Schiesser ist sexy

Die Marke ging unter - aber jetzt geht sie schnell weg

Von Ulla Plog

Copyright: Andrew Woodyatt

Einst der Inbegriff von Qualität - und Spießigkeit (Foto: Andrew Woodyatt)

Zum Geburtstag bekam Moritz, junger Anwalt in Hamburg, ein weiches, pflaumenblaues T-Shirt von seiner Freundin. Es ist schmal geschnitten, hat vier kleine Knöpfchen am runden Ausschnitt, und es ist von Schiesser. Moritz hat es gleich übergestreift, es war einfach ein Gefühl da, dass es richtig ist. Den Markennamen Schiesser hat er leichthin erwähnt, ohne Feixen, als stünden nicht ein Jahrhundert Textilproduktion, die Entwicklung der männlichen Unterhose in Mitteleuropa sowie ein Apercu zur deutschen Sozialgeschichte dahinter.

Schiesser, das war bis in die achtziger, neunziger Jahre der Inbegriff von Qualität. Die Baumwolle, auf einer Rundstrickmaschine eine Masche rechts, eine Masche links gestrickt. Was das dehnbare und später so gescholtene Feinripp ergab, umhüllte ganze Generationen auf komfortable Weise. Wobei, so scheint es heute, die Slips mit ihrem Weiß immer etwas erstaunlich Neutrales umgab.

Irgendetwas muss danach passiert sein. Vielleicht waren es die Importe überseeischer Boxer-Shorts, die den seitlichen Eingriff altbacken aussehen ließen. Vielleicht die schwarzen Mini-Teile aus Frankreich. Jedenfalls kippte die Qualitätsmarke ins Prüde. Ungefähr seit Peter Zadeks frühen Zeiten gilt im Theater die Feinripp-Unterhose als Symbol des Spießers. Ich kann gar nicht sagen, wie oft mir, wenn ich geschockt sein sollte, die Kombi Feinripp plus blutig aufgekratzte Oberschenkel auf der Bühne erschienen sind, wobei es sich wahrscheinlich um Feinripp 2 handelte, die Doppelrippe, die man noch gut im Zuschauerraum erkennen konnte.

Es gehört zu den Rätseln der deutschen Bühnengeschichte, dass das Verdikt, samt der theatralischen Verwurstung, damals vor allem die Unterwäsche für Männer erwischt hat. Es gab die Rechts-links-Maschenware auch für Frauen, aber daran blieb weniger hängen. Wenn ich mich nicht täusche, trug die schöne  Verführerin Sharon Stone zur gleichen Zeit in „Basic Instincts“ ein baumwollenes Achselshirt. Bis heute ist dieses Unterhemd, das mal sportlich bei Ruderern, mal proletarisch an Ur-Berlinern in der Freizeit, mal als Fanal südfranzösischer Machos aufblitzt, ein sexy Standardstück weiblicher Wäsche, wenn es spielerisch eingesetzt wird. Als Ganzes haben Baumwoll-Dessous von Hanro, Calida, Mey die Kurve ins Ökologische kratzen können, und wer würde Calvin Kleins feine Garn-Dessous als spießig abwinken?

Als die Firma Schiesser im Jahre 2009 nach mehreren Modernisierungs-, Globalisierung- und Relaunch-Versuchen schließlich Insolvenz anmeldete, fragte ich mich, mit welchen Requisiten die ehrgeizigen Stars des Regie-Theater von nun an das Elend der Verklemmung auf die Bretter bringen würden. Die neuen coolen Sachen von Schiesser sind dann auch nicht gerippt, so weit hat sich das Image nicht erholt, noch nicht.

Ich sehe das Lieblingsstück von Moritz in einem Laden im Hamburger Schanzen-Viertel, wo die Klamotten teuer sind und der Verkäufer mich duzt. Da liegt es, ein warmes Baumwollhemd mit langen Ärmeln und einem Schweiß-Einsatz im Nacken, wie es die Arbeiter in rauen Zeiten trugen. „Wenn Du eins willst, musst du dich beeilen“, sagt der Verkäufer, „die gehen schnell weg.“ Ich schau‘ auf das Preisschild. Jemand hat Humor, jemand hat das Zitat kenntlich gemacht. Auf dem kleinen weißen Papier steht einer der häufigsten Vornamen deutscher Jungen in Berlin um die vorletzte Jahrhundertwende. Das Modell heißt: Karl-Heinz.


 


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Mein fremder Freund: Ob der Islam zu Deutschland gehört, steht dahin. Sicher jedoch ist, dass jeder von uns einen Menschen kennt und mag, der einer fremden Kultur entstammt. Anlass genug, ihn in einer kleinen Portraitfolge aus dem ominösen Migrationshintergrund treten zu lassen, eh ihn Sarrazin abschafft. Ein ähnliches Ziel haben sich die Fotografen Wim Woeber und Ralph Wentz vorgenommen, der Porträts aus der Kölner Keupstraße wir im Rahmen unserer Serie zeigen.


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