Alle Macht der Fantasia

Die Reiterspiele der Berber

Von Stefan Schomann

©  Stefan Schomann
Helden für einen Tag: Fantasiareiter und ihre Fans
Fotos: Stefan Schomann


Die Region um Khenifra gilt als Zentrum der Pferdezucht in Marokko. Doch wer über die Dörfer fährt, die sich zu Füßen des Mittleren Atlas hinziehen, wird kaum je ein Pferd erblicken. Und wenn, dann vielleicht einen müden Kutsch- oder Ackergaul, aber nie eine Herde. Auch sieht man weder Weiden noch Zäune. Wo sind sie, die edlen Reittiere der Berber?

Naaa, du ... Pferde in Einzelhaltung brauchen Gesellschaft

Sie sind zu Hause. Stehen in einem kühlen Verschlag im Hof oder in einer umgebauten Garage und stecken den Kopf zum Fenster heraus. Die Berber betrachten Pferde beinah als Familienmitglieder. Und fragt man einen Kenner wie Mimoun ben Bouazza, warum das so sei, so wird er unfehlbar antworten: „Weil wir sie lieben.“ Weil man Pferde und Frauen tunlichst versteckt hält, sie könnten sonst Liebhaber finden und gestohlen werden.

Fünfzehn Jahre lang war Mimoun Jockey auf der Rennbahn von Khenifra. Heute schult er auf seinem kleinen Hof anderer Leute Pferde. Sein Markenzeichen sind die eleganten Jacketts, mit denen er auch mal ein Pferd zureitet oder Heu verlädt. Als wolle er signalisieren, dass er kein Bauer, sondern eher ein Künstler sei. Doch sich in Marokko einen Namen als Pferdekenner zu machen, ist nicht leicht. Jeder zweite Mann hält sich für einen solchen. Dennoch suchen immer mehr Pferdeleute Mimouns Rat. Was vor allem an der Renaissance der Fantasias [sprich: Fantásias] liegt.

 

Auch Pferde sind politisch

Diese kriegerischen Reiterspektakel werden gern bei Hochzeiten und Dorffesten veranstaltet oder als sportlicher Wettstreit. Sie simulieren eine wilde Kavallerieattacke, bei der am Ende alle gleichzeitig ihre Gewehren abfeuern. Es gibt die verschiedensten Ausprägungen, von der ländlichen Gaudi bis zur professionellen Revue, wie sie etwa in Marrakesch täglich den Touristen dargeboten wird. Seit einigen Jahren fördert der Staat die Fantasias mit beträchtlichen Preisgeldern.

Dabei missbilligte er sie lange, verbot sie sogar oft. Auch wenn die antiken Vorderlader wohl kaum für eine Volkserhebung taugten, erschienen die Reiterspiele doch als paramilitärische Aktivität suspekt. Zwar sind offiziell alle Nationalitäten gleichberechtigte Bürger und freudige Untertanen des Königs, doch besteht eine Kluft zwischen der arabischstämmigen Bevölkerung, die vor allem die Küste und die fruchtbaren Ebenen bewohnt, und den Berbern, die durch die islamischen Invasoren ins Gebirge abgedrängt worden waren.

© Schomann
Bauer Lachsen Slimani, selbst Anführer einer Equipe, verfolgt eine Fantasia im Fernsehen

Was sie eint, ist die Leidenschaft für Pferde. Sie umfasst alle Schichten, vom einfachen Bauern bis zur Tante des Königs, die eines der Nationalgestüte führt. Mit seinen Subventionen fördert der Staat die ländliche Kultur, bindet zugleich aber auch aufrührerische Energien. Denn, so die Überlegung, solange der Ehrgeiz der Männer dahin geht, bei derartigen Turnieren Anerkennung zu erringen, werden sie vor den Versuchungen des Fundamentalismus oder des Separatismus gefeit sein.

Mimoun hat schon viele Fantasiapferde ausgebildet. In der Regel spricht er im örtlichen Berber-Dialekt zu ihnen, „sie verstehen aber auch Arabisch“, meint er verschmitzt. Bei erfahrenen Tieren genügt ein einfaches „muschúd“, „fertig“, und sie beginnen zu tanzen. Vollführen jenen „terre-à-terre“ genannten Galopp fast auf der Stelle, der eine Spezialität der Fantasiareiter bildet. Im Kampfgetümmel waren solche Manöver überlebenswichtig. Schon die Urahnen der heutigen Atlasbewohner zogen mit den Karthagern beritten über die Alpen. Sie stürmten den islamischen Invasoren entgegen und beherrschten dann gemeinsam mit den Arabern über 700 Jahre hinweg Spanien. Noch bis ins 20. Jahrhundert hinein machten Berberaufstände den französischen Kolonialtruppen zu schaffen. Das wichtigste Kampfmittel waren dabei stets die Pferde.

Foto: Schomann
Das Pferd gehört bei den Berbern zur Familie

Über Jahrhunderte hinweg wurden die unverwüstlichen Berberpferde mit den leichtfüßigen Reittieren der Araber gekreuzt; der Araber-Berber entstand. Eine vielseitige, leistungsfähige Mischform, die auch im Ausland viele Freunde fand – und noch weit mehr finden würde, wäre die Ausfuhr nicht derart kompliziert. Die einzige Züchterin, die Araber-Berber in größerer Zahl nach Deutschland importiert, ist Susanne Geipert, die in der Nähe von Marburg das Gestüt Azzayani betreibt.

Die promovierte Agraringenieurin kam als Entwicklungshelferin in die Länder des Maghreb. „Die meisten Leute glauben, der Berber käme aus der Wüste. Doch dort werden aufgrund des fehlenden Futters gar keine Pferde gehalten, sondern Kamele. In steilen Gebirgen wiederum findet man meist Maultiere und Esel.“ Der Mittlere Atlas aber bietet mit seinem eher sanften Bergland klassisches Pferdeterrain. Mit gelbem Sandboden oder leuchtend roter Erde an den Ausläufern, mit fast nordisch anmutenden Zedernwäldern auf den Hochplateaus, wo Schafe weiden und Makaken herumturnen, und mit steinigen Höhenzügen, die sich bis 3000 Meter aufschwingen.

 

Arabische Amazonen

Mimoun ben Bouazza ist Geiperts wichtigster Partner in Marokko. Gemeinsam fahren sie durchs Land, um bei Bauern, Züchtern und auf Märkten die vielversprechendsten Pferde auszusuchen. Heute steht eine Fantasia im zwei Stunden entfernten Boujad an. Unterwegs machen sie bei Mohammed Haffoud, einem arabischen Großbauern, Station. Dessen Töchter Aisha und Fatíha haben mit einer Handvoll Freundinnen eine Fantasia-Truppe auf die Beine gestellt. Erst seit kurzem nehmen gelegentlich auch Frauenteams an den Wettkämpfen teil. Die Mädchen sind um die zwanzig; einige gehen noch zur Schule, andere werden demnächst heiraten und die wilde Reiterei dann vermutlich aufgeben.

Foto: Schomann
Aparte Amazonen: Auch Mädchenriegen nehmen vereinzelt an Fantasias teil

Mohammed fragt Mimoun um Rat für die Equipe. Zwei Kulturen und auch zwei Temperamente stoßen dabei aufeinander: der Araber, ein schlitzohriger Patriarch, unruhig und lustvoll gestikulierend, und der Berber, verhalten, abwartend, skeptisch. Die Töchter beteiligen sich nur kurz am Palaver und ziehen sich dann  zurück. So ganz ernst kann Mimoun die Amazonentruppe nicht nehmen. Er hakt nach, ob sie bei ihren Auftritten denn überhaupt Konkurrenz hatte, oder ob dies nur eine billige Methode sei, das Preisgeld abzuschöpfen. Doch schließlich verspricht er, beim nächsten Besuch den Pferden und den Reiterinnen Hilfestellung zu geben.

Die Fantasia findet auf dem kahlen, langgestreckten Turnierfeld am Rande von Boujad statt, das normalerweise nicht mehr Flair besitzt als ein Bolzplatz. Für zwei Tage aber verwandeln die Reiterspiele es in ein orientalisches Feldlager. Gut tausend Schaulustige säumen den Turnierplatz. In vollem Ornat ziehen Reiter und Pferde zum Start, sechs bis zehn Mann pro Equipe. Erhaben blicken sie über das Fußvolk hinweg – nur Reiter sind Männer. Stolz tragen sie ihre weißen, knöchellangen Dschelabas zur Schau, ihre turbanartigen Kopfbedeckungen und die langen Flinten mit den silbernen Beschlägen. Sie thronen auf prächtig verzierten Holzsätteln, und auch die Brustgurte und der Kopfschmuck der Pferde sind über und über mit Gold und Pailletten besetzt. Glöckchen schellen an den Hufen.

Ruhmreicher Rummel: Die Reiterspiele sind Volksfest und Volkssport zugleich

Fliegende Händler schieben sich durchs Gewühl und bieten Luftballons und Süßigkeiten feil. An der Straße ins Städtchen haben sich ein paar Musikanten postiert. Der Rennplatz selbst wird zu drei Seiten von zwanzig großen Mannschaftszelten flankiert, schmucken Hallen aus elfenbeinfarbener Leinwand, oder nach Beduinenart aus schwarzem Filz. Drinnen ruhen die Helden sich aus, trinken Tee mit ihren Familien und planen den nächsten Sturmangriff. Ringsum stehen überall Pferde angebunden. Fahnen und Wimpel wehen, bunte Lichterketten hängen als Girlanden zwischen den Zelten.

 

Die Berber proben den Aufstand

Je zwei Abteilungen treten nebeneinander an, im Abstand von einer halben Minute. Erst präsentieren sie sich dem Publikum im „terre-à-terre“, jenem Galopp im Leerlauf, der Spannung aufbaut und mächtig imponiert. Dann, auf ein Zeichen des Anführers, preschen sie alle in einer Linie los, einem imaginären Feind entgegen. Freilich gelingt die Phalanx oft nur unvollkommen; Pferde und Reiter sind hochgradig nervös. Einer schert fast immer aus oder bleibt im Getümmel auf der Strecke. In vollem Galopp richten die Männer sich auf, lassen ihr Kampfgeheul erschallen, strecken die Gewehre gen Himmel – und im Idealfall drücken sie dann alle im gleichen Moment ab. Unmittelbar danach parieren sie durch und drehen kurz vor dem Zelt der Juroren ab.

Die eigentliche Attacke dauert keine zwanzig Sekunden. Dafür wird sie obsessiv wiederholt, nach einem für Außenstehende kaum durchschaubaren System. Auch die Bewertung bleibt rätselhaft. Manchmal liegt das Juryzelt verwaist, dennoch stürmen die Mannschaften drauflos. Umgekehrt machen sie mitunter genau dann Pause, wenn die Kampfrichter vollzählig versammelt sind. Vergeblich erkundigt Mimoun sich nach dem Zwischenstand. Niemand vermag ihn mit Bestimmtheit anzugeben, und er interessiert offenbar auch kaum. Nicht der Sieg zählt, sondern das Spektakel. Nicht der Erfolg, sondern die Teilhabe. Die Fantasia scheint nachgerade Selbstzweck, ein rauschendes Volksfest und martialisches Schauspiel. In wenigen Wochen schon werden die Reiter sich wiedersehen. Beim Dattelfest in Beni Mellal, bei der Pilgerfahrt nach Moulay Idriss oder beim Hochzeitsmarkt in Imilchil. Gemeinsam werden sie einmal mehr die glorreiche Vergangenheit der Berber beschwören und ihre zumindest für die Tage der Fantasia stolze und aufregende Gegenwart.

 

Foto: Eder



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