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MAGDA CUM LAUDE

Unsere wöchentlichen Empfehlungen

Lesenswerte Texte, interessante Links: An dieser Stelle empfehlen wir einmal in der Woche starke Stücke aus allen Medien. Dabei freuen wir uns auch über Ihre Tipps. Schreiben Sie uns an magda(at)magda.de.

 


7. März 2001

Liebe Freundinnen und Freunde von Magda,

heute haben wir Empfehlungen aus unterschiedlichen Medien für Sie.

Diese klassische Reportage ist uns aufgefallen: "Das Vorspiel", ein ZEIT-Dossier von Carolin Pirich über den gnadenlosen Wettkampf junger Musiker um eine Orchesterstelle, in diesem Fall die eines Kontrabassisten beim Berliner Konzerthausorchester. Präzise beobachtet, solide recherchiert, einfühlsam geschrieben und dennoch mit Zug: Man fängt an zu lesen und kann nicht mehr aufhören. Und: absolut vorbildlich, wie die Autorin zwischen Hintergrund und Reportage hin- und herschneidet. Besser geht’s nicht.

Der Fall Wikileaks hat das Thema noch mal mehr ins Bewusstsein gerückt: Viele Schweinereien werden nur bekannt, weil jemand den Mut hat, sie zu verraten.  So enthüllte der ehemalige Ölmanager Kenneth Abbot, wie BP bei der Ausplünderung des Ölfeld Atlantis im Golf von Mexiko Qualitäts- und Sicherheitsstandards systematisch missachtet und häufig sogar auf Konstruktionspläne verzichtet. Die Deepwater Horizon-Ölpest sei nichts, verglichen mit den Dimensionen einer möglichen Katastrophe bei BP-Atlantis, sagt Abbot. Einer von zigdutzend aktuellen Whistleblower-Fällen, die die Wissenschaftsjournalistin Antje Bultmann in ihrem Buch "Helden (im Schatten) der Gesellschaft" zusammengestellt und analysiert hat (Michaelis Verlag, 19.80 Euro): Und die Website whistleblowing.us erklärt, was man beachten muss, wenn man ein brisantes Geheimnis ausplaudern will. Eine der besseren Adressen für investigative Journalisten (mit Schwerpunkt auf den USA) ist außerdem die Seite „Muckraker“.

Zum Schluss noch ein Online-Journal, das man gar nicht genug loben kann, weil es wie kaum ein anderes Journalismus und Kultur (beides im weitesten Sinn) zu etwas Drittem zusammenführt, nämlich einer tatsächlich lebendigen Netzkultur: Die Berliner Gazette.

 

 



25. Februar 2011

MAGDA cum laude kommt heute als MAGDA cum fraude daher, einmalig und aus aktuellem Anlass. Die schönsten Fälschungen, die berühmtesten Plagiate, wissenswerter Hintergrund – eine kleine Auswahl, von uns für Sie zusammen getragen.

Dominik Baur erinnert an das berühmteste Plagiat der Pressegeschichte: Wie der stern mit Kujaus Hitler-Tagebüchern sein Fiasko erlebte.

Wolfgang Michal hat – ausgehend von Guttenbergs literarischer Schwester – die Bestseller der kommenden sieben Jahre gelesen.

Sie wollen einen Fingerabdruck fälschen? Wir fragen nicht, warum Sie das tun wollen, sondern verweisen ganz diskret auf den Chaos-Computer-Club, der verrät, wie es geht.

Um aber auch nochmal in unser Kerngebiet – den in seinem Bestand gefährdeten Qualitätsjournalismus – zu wechseln: Der englische Media Standards Trust hat ein Programm ins Netz gestellt, mit dem sich auf einfache und schnelle Weise aus PR-Mitteilungen zusammen gebastelte Nachrichten identifizieren lassen. André Vatter berichtet darüber. Wann gibt es das hierzulande?

Für besonders dreiste Plagiate in der Industrie gibt es sogar einen Orden: Der Plagiarius ist schöner als ein Oscar, aber keiner will ihn haben. Alljährlich wird der schwarze Gartenzwerg mit der goldenen Nase auf der Konsumgütermesse "Ambiente" verliehen. Gegründet von dem Ulmer Designer Rido Busse, hat die Aktion in den vergangenen zehn Jahren unzählige Fälle von Design- und Ideenklau angeprangert. Martin Rasper hat mit Busse einst für die Zeitschrift "du" ein schönes Interview über Plagiate geführt, das wir hier online veröffentlichen.

Handtaschen etwa sind ein gern gefälschtes Konsumgut. Sollten Sie mal wieder eine besonders exclusive Tasche erstehen wollen, besuchen Sie vorher diese Seite: Lernen Sie die Fälschung vom Original zu unterscheiden!

Falls Sie nun noch zur neunen Handtasche einen Doktor-Titel führen wollen, müssen Sie sich nicht in mühevollster Kleinstarbeit nach Ihrer anstrengenden politischen Tätigkeit – und auch noch als junger Familienvater – hinsetzen und Texte kopieren und in Ihr eigenes Werk einfügen. Kaufen Sie sich einfach einen Dr.!

Nach dieser Umschau darf natürlich ein Blick ins Mutterland der Plagiate nicht fehlen. Stefan Schomann hat am Stadtrand von Peking ein besonders schönes Exemplar des, äh, Beijinger Tors entdeckt. Mitten in einem Wohngebiet.

Sehen Sie selbst:

 

 


18. Februar 2011:

Zwei Twitterer – neben vielen anderen – halten die Welt unermüdlich über das auf dem Laufenden, was derzeit in Bahrain geschieht: @NickKristof ist Kolumnist der New York Times. Er twittert als einer der wenigen westlichen Journalisten – vielleicht sogar als einziger – live aus Bahrain und sorgt dafür, dass die brutale Niederschlagung der Proteste nicht unbeobachtet bleibt. Eine hervorragende Quelle ist auch die bahrainische Menschenrechtsaktivistin Maryam al-Khawaja. Sie wittert unter @maryamalkhawaja. Wer mehr über die Unruhen in der arabischen Welt wissen will, kann sich unter #Feb14, #Feb16, #Bahrain, #Libya #ghaddafi, #yemen auf Twitter informieren.

Schokolade ist süß … oder zartbitter. Auf jeden Fall aber bitter. An der Elfenbeinküste, wo 42 Prozent aller weltweit geernteten Kakaobohnen wachsen, arbeiten entführte und verkaufte Kinder aus Mali und Burkina Faso als Sklaven auf Kakaoplantagen. Nestlé und andere Großproduzenten haben internationale Abkommen unterzeichnet, die solche Verbrechen ächten und verhindern sollen. Praktisch passiert nichts oder nur wenig. Interpol bestätigt Kindersklaverei im großen Stil. Der aufrüttelnde Film  "Schmutzige Schokolade" dokumentiert sie. Ihn sollte jeder sehen, bevor er die nächste Praline einwirft.

Wer mitarbeiten möchte an der Durchforstung der von Karl-Theodor zu Guttenberg in Bayreuth eingereichten Dissertation oder sachdienliche Hinweise auf Copy & Paste-Stellen hat, wende sich an eine der folgenden Adressen:  
http://de.guttenplag.wikia.com/wiki/Plagiate
http://plagiatsgutachten.de/blog.php/einmalige-dynamik-kollaborative-dokumentation-der-guttenberg-plagiate-im-netz/

Und wer nach so viel Textstellendurchforsterei mal was anderes sehen möchte und das Glück hat, in Berlin zu wohnen, der besuche die Fotogalerie Hiltawsky. Dort ist seit dem Wochenende das Vermächtnis des ungarischen Fotografen János Szász (1935 bis 2005) zu sehen. Er war das, was man ein Lokalgenie zu nennen pflegt: In Pécs verwurzelt, fing er mit der Kamera die Poesie und Melancholie seiner Heimatregion ein. Politisch kaltgestellt, aber künstlerisch unbeirrbar produktiv. Mit seinen hinreißenden schwarz-weiß-Bildern reiht er sich ein in die lange Kette ungarischer Meisterfotografen wie André Kertész, Brassaï, László Moholy-Nagy und Robert Capa.

 



11. Februar 2011:


Welches Buch soll ich lesen, welche Musik soll ich hören, welches Stück soll ich schauen? Zwei Online-Kultur-Magazine, eins aus Frankfurt, eins aus Würzburg, versprechen uneigennützige Hilfe beim Aussuchen: Das Titel-Magazin und Glanz & Elend.

Shelby White, Designer aus Seattle, hat eine hübsche Graphik entworfen: Die 50 beliebtesten Schrifttypen und wo sie her kommen.

Die Generation der großen Dirigenten tritt langsam ab. Aber der Nachwuchs macht sich bereit. Hier ist es der dreijährige Jonathan mit dem vierten Satz von Beethovens fünfter Symphonie.

Ausnahmsweise verlinken wir auch mal zum Zeitschriftenkiosk: Unter dem Titel „Die Strandburg“ erzählt Maik Brandenburg in der neuen Ausgabe von "mare" die ebenso traurige wie anrührende Geschichte eines sibirischen Dorfs,  das von Dünen begraben wird. Kongeniale Schwarzweißbilder des russischen Fotografen Dimitrij Leltschuk spiegeln die Tragödie, aber auch den Lebenswillen der Bewohner, die jeden Morgen eine andere Landschaft vor ihrer Tür finden. Leider nicht online, hier wenigstens eine kleine Reporternotiz.

 



4. Februar 2011:

Timothy Garton Ash
versucht sich an einer historischen Einordnung der Proteste in Tunesien, Ägypten und anderswo. Und sagt: Von ihrem Ausgang hängt unsere Zukunft ab.

The Big Picture zeigt, passend dazu, die eindrücklichsten Bilder aus einer "erschütternden historischen Woche in Ägypten".

"Er hat mit seiner Medienmacht die Gehirne der Italiener formatiert“, sagt der TV-Unternehmer Di Stefano über den italienischen Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi. Di Stefano versuchte vergeblich, ein konkurrierendes Fernsehprogramm zu dessen Medienimperium aufzubauen. Über politische Skrupellosigkeit und Rechtspopulismus informiert die Dokumentation „Die Akte Berlusconi“ auf Arte.

Das jüngste "Zeit"-Dossier von Roland Kirbach über die Deutsche Bahn und ihre sinnlosen Großprojekte. Eine saubere Recherche. Man liest – vielleicht auf einer längeren Bahnfahrt – und ist fassungslos.

Der Grafikerin Audrée Lapierre ist eine sinnfreie, aber schöne Arbeit gelungen: Er zeigt die so genannte Prominenz der Seven Summits – der höchsten Gipfel der sieben Kontinente –, also ihre Höhe im Vergleich zur sie umgebenden Topographie. Das Ergebnis: Berge wie der Aconcagua in den Anden oder der Denali in Alaska, die nicht einmal zu den höchsten 100 Gipfeln der Welt gehören, stehen hinsichtlich ihrer Prominenz auf Platz 2 und 3. Auf ihnen zu stehen ist, was die Aussicht betrifft, also weitaus eindrucksvoller, als beispielsweise den Gipfel des K2, des zweithöchsten Berges der Erde, zu erklimmen. 

Vielleicht hilft das in diesen Tagen: Man muß gar nicht so hoch hinaus, um einen klareren Blick auf die Welt zu bekommen.

 



1. Februar 2011:


Der israelische Kolumnist Akiva Eldar fragt, warum die Al-Jazeera-Berichte über die Proteste in Ägypten nicht auch zu Aufruhr im besetzten Westjordanland führen – und entwirft einige Szenarien zur aktuellen Lage.


Thomas Grasberger schreibt in der "Zeit" über den Totenwald von Piasnica. Eine eindrucksvolle Reportage aus einem Tannenwald, in den bei Gewitter oft der Blitz einschlägt, weil die Stämme noch voller Gewehrkugeln stecken.


In ihrer Freizeit erkundete das Kindermädchen Vivian Maier mit ihrer Rolleiflex die Straßen von Chicago und Washington. Erst nach ihrem Tod tauchten ihre Bilder auf, anzusehen in der SZ-Bildergalerie

In der Aufregung nach dem Urteil des Landgerichts Hamburg gegen GEO ist ein Text etwas untergegangen, der aber zeitlos schön ist: Reporter Andreas Altmann rechnet mit GEO-Chefredakteur Peter-Matthias Gaede ab. Sprachmächtig, präzise – und wütend. Wer eine Ahnung davon bekommen will, was passieren muss, damit so ein Prozess zustande kommt, der kann sich auf Altmanns eigener Homepage im PDF-Dokument schlau machen.

Im Netz-Feuilleton Der Umblätterer entsteht eine Landkarte der Kaffeehäuser, die – wie würde es der Baedeker so schön sagen – eine eigene Reise wert sind: Hier geht’s zum Kaffeehaus des Monats.


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