Der unverdiente zweite Drink

Von den Vorzügen, ein Feinschmecker zu sein

Von Philipp Maußhardt

Copyright: Wolfgang Michal

Wer Feinschmecker Maußhardt zum Essen einlädt, lässt ihn am besten auch gleich kochen (Foto: Wolfgang Michal)

Als Journalist für Essmagazine wie „Der Feinschmecker“ zu schreiben hat einen Vorteil und einen Nachteil. Der Nachteil ist: Man wird von seinen Freunden nicht mehr zum Essen eingeladen. Sie fürchten sich vor meinem Urteil. Es hilft dabei auch gar nichts zu beteuern: „Ich liebe die einfache Küche. Es muss keine gratinierte Jakobsmuschel sein. Ihr könnt gerne Kässpätzle machen, nur: bitte, ladet mich mal wieder ein.“ Und wenn es dann doch einmal gelingt, jemanden zu überreden, dann werde ich meist schon an der Haustüre abgepasst, und der Gastgeber macht ein zerknirschtes Gesicht. Die Kartoffeln seien leider zu weich gekocht oder der Schmorbraten angebrannt. Ich rede dann beruhigend auf ihn ein und sage Sätze wie „Passiert mir auch ständig“ oder „Hauptsache, der Wein ist gut“.

Der Vorteil ist nicht jener, an den die meisten denken: dass man gut essen geht und dafür noch bezahlt wird. Finanziell lohnt sich diese Form von Journalismus nämlich nicht. Zähle ich einmal alle Restaurantrechnungen bis zu jenem Zeitpunkt zusammen, an dem ich mir erstmals ein schriftliches Urteil zu erlauben traute, kommt eine Summe heraus, für die ein Reiheneckhaus in Stuttgart-Degerloch zu haben ist. Jedenfalls sind die Investitionskosten eines Restaurantkritikers nicht einmal im Ansatz mit jenen beispielsweise eines Filmkritikers zu vergleichen.

Nein, der Vorteil für Essmagazine wie „Der Feinschmecker“ zu schreiben ist ein ganz anderer. Ich habe ihn erstmals in der Liquid Bar, einer meiner beliebteren Absturzkneipen in Tübingen, erlebt. Emmanuil, ein Grieche, macht wirklich vorzügliche Cocktails. Irgendjemand beim „Feinschmecker“ muss das auch bemerkt haben, denn eines Tages lief mir Emmanuil freudestrahlend entgegen und bedankte sich überschwänglich bei mir dafür, dass ich seine Liquid Bar in der genannten Zeitschrift unter die besten Cocktail-Bars Deutschlands erhoben hätte. Meine Antwort, ich hätte mit der Sache nichts zu tun, nahm er als Ausdruck feinsinniger Bescheidenheit und gab mir zum ersten noch einen zweiten Drink gratis dazu.

Kurze Zeit später wurde meine Metzgerei in die Liste der „100 besten Metzgereien Deutschlands“ aufgezählt, ebenfalls von der Zeitschrift „Der Feinschmecker“ und ebenfalls ohne mein Zutun. Doch weil der Metzgermeister meinen Namen einmal in dieser Zeitschrift gelesen hatte, war auch er nicht davon abzubringen, diese Ehrung könne nur mit mir in Zusammenhang stehen und steckte bei meinem nächsten Einkauf noch eine geräucherte Blutwurst und ein paar Maultaschen mit in die Tüte. Wenn ich seither die Metzgerei betrete, ruft der Metzgermeister so laut er kann: „Guten Tag Herr Maußhardt, wie geht es Ihnen, Herr Maußhardt?“ und alle Kunden in der Metzgerei schauen mich an, als wäre ich berühmt.

Das gefällt mir, und so hoffe ich, dass bald auch mein Supermarkt und mein Bäcker in irgendeine Liste von „Der Feinschmecker“ aufgenommen werden und ich auch dort Dinge in die Tüte gepackt bekomme, die ich gar nicht kaufen wollte.


 


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Mein fremder Freund: Ob der Islam zu Deutschland gehört, steht dahin. Sicher jedoch ist, dass jeder von uns einen Menschen kennt und mag, der einer fremden Kultur entstammt. Anlass genug, ihn in einer kleinen Portraitfolge aus dem ominösen Migrationshintergrund treten zu lassen, eh ihn Sarrazin abschafft. Ein ähnliches Ziel haben sich die Fotografen Wim Woeber und Ralph Wentz vorgenommen, der Porträts aus der Kölner Keupstraße wir im Rahmen unserer Serie zeigen.


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