iTunes für Texte?

Die Deutsche Post will Autoren vermarkten

Von Wolfgang Michal

Die Post will ihre Transportdienstleistung auf das Internet ausdehnen

 

Noch fristen die neuen Textverwertungs-Portale für Autoren ein Schattendasein. Denn „keine Redaktion“, schrieb der freie Journalist Ulf Froitzheim, „baut so eine Art von Textbeschaffung in ihre Geschäftsprozesse ein. Warum sollte sie auch? Wer Lücken zwischen den Anzeigen kostengünstig füllen will, hat genug PR-Material gratis zur Verfügung…“ Deshalb müssen sich die bestehenden Textverwertungs-Portale bislang mit der Kreisklasse begnügen. Abnehmer sind Anzeigenblättchen, Kundenmagazine, PR-Beilagen, Broschüren, Ratgeberseiten, Onlineportale, Newsletter, Klein- oder Kleinstunternehmen. Die Medienbranche nimmt das Geschäftsmodell nicht ernst.

Der Grund für das allgemeine Zögern liegt aber nicht nur bei den desinteressierten Redakteuren, sondern auch bei den freien Autoren. Sie befürchten, sich als Verlierer zu outen, wenn sie ihre Texte nicht direkt an Redaktionen, sondern billig über anonyme Internet-Portale verkaufen. Sinnvoll wäre dieser “Umweg” für Journalisten nur, wenn kompetente, von der Medienbranche akzeptierte Makler Autorentexte im persönlichen Gespräch an Redakteure vermitteln würden. Könnten sich solche „Text-Agenten“ im Alltags-Journalismus etablieren, würde sich vielleicht auch ein entsprechender Markt bilden. Aber wie soll das funktionieren? Anders als bei Literaturagenten, die Buchverträge unter Dach und Fach bringen, sind 15 Prozent Provision für die erfolgreiche Vermittlung eines 100-Euro-Artikels ein lächerlicher Betrag. Ein Agent müsste schon 300 Beiträge im Monat vermitteln, um mit dem eigenen Makler-Büro halbwegs über die Runden zu kommen.

 

Content-Farmen haben mit Journalismus wenig zu tun

“Täglich neue Themen” verspricht die Agentur Raufeld Medien auf ihrer Internetseite. Täglich neue Themen – das sind dann z.B. Texte über… Erdbeeren. 5300 Zeichen, Fotos inklusive = 60 Euro. Oder über Entspannungstechniken: 9623 Zeichen, 3 Bilder = 100 Euro. Wer kauft das? Physiotherapeuten mit Ayurveda-Zusatzausbildung für die eigene Homepage? Marmeladenfachmagazine?

Als erstes Billig-Portal ging 2006 Richard Rosenblatts Demandmedia in Kalifornien an den Start. Die clevere Idee dahinter: Wir bieten Texte zu Themen, die stark (nach)gefragt werden. Das US-Portal orientiert sich deshalb am Ranking der Anfragen bei Google & Co.

Produziert werden die Billig-Texte anschließend wie Eier in Legebatterien. Der Aufwand darf nicht allzu hoch sein. Im Wesentlichen geht es wohl darum, vorhandenes (Lexikon-)Wissen immer wieder neu zusammenzustellen. Copy & Paste dürfte eine gängige Methode sein.

 

Eine neue Transportdienstleistung der Post – oder mehr?

In Deutschland werben Content-Farmen mit dem Anspruch, „richtigen Journalismus“ zu bieten. Neben der Burda-Tochter Suite101 (die neuerdings Probleme mit dem Google-Ranking hat) ist das überraschenderweise die Deutsche Post. Das Bonner Großunternehmen, das mit dem Vertrieb von Verlagsprodukten noch immer 800 Millionen Euro Jahresumsatz macht, möchte in neue Bereiche vorstoßen und sein Dienstleistungsportfolio im Internet deutlich ausbauen. (Der kleine „Online-Shop für Qualitätsjournalismus“ Spredder hat sich im Sommer 2011 dem Post-Projekt angeschlossen).

Verantwortlich für das Bestreben, auch im Internet am Transport von Inhalten zu verdienen, ist neben Gerd Kühlhorn, dem Ex-Chefredakteur des Wirtschaftsmagazins impulse, ein ganzer Stab aus ehemaligen Verlagsleuten. Sie versuchen, mit viel Engagement eine Brücke zu bauen zwischen den Anbietern (den Journalisten) und den Abnehmern (den Verlagen). Unterstützt werden sie dabei – zumindest ideell – vom Deutschen Journalistenverband (DJV), der einen hohen Anteil freier Journalisten in seinen Reihen hat.

Doch zwischen den freien Autoren und den Verlagen gibt es (noch) eine wichtige Instanz: die Redaktionen. Und die denken nicht daran, bei einem Text-Shop der Post Artikel zu bestellen, die dort bereits fertig vorliegen. Redaktionen wollen – so lange sie von den Verlagen noch nicht kaputtgespart sind – Beiträge lieber individuell und nach eigenen Vorgaben und Kriterien in Auftrag geben. Das gehört zu ihrem Job.

Zwar suggeriert die Post mit der Namensgebung für ihr Portal „DieRedaktion“, dass auch bei ihr kompetente Menschen für den Umschlag von Texten sorgen, doch in Wahrheit sind Kauf und Verkauf weitgehend automatisiert, um die teuren Betreuungskosten zu sparen. Ergebnis: Viele Interessenten finden sich auf dem Portal nicht zurecht und fragen sich, was sie dort überhaupt anbieten sollen. Und für wen?

Nun mag die Post ein potenter Vertriebsprofi sein – das Grundprinzip der Textvermittlung hat sie noch nicht ganz verstanden. Die Macher des Portals gehen davon aus, dass sich Texte verkaufen lassen wie Briefmarken oder Buchstabensuppe: Bitte 100 Gramm hiervon und 250 Gramm davon. Das kann nicht funktionieren, jedenfalls nicht im Journalismus. Ohne den ständigen Austausch mit Redaktionen und Autoren wird das Projekt also weiter fremdeln und letztlich scheitern. Auch das „Gütesiegel“ des Deutschen Journalistenverbandes kann daran nichts ändern.


 


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Mein fremder Freund: Ob der Islam zu Deutschland gehört, steht dahin. Sicher jedoch ist, dass jeder von uns einen Menschen kennt und mag, der einer fremden Kultur entstammt. Anlass genug, ihn in einer kleinen Portraitfolge aus dem ominösen Migrationshintergrund treten zu lassen, eh ihn Sarrazin abschafft. Ein ähnliches Ziel haben sich die Fotografen Wim Woeber und Ralph Wentz vorgenommen, der Porträts aus der Kölner Keupstraße wir im Rahmen unserer Serie zeigen.


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