Angst vorm bösen Wolf?

Jagdszenen aus der Oberlausitz

Von David Weyand

Copyright: David Weyand

In Wanderschuhen und Windjacke stapft Barbara Seibert durch die Muskauer Heide. Ihre Blicke huschen über den Boden. Plötzlich zerrt ihre Hündin Gaja an der Leine. Sie wittert etwas. Ihn? Da, am Waldrand! Da rührt sich doch was! Gespannt beobachtet Barbara Seibert die ferne Bewegung, dann löst sich ihr Blick. Nur ein Hase. „Wär’ auch sehr ungewöhnlich“, sagt sie. „Wölfe sind schließlich nachtaktive Tiere.“

Gewöhnlich hat es die 62-jährige Tierärztin aus dem westfälischen Lünen  nur mit Haustieren zu tun, die als Patienten ihre Praxis besuchen. Doch schon als Mädchen hat sie Bücher über Wölfe verschlungen. „Mich fasziniert die enge Bindung zwischen Hund und Mensch. Schon deshalb wollte ich alles über ihre Vorfahren wissen.“ Auf ihren Spuren ist sie nach Kanada, Russland und Schweden gereist, hat allerdings noch nie einen in Freiheit gesehen.

Mit einem Dutzend Naturfreunden folgt sie Stephan Kaasche, 34, durch das Gebiet des ehemaligen Tagebaus. Seitdem Schaufelradbagger nicht mehr nach Braunkohle schürfen, erobert sich die Natur ihr Terrain zurück. „Wir sind jetzt im Revier des Milkelner Wolfsrudels“, erklärt Kaasche „ Hier gibt’s viele Sanddünen, da lassen sich ihre Spuren besonders gut finden.“Tatsächlich: Kurz darauf entdecken sie im weichen Untergrund Pfotenabdrücke. Ein paar Schritte weiter liegt ein graues Häufchen. „Sehen Sie, da!,  Knöchelchen in der Losung“,sagt er.

Kaasche kennt sich aus. Schon in der Schule war er in einer Naturschutz-AG und, machte danach in der Zoohandlung der Eltern eine Lehre. Wellensittich, Goldfisch und Hamster waren jedoch nicht seine Leidenschaft. „Wölfe faszinieren mich, seitdem ich denken kann.“

Aufklärung ist angesagt

Mehr als Geschichten über Canus Lupus zu lesen, blieb ihm allerdings nicht, denn in Deutschland waren Wölfe längst ausgerottet. Den letzten erschossen Jäger 1904 bei Hoyerswerda. Wolfsjagd ist inzwischen verboten, denn seit 1990 stehen sie in Deutschland unter Naturschutz. „Damit ging die uralte Diskussion wieder los“, erinnert sich Kaasche. „Es hieß, sie würden Schafe reißen und sogar Kinder fressen. Ich nahm die Ängste ernst und versuchte die Märchen und Mythen mit Argumenten zu widerlegen.“


Die Reportage "Angst vorm bösen Wolf?" haben wir in gekürzter Version dem Onlinemagazin "15 Grad Ost" entnommen, einem Projekt der Zeitenspiegel-Reportageschule Günter Dahl. Die vollständige Fassung und viele weitere Geschichten aus dem Dreiländereck um Görlitz finden Sie auf www.reporterreisen.com.


1996 wurde in der Muskauer Heide zum ersten Mal wieder ein Wolf in Deutschland gesehen. Vier Jahre später gab es  Nachwuchs. Zum ersten Mal seit mehr als 150 Jahren und bald darauf wurden erste Opfer beklagt. Aufklärung war angesagt und ist es immer noch. Immerhin haben sächsische Schäfer bis heute 227 Schafe durch Wölfe verloren. „Als es die ersten Schafsrisse gab, habe ich bei den  Herden Nachtwache gehalten und geholfen, Zäune aufzubauen.“ Es gebe zwar genug Wild, von dem sich Wölfe ernähren könnten, aber Schafe seien die leichtere Beute. Durch Herdenhunde und Elektrozäune ist die Zahl getöteter Schafe zurückgegangen – obwohl die Wolfspopulation gestiegen ist. Sollten die Räuber dennoch wieder zuschlagen, wird der Schäfer vom Staat entschädigt.

Dennoch schlagen immer wieder Emotionen hoch. Boulevardzeitungen heizen die Stimmung an. Wolfsgegner gründeten 2004 den Verein für Artenschutz und Sicherheit und forderten, Wölfe zum Abschuss freizugeben. „Die wollen doch nur einen Konkurrenten loswerden, damit sie alleine das Wild jagen können“, schimpft ein Teilnehmer der Gruppe.

Barbara Seibert ist enttäuscht. Außer ein paar Spuren war auch dieses Mal nichts von den Wölfen zu entdecken. Vielleicht ein Trost: Selbst Kaasche hat in den vergangenen Jahren erst acht Mal welche gesichtet. „Zuletzt vor drei Wochen“, berichtet er, während ihm Barbara Seibert mit leuchtenden Augen zuhört. „Der war mindestens einen Kilometer weit weg. Aber als er mich entdeckt hat, hat er sich vor Schreck sofort in die Büsche geschlagen.“



„15° Ost“: Der offizielle Trailer (Video: Anna Hunger; Musik: „le Hawaii intérieur“ von Fouxi)

  • Geschichten von der Neiße: Lesen Sie auch die Reportage "Schuldlos glücklich" über ein Leben hinter Klostermauern

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