Die ihren Tod überleben

Bärtierchen gab es lange vor uns und wird es lange nach uns geben

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Bärtierchen sind eine Gruppe archaischer Lebewesen, die verblüffende Fähigkeiten haben. Sie sind langsam aber ungemein hartnäckig.

Gerade die sehr Häufigen, die quasi Allgegenwärtigen kennt man nicht. Tardigrada ist so ein Fall von zahlenstarker Anonymität – ein Großstamm von Winzlingstieren, die meisten Arten deutlich unter der Halbmillimeter-Grenze.

Bärtierchen, so lautet der gebräuchliche deutsche Name der Tardigraden, tapsen fast überall herum. Aber selbst ausgewiesene Tierfreunde und –kenner (was nicht dasselbe ist) vermuten wohl eher eine bemühte Fangfrage, spricht man sie auf „Wasserbären“ an. Wasserbären ist der deutsche Zweitname für Bärtierchen.  
Nein, sie sind real. Am 10. Juli 2012 jährt sich ihre Entdeckung zum 245. Mal. Der deutsche Naturforscher Johann Conrad Eichhorn beschrieb sie erstmals für sein Werk „Beyträge zur Naturgeschichte der kleinsten Wasserthierchen – die mit blossem  Auge nicht gesehen werden und die sich in den Gewässern in und um Danzig befinden“.

Da wohl auch. Aber beileibe nicht nur da. Bärtierchen sind „Ubiquisten“, das heißt: Überall-Vorkommer. Sie leben in Meerestiefen von 5000 Metern und in 6000 Meter hohen Himalaya-Regionen, driften durch stehende und fließende Gewässer, tummeln sich in heißen Quellen und siedeln an Land, vorzugsweise in feuchten Mooskissen. Grönland ist ihnen sehr recht, die Tropen weniger – obgleich es dort sehr feucht ist, was ihnen eigentlich gelegen kommen müsste.

Bei uns schätzen sie Regenrinnen, in denen sich ein wenig dauerfeuchte Erde angesammelt hat. Aber auch die Sandkorn-Zwischenräume an Stränden und Flussufern sind top Biotope. Wasserbären siedeln auf Tiefsee-Manganknollen und wimmeln auf driftenden Algenteppichen herum. Den Übergang von Salz- zu Süßwasser und umgekehrt schaffen etliche aquatische Arten locker. Viele haben einen integrierten Gefrierschutz. Und bei einer Art wurde jüngst nachgewiesen, dass sie im Vakuum des Weltraums überleben kann.

Bärtierchen lassen sich, wenn sie wirklich mal Strecke machen müssen, zwar lieber von Wind und Strömung verdriften oder von größeren Tieren Huckepack nehmen, aber die meisten landlebenden Arten können sich auch auf Stummelfüßchen vorwärts robben, beziehungsweise „walzen“ – das wäre die angemessenere Beschreibung. Bauchseitige Hautausstülpungen mit Klauen, die keine Beine im eigentlichen Sinne sind, machen’s möglich. Einige Arten können, ohne zu wenden, vor- und rückwärts marschieren. Die gemessene Bärtierchen-Hächstgeschwindigkeit lag bei 17,7 Zentimeter (vorwärts!) pro Stunde. Und von mindestens einer maritimen Art weiß man, dass sie aktiv schwimmen kann, nach einer Art Rückstoßprinzip, das für Quallen typisch ist.

Die Leiber der Winzlinge sind meist walzenförmig, leicht segmentiert und besonders bei etlichen landlebenden Arten bunt eingefärbt. Bemerkenswert sind die sogenannten „Stilett-Zähne“, mit denen die Fleischfresser unter den Tardigraden (eine Vielzahl lebt vegetarisch) andere Kleinstlebewesen schlitzen können und anschließend aussaugen.

Die meisten Bärtierchenarten setzen auf geschlechtliche Vermehrung, was bei Lebewesen im Mikrobereich nicht eben selbstverständlich ist. Sie haben durchsichtiges Blut, kein Herz, nur andeutungsweise Hirn – vergleichbar, den Gliederfüßern. Und sie atmen durch die Haut. Diese lebenswichtige Funktion können sie nur aufrechterhalten, wenn sie leidlich umfeuchtet sind – am besten von einem stabilen Wasserfilm umgeben.

Die bemerkenswerteste Fähigkeit der Weltbürger – es gibt sie von Pol zu Pol – besteht aber darin, zwischen Leben und Tod hin- und herwechseln zu können. Biologen sprechen von „Kryptobiose“. Bei widrigen Umweltbedingungen können die Minibären in einen Zustand verfallen, den man landläufig Tod nennt. Keinerlei Stoffwechsel. Absolut null. Das ist weit mehr, beziehungsweise weniger als etwas, das Biologen als Torpor kennen (Energiespar-Schlaf bei abgesenktem Pulsschlag, in den auch etliche höher entwickelte Arten fallen können, zum Beispiel einige Schwalbenarten und Kolibris).

Bärtierchen zählen zu den aussichtsreichsten Überlebenskandidaten, sollten wir diesen Planet für höheres Leben unbewohnbar machen. Wovon ja nicht nur geschworene Apokalyptiker sondern auch Kulturanthropologen ausgingen und ausgehen.

Gesetzt den Fall, es kommt so: Wäre es nicht tröstlich zu wissen, dass in einer Welt, in der es weder Menschen noch Bären geben wird, Bärtierchen krabbeln und sich treiben lassen?


 


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Mein fremder Freund: Ob der Islam zu Deutschland gehört, steht dahin. Sicher jedoch ist, dass jeder von uns einen Menschen kennt und mag, der einer fremden Kultur entstammt. Anlass genug, ihn in einer kleinen Portraitfolge aus dem ominösen Migrationshintergrund treten zu lassen, eh ihn Sarrazin abschafft. Ein ähnliches Ziel haben sich die Fotografen Wim Woeber und Ralph Wentz vorgenommen, der Porträts aus der Kölner Keupstraße wir im Rahmen unserer Serie zeigen.


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