Beckmesser und Taschentuch

Zwei Tage Bayreuth als Kontingenzerfahrung

Von Jens Teuber

„Was machst du denn da?“ Der entsetzte Ausruf meiner Frau riss mich aus meiner meditativen Tätigkeit. Ich bügelte gerade ein Stofftaschentuch – eine für mich recht ungewöhnliche Tätigkeit, bin ich doch eigentlich treuer Nutzer von Papiertaschentüchern der Marke „Solo“. Dieses Stofftaschentuch jedoch hatte ich vor Jahren einmal zusammen mit zwei anderen geschenkt bekommen. Seitdem fristete es ein ebenso nutz- wie freudloses Dasein in meiner Sockenschublade. Es sah entsprechend mitgenommen aus. Nun sollte es für einen großen Auftritt in Top-Form gebracht werden. „Ich bereite mich auf Bayreuth vor“, war meine ebenso knappe wie korrekte Antwort. Die Hemden waren bereits gebügelt, die Anzüge in Kleidersäcke eingetütet und die Schuhcreme wenigstens schon mal aus dem Keller geholt.

Ich war nach Bayreuth eingeladen worden. Die Premiere der Wiederaufnahme von Katharina Wagners Meistersinger-Inszenierung von 2007 stand für Montag und die zweite Vorstellung der Laborratten-Neuenfels-Lohengrin-Neuproduktion für Dienstag auf dem Programm.

Copyright: Jens Teuber
In Bayreuth müssen es Stofftaschentücher sein (Alle Fotos: Jens Teuber)

Montag, 2. August, 16 Uhr, ich in grauem Anzug, Binder und weißem Hemd im Allerheiligsten des Wagner-Kultes. Weihevolle Stimmung, erhebende Stille, gebügeltes Tuch in der Hosentasche. Gefühltes Diktum: „Irgendwann sitzen wir alle in Bayreuth zusammen und begreifen gar nicht, wie man es anderswo aushalten konnte.“ (Friedrich Nietzsche).

„Die Meistersinger von Nürnberg“, Wagners größte Oper. Die Handlung ist schnell erzählt: Der Ritter Walther von Stolzing kommt 1561 in die Stadt Nürnberg, auf deren Festwiese für den Johannestag ein Sängerwettstreit der Meistersänger anberaumt ist. Preis: Die Tochter Veit Pogners, Eva. Auf sie haben es auch Hans Sachs, der würdige Witwer und Ober-Meister, und Sixtus Beckmesser, der unangenehme Schleimer und Korinthenkacker vom Typ subalterner Beamter abgesehen. Ritter Stolzing kann schön singen, beherrscht aber keine Regeln. Sachs lässt dem Neuen Raum und lehrt den Ritter das Nötigste. Der genialische Ritter gewinnt den Wettstreit und Eva. Beckmesser „stürzt“, so steht es in den Regieanweisungen, nach seinem gescheiterten Gesangsversuch „wütend fort und verliert sich unter dem Volke. Großer Aufstand“.

Soweit Uropa Richard. Und was macht Katharina daraus? Wendepunkt ihrer Inszenierung ist die Prügelszene, ein durch Sixtus Beckmessers nächtliches Gesinge und Geübe ausgelöstes Chaos in der Stadt. Alles geht drunter und drüber – nicht nur in den Klängen aus dem Orchestergraben, sondern auch im Tumult auf der Bühne: Farbe spritzt, Mobiliar birst, Volk tobt.

Der bis dahin sich ach so kompatibel unkonventionell gebärdende Kunstprofessor Sachs – barfuß, mit schwarzer Hose und offenem schwarzen Hemd eine Art Künstlertyp aus der Toskana-Fraktion – sammelt wild umherliegende Reclam-Hefte auf und stapelt sie fein säuberlich aufeinander. Das hatte bis dato immer mit großer Akribie eben jener Erbsenzähler und Klugscheißer Beckmesser getan, das Urbild des kleinkarierten Beamten, der seine Erfüllung in der ordentlichen Befolgung der alten Regeln gesehen hatte. Reclam-Hefte als Chiffre für nur reproduziertes, nicht angeeignetes und weiterentwickeltes Denken. Dieser Beckmesser legt angesichts des Chaos‘ seinen Binder ab, zieht sein Jackett und sein weißes Hemd aus und beginnt seine Performance: Mit den Fingern malt er die Buchstaben B und E auf sein T-Shirt. Später ist „BECK IN TOWN“ zu lesen.

 

Copyright: Jens Teuber
Der "Werkstattcharakter" zeigt sich vor allem in der Kantine

Pause nach dem zweiten Aufzug um halb acht. Eine Stunde Erholung! Die kann man wahrscheinlich nirgendwo so gut gebrauchen wie hier. Der Rücken schmerzt von den Bayreuther Verhältnissen, die sich in Form der berüchtigten hölzernen Stuhlehnen der Wirbelsäule nachdrücklich mitteilen. Die Ausgabestelle für die dezent überteuerten Speisen und Getränke hat den Charme einer Betriebskantine in der eisenverarbeitenden Industrie - wahrscheinlich soll dies den "Werkstattcharakter" auf dem Grünen Hügel betonen. Es gibt Schnittchen mit Lachs, Apfelkuchen für 4,20 Euro und Eis von Mövenpick. Jetzt sieht man sie alle beisammen, aufwändige Roben, zwei in schwarzen Gothic-Gewändern, manche in Alltagskleidung. Man trinkt Wein und Kaffee, das Bier aus Flaschen, was niemanden stört.

Wie anders dagegen Salzburg! In den Pausen dort geht es viel snobistischer zu, man darf praktisch nur Sekt trinken, alles andere wird schief beäugt. Es ist genau dieses Fränkisch-Derbe, das Wolfgang Wagner in Bayreuth kultiviert hat; das Gockelhaft-Karajaneske, wie es sich in Salzburg gehalten hat, findet man am Grünen Hügel nicht.

 

Vorteil bei den hölzernen Rückenlehnen: Japanerin in Bayreuth

Zur Fortsetzung des Spektakels ruft die Festspielfanfare. Erst einmal, dann zweimal, dann, drängend, dreimal. Man schaut es sich vom Vorplatz aus an; in lockeren Grüppchen stehen sie, die sich wenig später wieder in die Holzplätze zwängen werden. Ich beneide die Kimono-Trägerin um ihr im Rücken eingenähtes Kissen.

Meistersinger, dritter Aufzug. Walther von Stolzing, hier ein dahergelaufener Hippie mit langer Mähne, bunter Hose und Lederjacke, verwandelt sich im Laufe der drei Akte so, wie es so manche Frau und viele Männer der Festspielgemeinde im Laufe ihrer Jahrzehnte auch getan haben: Er verspießert ebenso wie Sachs, der sich jetzt Boss-Anzüge gönnt. Als Sponti gestartet, als Abteilungsleiter gelandet. Stolzing gründet mit Eva eine heile Familie und trägt hinfort einen grauen Anzug und gepflegte Haare, gewiss ein gebügeltes Stofftaschentuch in der Hosentasche.

Am Ende ist Beckmesser der innovative Performance-Künstler, vom kunstsinnigen Volk ausgebuht. Stolzing – eigentlich seit der Uraufführung 1868 der Held der Geschichte – wird affirmativer Kunst-Handwerker, vom Chor-Volk in Abendrobe verehrt. Und der ach so weise und lebenskluge, der joviale und allen einleuchtende Hans Sachs präsentiert röhrende Hirsche und schafft Skulpturen von der Ästhetik Arno Brekers, dessen Werke nach wie vor den Grünen Hügel zieren. Das kunstsinnige Chor-Volk auf der Bühne ist vor Verzückung aus dem Häuschen, allein Beckmesser sieht Unheil nahen. So wird er zum Kraftzentrum der ganzen Inszenierung, darstellerisch und sängerisch sensationell interpretiert von Adrian Eröd, der dafür mit Preisen, Ehrungen und Lob überhäuft werden möge!

 

Er war dabei

Zwanzig vor elf. Das Ende nach sechs Stunden und 40 Minuten. Die Musiker werden bejubelt. Katharina Wagner dagegen wird von der gut betuchten Festspielgemeinde ausgebuht wie zuvor Beckmesser auf der Bühne. „Von dieser vierschrötigen fränkischen Göre lassen wir uns doch nicht den Spiegel vorhalten", sollen die Buhs bedeuten, "wo kämen wir denn da hin!"

Katharina gönnt dem kunstsinnigen Volk nicht das gute Gefühl eines Biedermannes: „Dann geht er ganz erbaut nach Haus und – leiht sein Geld auf Wucher aus.“ (Ludwig Pfau). Sie gönnt uns nicht das gute Gefühl, sich über den Schleimer und Erbsenzähler Beckmesser erheben zu können. Er, der Bass-Bariton, kann sich befreien, während der strahlende Tenor am Ende als Streber die eigentliche Lachnummer ist und der seriöse Bass triumphal scheitert. Dabei wäre doch für viele Gebügeltes-Taschentuch-Träger die Hoffnung, einmal dieser Beckmesser zu sein, die Sorge, dieser Stolzing zu bleiben und die Möglichkeit, dieser Sachs nicht zu werden am Ende hilfreich. Aber zugegeben: Ein leise gehauchtes Buh angesichts so manchen Regie-Gedöns und -Klamauks wäre auch dann noch vertretbar gewesen.

Tag zwei meiner Bayreuth-Visite ist bestimmt von der Erkenntnis, dass es sich einfach nicht gehört, erwachsene Menschen durch Geldzuweisungen dazu zu bringen, sich im Rattenkostüm in Erdmännchenhaltung und hoppelmäßig wie einst Ingrid Steeger über die Bühne des Bayreuther Festspielhauses zu bewegen. In Neuenfels‘ Lohengrin aber gibt es sie in schwarz, weiß und rosa. Tiefsinn hin oder her. „Ach Gott, ist das beziehungsreich, ich glaub, ich übergeb mich gleich!“, dichtete einst Robert Gernhardt. Hans Sachs‘ „Wahn, Wahn, überall Wahn“ vom Vortag hätte hier gerne noch herüberschallen dürfen.

Ansonsten: schöne Tableaus, großartige Bilder, intensives Licht, großartiges Ensemble – und gut, dass ich mein Taschentuch auch an diesem Abend nicht vergessen hatte. Jonas Kaufmann als Schwanenritter in gehobener Alltagskleidung und der stimmlich eigentlich unmöglichen Synthese zwischen Wolfgang Windgassen und Placido Domingo vermochte zu Tränen rühren. Können denn jemals im Festspielhaus die Auftrittsworte „Nun sei bedankt, mein lieber Schwan!“ zarter und inniger gesungen worden sein? Und ist denn jemals dort die Gralserzählung feierlicher und großartiger und schöner in Szene gesetzt worden? Ich kann es nicht glauben.

Diesem Einbruch der spirituellen Welt in die Kontingenz vermag niemand sich zu entziehen.

 

Richard und Dessous: In Bayreuth geht vieles

Das Hohe muss zum Abschluss kontrastiert werden, anders ließe es sich kaum würdigen. Rein deshalb in die Kneipe mit Menschen, deren Durchschnittsalter exakt der Hälfte meiner Jahre entsprechen dürfte, und die allesamt wohl leidenschaftliche Solo-Papiertaschentücher-Nutzer sind. Der Schlips wird mir abgenommen, er wird nun von einem recht betrunkenen Raver getragen. Das hätte er sich auch nicht träumen lassen.

„Die Erde hat mich wieder.“ (Johann Wolfgang von Goethe, Faust I).

 

Jens Teuber, 44, ist in seiner Freizeit Provinz-Wagnerianer
und lebt in Oldenburg i.O.



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