An Mutti kommt keiner vorbei
Aus einem wahren Winter
Über den Umgang der Städtebewohner mit einem normalen Naturereignis
München
Die Frau, die von Berlin nach München flog, kam aus dem Staunen nicht heraus. Es waren null Grad dort, gefühlt plus fünf. Und in Berlin? Minus 18. Welche Ungerechtigkeit, in der Hauptstadt leben zu müssen, im Nordosten. Es lag auch kein Schnee in München. Der Taxifahrer hatte die Erklärung. München ist auf einem riesigen Kiesbett gebaut, der Kies saugt die Kälte auf, der Schnee hält sich nicht. Es muss ja nicht immer richtig sein, was die Chauffeure erzählen, die Hauptsache ist, dass sie für alles eine Erklärung wissen, und das ist nun mal so. Die Frau aus Berlin hatte viel zu tun in München. Sie hastete eine Rolltreppe hinauf. Drei junge Männer amüsierten sich über soviel Unverstand, und einer sagte: „Der Dame pressiert’s.” Da war der Dame so, als hätte es zehn Grad plus in München, und sie ging etwas langsamer sowie eleganter. Nach getaner Arbeit lenkte sie ihre Schritte ins „Schumann’s”. Sie stand angesichts des an einem Montagabend prall gefüllten Lokals noch staunend im Eingang, als Schumann persönlich mit seinem weißen Haar sie beiseite schob. Machte aber nichts. Am nächsten Morgen flog die Dame von München zurück nach Berlin. Es ergab sich schon vor dem Abflug eine Verspätung von zweieinhalb Stunden, und es begann zu schneien. Die Dame dachte sofort an das Kiesbett und was es nun mit dem Schnee tun würde.
Fritz-Jochen Kopka
Hamburg (1)
Gestern sah ich eine. Ehe ich sie sah, hörte ich sie donnern. Ein herrlicher Sound. Und ich dachte schon, sie wären ausgestorben, die Kreeks, die wurzelechten Blankeneser Schlitten, die ich als Kind bewundert habe. Und gefürchtet. Ich hatte nur diesen Normalschlitten, achtete schon oben am Berg darauf, dass ich keine Kreek hinter mir hatte. Wenn dir eine ins Kreuz fährt, gute Nacht. Kreeks sind flach, schwer und unglaublich schnell. Ursprünglich waren sie als Kohleschlitten gebaut worden. Glücklich, wer eine hatte, die kleine Kiste mit Kufen aus Massivholz, vom Bootsbauer oder Tischler, die mit Steuerlatte unterm Arm auf Kurs gehalten wird. Und weil die Latte lang und schwer ist, keine Latte, sondern eher ein Mast oder ein schlanker Baum, donnern die Kreeks rasend schnell ins Tal. Sie brauchen eine eisige, glatte Piste, wie sie nur in sehr strengen Wintern entsteht. Jetzt poltern sie wieder. Die Kerle sitzen auf dem Brett wie Affen auf dem Schleifstein, brüllen „Rrrraum!“. Wenn ein Hubbel kommt, fliegen sie, landen hart und die Latte schlenkert hinter ihnen über die Piste. Donnerwetter, schöne Hamburger Bergwelt.
Emanuel Eckardt
Beirut
Winter in Beirut ist… anders. Die Wettervorhersage fürs Wochenende lautet: 20 Grad, heiter. Gerade habe ich – 27. Januar – auf dem Balkon gefrühstückt. Mein Schwager erzählte vor ein paar Tagen stolz, er habe im Meer gebadet. Ein bisschen kühl sei es gewesen, ja, aber erträglich, weil ihn, sobald er aus dem Wasser kam, die Sonne gewärmt habe. Ich persönlich gehe hier nicht vor April, Mai schwimmen – sonst hätte ich gleich an der Ostsee bleiben können.
Lieber möchte ich am Wochenende Skifahren gehen. Knapp 50 Kilometer vom frühlingshaften Beirut entfernt liegen Mzaar und Faraja, die größten Skigebiete des Landes, immerhin zwischen 1735 und 2465 Meter hoch, mit roten und schwarzen Pisten und 22 Liften.
Winter in Beirut ist… gewöhnungsbedürftig. Jedes Jahr im Oktober, wenn die ersten Regenfälle kommen, denke ich, das Land ist viel zu klein für all das Wasser, das vom Himmel stürzt. Von einem Augenblick zum anderen verwandeln sich die Straßen in Flüsse, läuft man am besten nur noch in Gummistiefeln durch die Stadt. Und dann, am nächsten Morgen, als hätte eine höhere Macht die Tapete gewechselt, strahlend blauer Himmel. T-Shirt-Wetter. Wochenlang fühle ich mich, als wäre der Sommer zurückgekehrt. Sehe mit wohligem Gruseln die Schneebilder aus Deutschland, lese vergnügt auf Facebook von minus 15 Grad in Berlin. Bis die nächsten Gummistiefeltage kommen.
Winter im Libanon bedarf der Erfahrung. „So willst du nach Damaskus fahren? Du wirst erfrieren im Auto, zieh dich wärmer an!“, warnte mich mein Mann, als ich vorgestern für einen Kurzbesuch von Beirut nach Damaskus aufbrach. Ich trug bereits einen Pullover und eine dicke Daunenjacke, ein seltsames Gefühl in Downtown Beirut. Vorsichtshalber kramte ich noch eine Strickjacke und einen Schal aus den Tiefen des Kleiderschranks hervor.
Wir waren noch keine Dreiviertelstunde unterwegs, da legten wir in einem heftigen Schneesturm bereits die Schneeketten an. Im Schneckentempo schlichen wir über den Pass Richtung syrische Grenze. Vor uns ein Lastwagen mit saudi-arabischem Kennzeichen. Wie der Fahrer sich wohl im Schneesturm fühlt? Wieder im Tal, wechselte das Bild, nun waren die Straßen kaum von den umliegenden Feldern zu unterscheiden, Hochwasser überall.
„Was für ein furchtbares Wetter!“, sagte ich zu einem Freund, der mich in Damaskus erwartete. „Furchtbar?“ Er guckte mich entgeistert an. „Es ist wunderbar! Endlich Regen, in ganz Syrien. In manchen Gegenden haben wir darauf seit drei Jahren gewartet!“
Susanne Fischer
Bottrop
Wir im Pott ham et nicht leicht. Die glaum doch wirklich, dass wir alle unter Tage leben und noch mit Slotty zahlen. Und unsere Kinder mit der Grubenlampe auffer Stirn geboren werden. Aber weisse. Ich brauch sonne Aussicht auf Schlacke, Stahlträger und Fördertürme. Wenn ich den ganzen Tach aufn Bodensee gucke, werd ich nervös. Muss nich ins Land, wo Milch und Honig fliesst. Lieber Bier und Korn. Sacht auch unser Dichter Frank Goosen. Hömma, der hat ächt recht. Woanders ist auch scheiße, sachter. Und wir ham alle ne große Klappe, und Brieftauben, und Kacke aufn Kopp, is ja klar.
Aber weisse, gezz ist Winter, da halten wir uns bedeckt. Verstehse, Schnee, bedeckt, ha, ha, da schmeisse dich wech, oder? So watt von. Die Welt wird leise, wenn der Schnee fällt, kannsevergässn, Leute, in Bottrop is der nich schwatt. Wir husten nicht drauf ab, watt die Staublunge hergibt. Da gehen wir aufn Donnerberg rodeln, aufm Schlageterteich Eislaufen, und auf der Autohahnbrücke kannse auffe Bretter runter, direktement über die A2. Da geht die Sonne glutrot überm Sterkrader Kreuz unter, datt muss man wollen. Booo, is datt schön! Und alles weiss. Sonst ham wir ja datt ganze Jahr nur die Schihalle auf der Halde in Welheim, unser Alpincenter. Da sin aber nur besoffene Käsköppe auf der Piste. Und habter gesehen, ei, Pott, wir machen Kultur 2010, da hat sogar der Köhler kalte Ohrn gekriecht bei der Eröffnung. Als Gröni gröhlte. Wollte nomal hörn? Nee, is datt schön. Und weisse, Winter! Gezz könnt Weihnachten kommen.
Michael Schophaus
Hamburg (2)
Kürzlich lief mal wieder eine dieser Passantenumfragen im Fernsehen. Eine alte Dame wurde gefragt, wie sie mit den extremen Temperaturen draußen umginge. Die Dame sagte: „Das sind keine extremen Temperaturen, es ist Winter!“
Eine schöne Antwort. Ja, es ist Winter. Tatsächlich, fühlbar und endlich mal wieder. Die Luft piekst beim Einatmen wie ein Haufen Stecknadeln in der Nase, Kinder schlittern vor den Supermärkten, die ganz Kleinen tragen Fäustlinge, die größer sind als ihr Kopf.
In Hamburg ist das derzeit auch so. Und die Behörden sind sogar kurz davor, die Alster freizugeben, den seit Wochen steif gefrorenen Vorzeigesee der Hanseaten. Überall an den Ufern und unter den Brücken wird derzeit gebohrt und gemessen. Das Eis muss 20 Zentimeter dick sein, bevor offiziell das „Alstereisvergnügen“ ausgerufen wird. Doch dann wird es sehr schnell gehen. Die Alster mutiert zur begehbaren Glühweinzone, zum eisigen Crêpe- und Punschparkett. Wenn es also weiter so friert, werden am Wochenende hunderttausend Menschen glücklich übers eisige Nass flanieren, gleiten, schlittern.
Ein kleiner Alsterarm liegt nicht weit von meiner Wohnung. Ich kann zum Fenster gehen und hinunter schauen. Schön sieht das aus. Es spiegeln sich weiß und roséfarben die Wolken im Eis, das in diesem Winter 2010 besonders glatt ist und silbrig glänzt. Auf dem kleinen Alsterarm sind schon jetzt die Schlittschuhläufer unterwegs, natürlich, viel zu schön, um die Kufen im Keller zu lassen, und die Behörden, ach, die Behörden.
Ein Mann und sein Sohn fahren da unten seit zwei Stunden im Kreis. Genauer gesagt fahren sie zwei große Kreise, die sich berühren und so zu einer großen Acht im Eis werden. Sie fahren immer noch und immer weiter. Der Mann trägt einen blauen Pulli, der Junge eine rote Pudelmütze. Ich kann sie sehen, jetzt, wie sie da unten umhersausen.
Dabei fällt mir auf, dass die Acht platt auf dem Eis liegt, eine umgekippte Acht sozusagen, das Zeichen der Unendlichkeit. Eisbilder. Eisfantasien. Wie schön.
Vor kurzem weilte ich beruflich in Sri Lanka. Ein Singhalese sagte mir, als wir so über unsere Länder sprachen, dass er sich kaum etwas sehnlicher wünsche, als einmal den Wechsel der Jahreszeiten zu sehen.
Winter. Frühling. Sommer. Herbst.
Weiß. Grün. Blau. Braun.
Die Farben der Erde, das große Spiel der Natur.
Wie recht der Singhalese doch hatte. Und was mache ich? Ich schalte jetzt, jetzt sofort, meinen Computer aus. Und gehe raus.
Es ist Winter. Winter vor meiner Haustür!
Marc Bielefeld
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