF Deutschland, dass selbst in der Republik Südafrika die Wilderei derart zugenommen habe. Gemessen an anderen afrikanischen Ländern funktionierten Schutzmaßnahmen, Nationalpark-Management und der Strafvollzug dort nämlich gut. Wilderern und Schmugglern drohten bis zu 16 Jahre Gefängnis; und im vergangenen Jahr habe es in Südafrika mehr als 230 Festnahmen wegen solcher Delikte gegeben.

Weltweit ist der Handel mit Hörnern oder Hornprodukten verboten

Grund für die Jagd auf die zwei bis drei Tonnen schweren Kolosse oder ihrer Trophäen in Europa sind die stark gestiegenen Preise auf dem asiatischen Schwarzmarkt. Zeitweise können sie noch den Goldpreis erheblich übertreffen. Pulverisiertes Horn gilt als Wundermittel in der Traditionellen Chinesischen Medizin, es soll alles Mögliche kurieren, von Krebs bis Impotenz. Obwohl es dafür keine wissenschaftlichen Beweise gibt, ist der Glaube an seine Wirksamkeit ungebrochen. „Da es sich, chemisch betrachtet, um die gleiche Substanz wie Fingernägel oder Haare handelt“, erklärt der Biologe Manfred Niekisch im „National Geographic“-Magazin, „hat das Nasenhorn auf die Potenz die gleiche Wirkung wie gekaute Fingernägel. Nämlich gar keine.“

Niekisch ist Direktor des Frankfurter Zoos, in dem auch zwei Nashörner leben. Dementsprechend hat er sich gegen mögliche Attacken auf die Tiere wappnen müssen – so wie andere Tiergärten und Safariparks im In- und Ausland auch. Bislang sei zwar noch kein Nashorn in einem Tierpark angegriffen worden, aber die Bedrohung dauere an. Der wachsende Wohlstand in Asien habe zu einer erhöhten Nachfrage nach solchen teuren Tierprodukten geführt. Und solange Kunden, die es sich leisten können, horrende Preise dafür zahlen, werden die gut organisierten, international operierenden Banden für Nachschub sorgen.

„Der Handel mit Rhino-Horn ist ähnlich schwierig zu bekämpfen wie der Drogenhandel“, sagt Niekisch. Der international anerkannte Artenschutzexperte reist für Lehraufträge auch nach Vietnam, das inzwischen eines der wichtigsten Länder für den illegalen Handel mit Horn ist und ein wichtiger Exporteur für Wildtiere nach China. Seiner Beobachtung nach formiere sich zwar auch dort eine Naturschutzbewegung, was immerhin hoffen lässt. Aber derzeit habe sie es schwer, mit ihren Gedanken ins öffentliche Bewusstsein zu dringen.

Der WWF fordert von den Behörden der aufstrebenden asiatischen Staaten Aufklärungskampagnen, um die Verbraucher zum Umdenken zu bewegen. Was, wie wir in Europa aus eigener Erfahrung (bei welchem Thema auch immer) wissen, dauern kann. Bis dahin helfen nur verschärfte Kontrollen in den Wildparks in Afrika und Asien – und erhöhte Wachsamkeit für die Nashörner im Zoo.


 


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Mein fremder Freund: Ob der Islam zu Deutschland gehört, steht dahin. Sicher jedoch ist, dass jeder von uns einen Menschen kennt und mag, der einer fremden Kultur entstammt. Anlass genug, ihn in einer kleinen Portraitfolge aus dem ominösen Migrationshintergrund treten zu lassen, eh ihn Sarrazin abschafft. Ein ähnliches Ziel haben sich die Fotografen Wim Woeber und Ralph Wentz vorgenommen, der Porträts aus der Kölner Keupstraße wir im Rahmen unserer Serie zeigen.


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