Speisen haben lange Beine

Wie meine Lust am Kochen erwachte

Meinen ersten Kochkurs erhielt ich von meiner Mutter, ich war zwölf und sie bei der Arbeit. Als ich von der Schule nachhause kam, lag ein Zettel auf dem Küchentisch: „Wasser auf dem Herd einschalten, bis es kocht, dann die Nudeln hineinwerfen und zehn Minuten kochen. Die Tomatensauce erhitzen. Guten Appetit.“ Mit der Zeit experimentierte ich ein wenig mit den spärlichen Gewürzen, die sich in unserem Küchenschrank fanden: Paprikapulver, getrockneter Majoran, Muskat. So schmeckte die Tomatensauce jedes Mal ein wenig anders.

Mein Vater beobachtete meine Aktivitäten in der Küche mit einer Mischung aus Neugier und Skepsis. Er hat bis heute die größte Schwierigkeit, ein Spiegelei herzustellen. Als er einmal – Mutter war wieder bei der Arbeit – aus bereitgestellten Zutaten einen Teig für „Fleischküchle“ formen sollte, hatte sie vergessen hinzuzufügen, dass man die in Wasser eingeweichten alten Brötchen ausdrücken muss, bevor man sie zum Hackfleisch gibt. Das Ergebnis waren ungenießbare Hackfleischfladen. Seither weigerte er sich, auch nur die einfachsten Arbeiten in der Küche zu verrichten.

Nur ein einziges Mal sah ich meinen Vater am Herd stehen. Es war im Spätherbst 1983 und mein Vater, der kein Spiegelei braten kann, wirbelte wie ein Verrückter zwischen den Kochtöpfen, um für die Familie und zehn meiner Freunde, die feixend im Esszimmer warteten, ein „Filet Wellington“ mit selbstgemachten Spätzle zuzubereiten. Die Küche sah zum Erbarmen aus, mein Vater fluchte und schwitzte seit dem frühen Morgen und, ja, irgendwie war das Filet Wellington sogar genießbar.

Es war das Ergebnis einer Wette, die mein Vater gegen mich und meine Freunde verloren hatte. Vater glaubte nicht daran, dass die neu gegründete Partei Die Grünen bei der Bundestagswahl 1983 die Fünf-Prozent-Hürde nehmen. „Wenn sie das schaffen“, tönte der alte Sozialdemokrat, „dann mach' ich einen Kochkurs an der Volkshochschule und koch' euch allen ein Abendessen!“ Er löste die Wette ein, danach betrat er nie wieder die Küche.

Dagegen war meine Leidenschaft, aus Fertignudeln und Päckchensoße durch Hinzuziehung von Kräutern und Gewürzen ein genießbares Gericht zu machen, ständig gewachsen. Den Ausschlag, mich noch heftiger in die Kochkunst zu vertiefen, gab allerdings meine Englischlehrerin. Ich war 16 und sie keine zehn Jahre älter. Sie hatte die längsten Beine und die kürzesten Röcke, die jemals an einer Waldorfschule gesichtet wurden. Damit stand sie vor mir, ich saß in der ersten Reihe und versuchte vergeblich, mich auf Grammatik zu konzentrieren. Ihr Mann war Koch und Franzose und betrieb ein kleines Restaurant in der Stadt, in dem unsere Englischlehrerin am Abend servierte. Wegen ihrer Beine trug ich mein ganzes Taschengeld dort hin, nur um an einem der Tische zu sitzen und sie anzuschauen. Mehr aus Verlegenheit bestellte ich dann Dinge wie „Chateaubriand“ oder „Escargôts à l’Alsaciennes“, von denen ich keine Ahnung hatte, was sie waren, und ließ mir von ihr erklären, was  der Unterschied einer „Crème brûlee“ und einem Oetker-Vanillepudding ist.

Kerstins Beine und meine Lust zu kochen sind bis heute eine unzertrennliche Einheit geblieben.


 


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Mein fremder Freund: Ob der Islam zu Deutschland gehört, steht dahin. Sicher jedoch ist, dass jeder von uns einen Menschen kennt und mag, der einer fremden Kultur entstammt. Anlass genug, ihn in einer kleinen Portraitfolge aus dem ominösen Migrationshintergrund treten zu lassen, eh ihn Sarrazin abschafft. Ein ähnliches Ziel haben sich die Fotografen Wim Woeber und Ralph Wentz vorgenommen, der Porträts aus der Kölner Keupstraße wir im Rahmen unserer Serie zeigen.


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