Allein unter Gläubigen

Notizen einer säkularen Seele

Von Susanne Fischer

Copyright: Max Milan Marsalek
Woran Christen glauben - die Illustrationen zu unserer Adventsreihe hat der Cartoonist Max Milan Marsalek exklusiv für MAGDA angefertigt. (Copyright: www.maxm.de)

Ich bete so gut wie nie. Bei starken Turbulenzen im Flugzeug werde ich manchmal schwach, empfinde mich aber gleich als Schwindlerin. Menschen, die in meiner Nähe religiöse Rituale vollziehen, innig beten, ihren Glauben sichtbar leben, machen mich nervös.

Und nun wohne ich einer Stadt, in der es offiziell 18 verschiedene Religionen gibt. Die alle auf Sichtbarkeit insistieren. Die mir ihre Identität ins Gesicht schreien, ob ich sie wahrnehmen will oder nicht. Jesusstatuen, Marienschreine, Minarette, tätowierte Kreuze, Koranzitate, Autosticker – religiöse Symbole und Bekenntnisse, wohin ich schaue.

Auch in der Alltagssprache ist Gott all-, für meinen Geschmack zu gegenwärtig. Nie hätte ich gedacht, mich mal nach einem schlichten „Hoffentlich“ zu sehnen, weil ich nicht ständig auf den Willen Gottes („Inschah Allah“) setzen will. Und was soll Gott hier nicht alles regeln! Den Ledigen passende Ehepartner schicken, den dann Frischverheirateten bald Kinder und den Eltern des Paares ein langes Leben schenken - und das ist nur die Grundausstattung.

Ich sitze in Autos neben Menschen, die sich bekreuzigen, wenn wir eine Kirche passieren (und es gibt in Beirut viele Kirchen). Ich schrecke im Morgengrauen aus dem Schlaf, wenn der Muezzin in der Moschee um die Ecke zum Frühgebet ruft. Egal wo ich bin in der Stadt, irgendetwas Religiöses erwischt mich immer.
Ein Freund riet mir, die vielen Religionen als Teil der libanesischen Kultur und ihre öffentliche Auslebung als eine Art Folklore zu betrachten.

Und so staune ich über eine Bekannte, die sich vier Wochen lang in eine grobe Mönchskutte kleidet, auf dass der Heilige Scharbel ihr den Herzenswunsch nach einem Kind erfülle. Beobachte interessiert eine andere Freundin, die für denselben Wunsch barfuß zu einem Bergkloster pilgert. Und denke insgeheim, dass es doch gute und hochspezialisierte Ärzte im Libanon gibt.

Und dann ist Religion im Libanon ja immer auch gleich Politik. Die höchsten Ämter im Staat, die Sitze im Parlament, die Richterposten, die Polizei – alles folgt einem genau festgelegtem Proporz. Ein Sunnit kann niemals Präsident werden, ein Christ niemals Premierminister.

Bis ins kleinste Detail des Familienlebens mischen die religiösen Autoritäten mit. Wer einen Andersgläubigen heiraten will, muss konvertieren oder im Ausland eine Zivilehe schließen. Christen erben anders als Muslime oder Drusen, auch das Sorgerecht für die Kinder im Fall einer Scheidung (die es offiziell bei den Christen natürlich nicht gibt) wird je nach Religion geregelt.

Das geht meiner säkularen Seele zu weit. Statt auf das „Vater unser“ verlasse ich mich lieber auf den Vater Staat und einen für alle verbindlichen, überkonfessionellen Gesetzgeber.

Auf die Frage „Was ist für dich Europa?“ wären mir früher hunderte Antworten eingefallen. Nach fast acht Jahren im Nahen Osten würde ich spontan sagen: „Der säkulare Kontintent.“ Aus der Ferne erkenne ich als Privileg, was mir zuvor selbstverständlich erschien: das Recht, ein Leben frei von Religion zu führen.

Und ich bete dafür, dass dieses Recht in Europa verteidigt und erhalten wird.



Was halten Sie vom Christentum? Rund ein halbes Jahrhundert ist es her, dass eine Anthologie erschien, die einen Schrei der Empörung auslöste. Ihre Titelfrage „ Was halten Sie vom Christentum?“, von Karlheinz Deschner gestellt, veranlasste unter anderen Heinrich Böll, Max Brod, Arnold Zweig und Arno Schmidt zu Antworten, die mit christlichen Werten und kirchlichem Wirken provokativ abrechneten. Alle Jahre wieder bietet die Adventszeit Anlass, diese Frage zu wiederholen. In einer fünfteiligen Serie nimmt sich auch MAGDA in den kommenden Woche dieser Frage an.



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