Bestienstories

Walton Fords grandiose Tierbilder im Hamburger Bahnhof in Berlin

Von Martin Rasper

Im Oktober 1934 brach aus dem Zürcher Zoo ein Panther aus und versetzte das Umland in helle Aufregung. Die Dörfler lebten in Angst; die wildesten Gerüchte darüber, wo die Bestie angeblich schon wieder gesehen wurde, verbreiteten sich in hysterischer Eile. Fast zehn Wochen trieb sich die Raubkatze in den Wäldern herum, bis ein Mann sie unter einem Heustadel entdeckte, „wo er das Tier erlegte, um es zu verspeisen“ – so der lakonische Bericht des Zoodirektors. Auf dem Bild, in dem der amerikanische Illustrator Walton Ford die  Geschichte erzählt, schleicht der Panther an einem verschneiten Dorf vorbei, von dem die Bauern ihn fernzuhalten versuchen; und die elegante schwarze Raubkatze wirkt auf ihre Art zivilisierter als die panischen Dörfler mit ihren archaisch anmutenden Fackeln.

Das kommt öfter vor bei Fords Bildern, die zur Zeit im Hamburger Bahnhof in Berlin zu sehen ist und gleichzeitg als Buch erschienen sind: dass man nicht weiß, welchem Blick man trauen soll. Dem ersten, dem zweiten, dem dritten? Je länger man hinsieht, desto vielsagender schauen diese Bilder zurück. Mit einem grandiosen Kunstgriff nämlich gelingt es Ford, sämtliche Seherwartungen zu unterlaufen und sich zugleich die größtmögliche Freiheit zum Geschichtenerzählen zu verschaffen: Er malt im Stil der naturwisssenschaftlichen Illustratoren des 17. und 18. Jahrhunderts, plastisch und genau, verzeichnet die zoologischen Namen sämtlicher dargestellter Kreaturen und versieht die Bilder zudem mit präzise klingenden Titeln, mit Quellengaben und wissenschaftlich anmutenden Erläuterungen. Alles atmet die Naivität und die Sorgfalt der Naturdarstellungen aus der Zeit, als die Natur noch Geheimnisse zu bergen schien, als es wirklich noch etwas zu entdecken gab. Aber natürlich ist es in Wahrheit ganz anders.

In Wahrheit macht Ford, was er will. Mit stupendem handwerklichen Können erschafft er einfach sämtliche Welten, die seine offenbar unerschöpfliche Fantasie hergibt. Dazu greift er mit vollen Händen in das Arsenal der Kunst-, Natur- und sonstigen Geschichte, bedient sich hier, zitiert dort, Volkskunde, Folklore, Reiseliteratur, die Tagebücher der Entdecker, erfindet mal die unglaublichsten Details und Hintergründe, um sich dann wieder auf das Hauptmotiv zu konzentrieren, grundiert das Ganze mit einem mal abgründigen, mal feinsinnigen, mal derben Humor, oder aber er verzichtet auch einfach darauf. Es gibt nichts, was es nicht gibt auf diesen Bildern, es wird viel gevögelt, besonders von Vögeln (das darf man sagen, denn Ford kalauert selbst gerne), es wird vergewaltigt, geliebt, begehrt, gelitten, gekämpft, gemeuchelt, getrickst, gerächt, es wird gefressen und gestorben, es wird entdeckt und erobert, es wird philosophiert - und es wird sehr viel posiert.

Es ist viel darüber geschrieben worden, dass Ford mit seinem Bestiarium dem Menschen den Spiegel vorhalte; dass er mit sozusagen allttestamentarischem Furor den Menschen an seine Sünden erinnere. Ich bin nicht sicher, ob es die Moral ist, die ihn interessiert, ich glaube es sind einfach die Geschichten. Walton Ford ist ein besessener Geschichtenerzähler.

Die Ausstellung ist bis zum 24. Mai im Hamburger Bahnhof in Berlin zu sehen.



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