Die Finten der Sportugiesen

Portugal im Rennen - und ich mitten drin

Im Küstenort Praia do Carvoeiro ist das Konzept, ungestüme Fahrweisen und wildes Parken zu verhindern auf kostspielige Weise umgesetzt worden. Eine Vielfalt von Verkehrsschildern zieht die Aufmerksamkeit auf sich, Kopfsteinpflaster aus Granit und Kalksteinbrocken verleidet jede Beschleunigung, hochwertige Begrenzungspfähle aus Inox verhindern jeden Boxen-Stopp und Polizei überwacht die Kurve. (Foto: Rio Risotto)

Ein Landstraße im Südwesten Portugals. Die Sonne scheint. Mäßiger Verkehr, bis auf das Auto hinter mir, einer dieser landestypischen Lieferwagen. Im Rückspiegel kann ich die Bartstoppeln des Fahrers erkennen. Er ist ganz nah, folgt mir unmittelbar. Zwischen uns liegt so gut wie nichts Trennendes mehr. Knirscht es schon an der Stoßstange? Plötzlich ist er weg. Abgebogen? Nein, er zieht links vorbei, überholt, obwohl das hier gerade mal wieder verboten ist, und ein durchgehender Streifen auf der Straßenmitte, das Tempolimit von 90 km/h und alle Regeln der Vernunft dies verbieten, zumal sich in der Kurve da vorne, die zugleich ein Bergrücken ist, also doppelt unübersichtlich, die breite Front eines Trucks ins Bild schiebt, und daneben – o Schreck! – der Helm eines Motorradfahrers aufleuchtet, der auch gerade zum Überholen ansetzt. Beide, Trucker und Biker, haben etwas beunruhigend Entgegenkommendes.

Wahnsinn. Die Szene ist krankenhausreif, geht aber mais o menos gut aus. Weil ich erschrocken auf die Bremse trete, weil der Motorradfahrer, der mir entgegen rast, auf gefühlte 180 Stundenkilometer beschleunigt, und schon den Truck hinter sich lässt, und weil der unrasierte Überholer neben mir zwischen dem Motorradfahrer, dem herandonnerndernen Truck und meiner Kühlerhaube eine Lücke findet, in die er hineinstoßen kann, ohne das Tempo zu drosseln.

So ist das hier, immer wieder. Wir sind im Land der Entdecker. Der sanfte Portugiese wird am Steuer seines Autos zum Rennsportler, Formel Eins statt Fado. Das Land im äußersten Westen Europas genießt eine geographische Pole-Position. Die Gelder der EU haben es in ein Autodrom voller Rennstrecken verwandelt, ein wildes Kurvistan neuer Straßen, frisch in die Felsen geschlagen, betoniert, asphaltiert, mit Mittelstreifen dekoriert, gesäumt von Geschwindigkeit regelnden Schildern, und anderen, die Überholverbote anzeigen. Das muss der Fremde erst lernen: Schilder sind Deko, niemand richtet sich nach ihnen.

Portugal ist anders. Deutsche Autofahrer haben immer Recht, portugiesische Autofahrer immer Spaß. Sie sind nicht bösartig, nicht aggressiv, wollen nur spielen, wollen vorbei, drängeln gehört dazu; sie treiben Mannschaftssport, und wir sind niemals im gleichen Team.

Der Portugiese sucht das Weiße im Auge des Unfallgegners, weicht aber dem Crash durch eine geschickte Finte in letzter Millisekunde aus, denn er will ja seinem Auto keinen Schaden zufügen. Naturgemäß hat diese Fahrweise einige Sportugiesen aus dem Verkehr gezogen. Die Unfallrate ist hoch, schafft aber auch Vertrauen. Nur noch die Besten sind unterwegs.

Die Administration versucht dem Wahnsinn zu begegnen. „Zero Tolerança“, null Toleranz, war so ein Versuch, eine Kampagne, die null Promille im Straßenverkehr einführen sollte, aber auf Bürgerproteste stieß, weil der Wein zum Essen in der Mittagspause zur Kultur des Landes gehöre.

Im Westen der Algarve sind sie jetzt dabei, die bisher nur aufgemalten Mittelstreifen auf dem Asphalt durch kleine Mauern zu ersetzen, hoch genug, um Motorradfahrern und selbst Geländewagen das Überholen zu verleiden. Auch selten befahrene Nebenstrecken werden durch Ampeln unterbrochen, deren einziger Zweck es ist, den Verlauf des Rennens durch pädagogische Standzeiten zu unterbrechen.

Weil offenbar immer noch sehr viel Geld aus europäischen Kassen in Infrastrukturmaßnahmen fließt, werden Kreisverkehre auch dort ins Land gesetzt, wo eigentlich kaum jemand abbiegen möchte. Die neuen Verkehrsinseln werden mit Gesteinsbrocken, Denkmälern, Skulpturen und Palmen bepflanzt, Blütenträume inszeniert, Kakteengärten und Wasserkunst, je nach Verkehrsaufkommen. Bald hat Portugal mehr Inseln als Malediven und Seychellen zusammen. Ein traumhaft schönes Archipel.


 


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Mein fremder Freund: Ob der Islam zu Deutschland gehört, steht dahin. Sicher jedoch ist, dass jeder von uns einen Menschen kennt und mag, der einer fremden Kultur entstammt. Anlass genug, ihn in einer kleinen Portraitfolge aus dem ominösen Migrationshintergrund treten zu lassen, eh ihn Sarrazin abschafft. Ein ähnliches Ziel haben sich die Fotografen Wim Woeber und Ralph Wentz vorgenommen, der Porträts aus der Kölner Keupstraße wir im Rahmen unserer Serie zeigen.


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