Esel – nicht nur zur Weihnachtszeit

Erinnerung an ein Langohr und einen Stadtmusikanten

Von Claus-Peter Lieckfeld

Zu meinen frühsten Weihnachtserlebnissen gehört der Esel. Als vierbeiniges Beistellwerk zur Krippe machte er auf mich mehr Eindruck als beispielsweise die Engel und Hirten, allenfalls noch übertroffen von den Kamelen der Heiligen Drei Könige. Und als ich etwas später im Kindergottesdienst erfuhr, dass Maria, Josef sowie das Jesuskind per Esel nach Ägypten flohen und Jesus ein kurzes Menschenleben lang später auf einem Esel in Jerusalem einritt, war für mich die Seligsprechung der Equidae so gut wie abgeschlossen.

Seither liebe und verehre ich Esel … und wenn mich jemand „alter Esel“ nennt, verwahre ich mich nur gegen die (meist in herabsetzender Ansicht getane) Anspielung auf mein fortgeschrittenes Lebensalter. Dagegen:  mit einem so wunderbaren Tier wie einem Esel verglichen zu werden, schmeichelt nicht unerheblich. Weit mehr als wenn man mich nun Löwe, Adler oder Tiger nennen würde. Zumal das ja eh nur ironisch gemeint sein kann.

Einem Esel (bzw. einer märchenhaften Eselsgestalt) verdanke ich das fabelhafteste Zitat aller Fabeln. „Etwas Besseres als den Tod findest du überall“.

Und es reizt mich, eine frühe Ode an diesen Esel hier noch einmal zu Gehör zu bringen. Darf ich?

Esel  & Co

Vor langer, langer Zeit, etwa vor 14 Tagen – vierzehn Tagen sind in einer schnelllebigen Zeit schnell weggelebt  – also vor gut 14 Tagen ging der Besitzer eines Streichelzoos pleite. Sein Streichelzoo hatte nicht rechtzeitig genug die Bewilligung für die Erweiterung des Parkplatzes bekommen, und wenn ein Streichelzoo keinen ausreichenden Parkplatz hat, ist er eine Ordnungswidrigkeit.

Außerdem gingen die Geschäfte schon länger schlecht. In der Nachbarschaft hatte ein Kinder-Safaripark aufgemacht, wo man mit pinkfarbenen Kindermaschinengewehren auf Elefanten, Löwen und Monster schießen konnte. Und gegen diese Konkurrenz konnte der private Streichelzoo nicht anstreicheln lassen.

Als dann auch  noch der örtliche Tierschutzverein den Streichelzoo ins Gerede brachte, weil der Zoo-Direktor keine EU-DIN-Norm-Stallgröße vorweisen konnte, geriet er ruinös in die Spalten der Lokalpresse.

Ein Esel, schon recht graumäulig und mit einem von unzähligen Kinderpopos durchgescheuerten Rückenfell sah den Pleitegeier kreisen und machte sich noch rechtzeitig aus dem Staub. Esel sind klug. Weit klüger als ihre durchtrainierten, schwachhirnigen Verwandten, die Pferde, die in eigens dafür geschaffenen Rondells im Kreis herumhetzen, so als nütze ihnen das persönlich.

Als der Esel eine Weile über Land getrabt war, irritierte ihn plötzlich ein jämmerliches Geheule. Auf dem Parkplatz einer Bundesstraße entdeckte er einen jungen Setter, der an einen Papierkorb gekettet war und wimmerte, so als befände er sich schon in einem Versuchstrakt der pharmazeutisch-chemischen Industrie.

„Aufhören, aufhören!“, herrschte ihn der Esel an. Der Hund zog reflexmäßig den Schwanz ein und winselte: „Man hat mich angeleint und verlassen. Als auch in der zweiten Pension keine Hunde erwünscht waren, hat mich Herrchen aus dem Auto gezerrt und mich hier … fixiert … jauuuuuuul!“

„Schnauze! Wenn du so weitermachst, erwischt dich noch eine alte Dame und füttert dich zu Tode. Halt still!“ Der Esel stellte sich auf den dünnen Lederriemen und fegte mit dem Spielbein einmal kräftig gegen den Riemen, so dass er riss.

„Wenn du willst, komm mit. Ich gehe zu Radio Bremen und bewerbe mich als Pausenfüller. Tiere ziehen immer!“

Der Hund zögerte. Aber als Rudeltier konnte er nicht anders, als sich dem jeweiligen Ersatz-Leitwolf anzupassen. Das steckt im Blut, dagegen kann man nicht. Das verbindet Hund und Mensch und unterscheidet beide vom Esel.

Als Esel und Hund so eine Weile über Land gezogen waren, sträubten sich dem Setter die Nackenhaare. „Was ist denn jetzt schon wieder!“, stöhnte der Esel, den es bereits nervte, dass sein junger Begleiter jede Weggabelung anpinkeln musste.

„Pawlowscher Reflex“, sagte der Hund, „wenn ich Katze rieche, sträubt sich mir das Nackenfell. Ist einfach so.“

Der Esel hob das graue Haupt und erkannte eine Katze, die in einem Plastik-Chausseebaum kauerte, den der örtliche Landschaftsverschönerungsverein aufgestellt hatte. (Intensive Recherchen hatten ergeben, dass an genau dieser Stelle einmal eine Birkenallee gestanden haben musste.)

„Wartest du, bist die Freiwillige Feuerwehr kommt und dich vom Ast spritzt oder kommst du selbst runter?“, fragte der Esel.

„Damit mich dieser Kretin von Hund packt?“ fauchte die Katze.

„Ich heiße nicht Kretin von Hund, sondern Crispy vom Wolfsanger und ich bin katzenadaptiert“, sagte der Setter. Das war gelogen. Aber es half. Die Katze schloss sich mit einigem Sicherheitsabstand an.

Sie waren noch nicht allzu lange gewandert, als sie auf einen Hahn stießen. Der saß auf einen Weidezaunpfahl und ließ – unbekümmert um die fortgeschrittene Stunde - ein Morgenkrähen hören, das von wenig Übung zeugte.

„Du wirst heiser, wenn du weiter Kopfstimme krähst und nicht Bruststimme“, sagte der Esel im Vorübertraben mit gekonnter Beiläufigkeit.

„Brust … stimme? Ich habe eine hormonell vergrößerte Breitbrust ...  und ich werde bald patentausgenommen und schockgefroren. Aber unser Stall ist abgebrannt, und ich kann nicht zurück.“

Der Esel schüttelte sich und sagte. „Du redest als seist du schon tot. Komm mit, etwas Besseres als den Tod findest du überall.“

Der Hahn schloss sich an, erbat sich aber schon nach wenigen Metern, auf dem Rücken des Esels hocken zu dürfen.

Der Weg war lang und die norddeutsche Tiefebene mal wieder Tiefdruckebene.

Schließlich, der Hund hatte schon zu jaulen begonnen – er war ja noch jung und in akuter Gefahr, sich die weichen Pfoten durchzulaufen – erreichten die vier ein liegengebliebenes Märchenbuch. (Nein!! Kein e-book, ein Buch!)

Das hatte die Bundesprüfstelle für politisch korrekte Kinderliteratur offenbar übersehen. Müde aber glücklich krochen die vier Vertriebenen zwischen die Seiten. Anheimelnd weich war es da, und es roch nach Träumen und analogem Leben.

Und wenn sie daselbst nicht doch noch entdeckt wurden, leben sie noch heute.


 


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Mein fremder Freund: Ob der Islam zu Deutschland gehört, steht dahin. Sicher jedoch ist, dass jeder von uns einen Menschen kennt und mag, der einer fremden Kultur entstammt. Anlass genug, ihn in einer kleinen Portraitfolge aus dem ominösen Migrationshintergrund treten zu lassen, eh ihn Sarrazin abschafft. Ein ähnliches Ziel haben sich die Fotografen Wim Woeber und Ralph Wentz vorgenommen, der Porträts aus der Kölner Keupstraße wir im Rahmen unserer Serie zeigen.


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