„Stolz ist eine Todsünde“

Ein Pionier im Kampf gegen die Folter – Pater Spee (1591-1635) im Interview

Von Andrea Thonot

MAGDA: Pater Spee, auch wenn Ihr es in Demut und Bescheidenheit zurückweisen werdet, Ihr geltet als die Lichtgestalt aus der Zeit des Dreißigjährigen Krieges. Unsere Frage wäre...

Spee: Entschuldigt, das muss ich ablehnen: Die Lichtgestalt aller Zeiten ist der Gottessohn, nach dem sich unsere Bruderschaft benannt hat.

MAGDA: Gut, selbe Frage, andere Einleitung: Gibt es etwas, worauf Ihr, auf Euer Irdenleben blickend, besonders stolz seid?

Spee: Stolz, Ihr wisst das – so vermute ich – auch als Nicht-Katholikin, Stolz ist eine Todsünde. Und gar noch die, die an erster Stelle verzeichnet steht. Aber wenn Ihr fragt: Gibt es etwas, was mit Bezug auf meine Irdenzeit wichtig und richtig war, dann stehe ich natürlich heute wie vor nun bald vierhundert Jahren dazu: Es war richtig, sich gegen das Torturieren von Personen zu stellen, die der Hexerei angeklagt waren.

MAGDA: Die Folter ist auch heute, viele Generationen nach Eurer Lebzeit, nicht aus der Welt.

Spee: So ist es. Und so darf es nicht bleiben. Aber ich bin – und nun tue ich mir doch schwer, das Wort „Stolz“ zu vermeiden – ich bin glücklich, dass ich in meiner Cautio Criminalis 1631 den Weg bereiten konnte, auf den viele eingeschwenkt sind: Folter ist Verbrechen an den Menschen und vor Gott. Wer Geständnisse herbeifoltert, handelt verbrecherischer als der angebliche oder tatsächliche Verbrecher. Und Justizmorde, egal ob mit Feuer oder Sprengstoff vollzogen, sind Kapitalverbrechen.

MAGDA: Ihr sagtet in der Cautio, dass die Existenz von Hexen stets und immer...

Spee: Pardon! Ihr gestattet – ich konnte in meiner Cautio und in meinen lectiones vor jungen Ordensbrüdern nicht offenlegen und frei bekennen, dass Hexen allemal Hervorbringungen von Aberglaube oder – schlimmer noch – von niederträchtigen Menschen sind,  geschaffen in der Absicht, Menschen zu töten. Hätte ich mit dieser Erkenntnis meine Abhandlung wider den Hexenwahn eröffnet, wäre alles ungelesen zur Seite gelegt worden. Denn fast allen galt zu meiner Zeit die Existenz von Hexen – realiter – als umumstößliche Gewissheit.

MAGDA: Man darf also sagen, Ihr habt aus taktischen Erwägungen Eurem Traktat zugrundegelegt, dass Hexen, Teufelsbuhlschaften, Schadzauber und dergleichen real existieren?

Spee: Ja. Das Böse war und ist in der Welt. Aber die krankhaften Ausformungen und Zuschreibungen, die zu meiner Zeit bereitwillig geglaubt wurden, waren eine Pest – schlimmer als die Pest, die auch mich getötet hat.

MAGDA: Ihr starbet im August 1635 in Trier als Beichtiger und Pfleger von Pestopfern.

Spee: Es ist einer der großen Vorzüge der Zukunft – respektive Ihrer Gegenwart – die ich auf Erden nicht mehr erlebt habe, dass viele der großen Seuchen eingedämmt oder gar beseitigt wurden.

MAGDA: Eine andere Frage: Wisst Ihr – nachdem Ihr dem Irdischen schon so lange entrückt seid –, wer damals, kurz nach Ostern 1629 in Woltorf bei Peine, auf Euch geschossen und mit dem Säbel eingeschlagen hat? Ihr überlebtet damals ja nur mit knapper Not.

Spee: Ja, ich weiß um diese Person.

MAGDA: Kürzlich erschien ein Roman dessen Autor es auch zu wissen vorgibt.

Spee: Das habe ich mit Interesse überflogen.

MAGDA: Und?

Spee: Ich verstehe die Gattung Historischer Roman so, dass die Dichter zwischen Wirklichkeit und Wahrheit unterscheiden dürfen. Ich finde sehr viel Wahrheit in diesem Roman.
 

Claus-Peter Lieckfeld, Anwalt der Hexen

Mitte November 2011 erschien der Roman „Anwalt der Hexen“ von Claus-Peter Lieckfeld im Vedra Verlag, ISBN 9783939356233   (12.50 Euro). Siehe auch: www.pater-spee.de (Direktbezug über den Verlag ist möglich). Der Roman erhielt in einer Kurzbesprechung des STERN (Mitte November 2011) die Höchstwertung: fünf Sterne.



 


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Mein fremder Freund: Ob der Islam zu Deutschland gehört, steht dahin. Sicher jedoch ist, dass jeder von uns einen Menschen kennt und mag, der einer fremden Kultur entstammt. Anlass genug, ihn in einer kleinen Portraitfolge aus dem ominösen Migrationshintergrund treten zu lassen, eh ihn Sarrazin abschafft. Ein ähnliches Ziel haben sich die Fotografen Wim Woeber und Ralph Wentz vorgenommen, der Porträts aus der Kölner Keupstraße wir im Rahmen unserer Serie zeigen.


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