Borussias Barde

Liebe Schalker, ihr müsst jetzt sehr stark sein ...

Von Michael Schophaus

(alle Fotos: Dominik Asbach)

Andy Schade ist Metzger und lässt gern mal die Sau raus. Zum Beispiel als Vorsänger bei Borussia Dortmund. Er singt von Stolz und Ruhm und Leidenschaft, bis die Wand vor ihm „Null Neun!“ brüllt. So einfach kann Fußball sein. Und auch so schön.

Da kannst du noch so ein harter Typ sein. Aber vor dieser Wand schlottern dir die Knie. Da haste Muffe, sagt Andy, hoch zehn. Bloß einen auf dicke Hose machen, bringt gar nichts. Nee, das hier ist Dortmund. Das ist Ehrlichkeit, bis auf die Knochen. Für manche heißt das, mal nicht an Hartz IV denken. Nur weg vom Flur im Arbeitsamt, vergessen, zwei, drei Stunden lang. Die Mahnung im Briefkasten. Das mit der Lehrstelle. Einfach raus und Bee Vau Bee.

Hier herrscht die Poesie von Kampf und Fleiß und ab nach vorn. Hier riecht es nach Pils, nach Schweiß, nach guter Maloche. Nach echten Kerlen, die nichts fürchten. Solange sie in der Wand stecken, solange ihre Masse mächtig macht; und nicht nur das Bier wärmt ihre Liebe zur Borussia. Sie schleicht sich steil hinauf bis unters Dach. In keinem Stadion von Europa gibt es eine größere Wand. Dem Himmel so nah, ihre Hölle fängt erst ein paar Kilometer weiter in Gelsenkirchen an. Sterben, sagt Andy, ist nichts dagegen. Und nichts ist geiler für ihn, als von ein paar tausend Schalkern ausgepfiffen zu werden.

Andy Schade geht dahin, wo es wehtut. Und wenn er singt, wird er auch wieder ruhig. Stellt sich vor die Südtribüne, schwärmt von Würde, Ruhm und Leidenschaft und davon, dass Dortmund niemals untergeht. 25 000! Er spürt die Wand bis in den Magen, diesen gebrüllten Stolz, den Geruch von Arroganz und Pils. Sie dampft und schwankt und stampft beim Singen so fest auf, dass denen auf den besseren Plätzen fast die Lachsbrötchen aus den Händen fallen. Wie eine gewaltige Welle schwappt dir alles entgegen.

80 552 Fans passen ins Stadion.
Wir werden immer stolz an eurer Seite sein!

Beim ersten Mal hätte sie ihn fast überrollt, Andy war kurz vor der Ohnmacht. Bekam keine Luft mehr, hatte Schiss vorm eigenen Mut. Brutal, sach ich dir. Ihm zitterte das Mikro, als er gaaanz klein vor der schrägen Menge stand, und kriegte kaum einen Ton heraus vom neuen Lied. Dann sang er vom Borsigplatz, dass er da geboren ist, was eigentlich gar nicht stimmt, und sie brüllten ihm den Refrain entgegen: "Null Neun! Die Menschen im schwarz und gelben Ruhrgebiet werden immer stolz an deiner Seite sein."

Verdammt, dachte Andy, als er vor über vier Jahren in diese Wand blickte. So heftig hatte er sich das nicht vorgestellt. Wenn nur jeder von den 25 000 normal spricht, ist das schon lauter als ein Gewitter. Andy hat bereits einiges erlebt auf der Bühne. Er ist schmerzfrei, wenn es um Musik geht. Hört AC/DC, ZZ Top und U2, und auf der Gitarre spielt er deutlich mehr als drei Akkorde. Mit sechs Jahren unterhielt er die Gäste im Speiselokal seiner Eltern in Wiblingwerde mit Songs von Mike Krüger rauf und runter. Keine Ahnung, wie oft er damals den Nippel durch die Lasche zog. Oder er Mein Gott Walter war.

Doch diese Bühne im größten deutschen Stadion verzeiht dir nichts, niente, nada, nothing. Ein falscher Ton, geht ja noch. Aber irgendein schlechter Vers oder vielleicht mal so zum Spaß „Schalke!“ rufen, und sie würden dir das Gesicht auf den Rasen drücken und dich Erde fressen lassen. Oder so ähnlich. Schalke und Dortmund geht gar nicht. Schalke und Dortmund ist Krieg. Ein Riss im Pott.

Andy liebt Musik, er lebt Musik, aber nimmt sich dabei nicht allzu wichtig. Nicht so ernst. Nicht immer nur auf Etikette achten. Er geht an die Grenzen, sonst könnte er sich auch nicht am Wochenende vor dieser Wand aufstellen. Schimpft sich Luder und Krampe und nennt Bands am liebsten Kapellen. Ziemlich spacig, was? War viele Jahre lang bei Firma Angst & Bange, einer Kultband aus dem Sauerland. Ihr Album „Hömma!“ ist heute noch der Renner auf den Partys zwischen Schmallenberg und Lüdenscheid. Machte Eminem, Kylie Minogue, Rammstein oder Metallica nach, mit scharfen Fummeln und schiefem Mund. Und sang: Wo rohe Kräfte sinnlos walten, da kann kein Knopf die Hose halten. Über 300 Auftritte von Rock am Ring bis Kieler Woche. Hatte alles erreicht, meint er und grinst. Bis der Bee Vau Bee kam und sein Herz sofort Ja sagte. Auch weil es bei ihm in Iserlohn nur Eishockey gibt. Und Schlittschuhlaufen kann er nicht.

© Dominik Asbach
Der Metzger als Rampensau. Am Morgen nach dem Spiel geht es für Andy wieder um die Wurst

Andy lässt gern die Sau raus. Was nicht immer leicht für ihn als Metzger ist, aber, pssst, wenn keiner zuhört, gibt der Rocker sogar zu, ein Melancholiker zu sein. Und was für einer, selbst die armen Schweine rühren ihm die Seele. Denn alle, die sonntags einen roten Strich haben, siehst du montags nicht mehr wieder. Manche von ihnen kennt Andy mit Namen. Auf Hof Drepper, wo er manchmal aushilft, ist alles gut. Natürlich gut. Ob Paulas Sülze, das westfälische Blindhuhn, die gebratene Blutwurst nach Omi Hildes Kochrezepten oder Tante Friedas Mutzemandeln. Wenn er am Freitagabend ins Stadion muss, steht er am nächsten Morgen trotzdem um sieben auf der Matte. Auf einen wie Andy ist Verlass. Bisschen crazy, aber sehr nett.

Er passt zu Dortmund, zum Ballspielverein Borussia 09. Das haben sie auch in der Wand gemerkt. Er ist für sie kein Held, von denen es im Ruhrgebiet nur so wimmelt. Aber trotz Sauerland ist er ganz okay. Na klar, kein Norbert Dickel. Weißt du noch, wie der uns mit seinem kaputten Knie in Berlin 1989 durch seine zwei Tore zum Pokalsieger schoss? Den hat Andy mit „50 000 Borussen an der Spree“ auch schon verewigt, ihm in Öl ein Bild gemalt: Komm, mach’s noch mal, macht Träume wahr, der Ruhrpott ist bereit.

Solche Lieder singen sie lauthals mit. Atze Schröder, der mit Andys Manager Uli Neidl zusammenarbeitet, sagte erst kürzlich auf der Feier zum 100-jährigen Bestehen des Vereins: Mensch, Dortmund hat viel zu viele Helden! Oh, Mann. Das glaubse nich. Selbst Odysseus hätte es nur in die zweite Mannschaft geschafft ... Der ist nicht schlecht, sagt Andy. Oder? Ansonsten singt er vom Borsigplatz. Voll drin in Dortmund, voller geht’s nicht. Wo sie nach großen Siegen mit den Autos hupend im Kreisverkehr fahren, die Schals aus den Fenstern schwenken oder gleich die ganze Straße in Schwarz und Gelb streichen.

Dort wurde der Verein, ihr Verein, am 19. Dezember 1909 in einer Kneipe gegründet. Dazu kippten die Herren sich richtig einen im „Wildschütz“, mit einem Bier, das Borussia hieß. Daher der Name.

Wo der BVB 1909 gegründet wurde, gibt es heute Pommes rot-weiß

Später nahmen ihnen die Nazis ihren Bolzplatz weg, die Spiele wurden in der Kampfbahn Rote Erde ausgetragen. Eine heilige Stätte. Weg von den Arbeitern, ab in den bürgerlichen Süden. Heute prangt ein Schild über der ersten Geschäftsstelle am Borsigplatz. „Pommes Rot-Weiss" steht darauf. Angeblich gibt es hier die besten Fritten der Stadt.

Nach dem Singen ist Andy ziemlich fertig. Obwohl es nur Minuten dauert. Aber der Druck, die Grimassen, das Schäkern mit der Kamera, die ihm ständig vor der Nase tanzt und die Bilder auf eine riesige Anzeigetafel überträgt. Das kostet Kraft. Viel Kraft. Selbst ihn, den alten Profi mit 42. Dann setzt er sich während des Spiels weit weg von der Wand, in der alle stehen, und betrachtet sie. Lächelt sie an. Hofft, dass sie friedlich bleiben. Dass sie nicht doch noch „Scheiß Millionäre!“ rufen, wenn es auf dem Rasen überhaupt nicht läuft und sie sich gegenseitig auf die Füße treten.

Na ja, und dann. Ehrlich. Er hat nicht gerade den besten Platz im Stadion, das 80 552 Zuschauer fasst. Oft ist es ein Platz, auf dem er sich recken muss, um kein Tor zu verpassen. Er hätte was Besseres verdient, der Vorsänger vom Bee Vau Bee. Sagt nicht Andy. Meinen die aus der Wand. Ihm ist das egal, so was von egal.

Er fühlt, wie bei ihm der Puls runter geht. Wie er in eine tiefe Zufriedenheit sackt. Wie ihm das Bier schmeckt. Aber es gibt Tage, da kann er nicht warten bis zum Schluss. Bis die Wand auseinanderbricht. Hibbelig, wie er ist. Dann guckt er auf die Uhr, bevor der Schiri abpfeift. Und geht leise nach Hause.

 

Schwarzgelb, wie lieb ich dich! Nach Siegen wird der Borsigplatz in den Vereinsfarben gestrichen


SEIN LIED

Wir sind alle am Borsigplatz geboren,
haben früh schon, doch für alle Zeiten unser Herz verloren.
Wir spürten, dass – egal wohin die Fussballwelt sich dreht –
Borussia Dortmund niemals untergeht.

Es gab Zeiten, da ging’s uns richtig schlecht,
wir blickten in den Abgrund und schworen uns: „Jetzt erst recht“.
Gemeinsam durch das Tränental, geschlossen Hand in Hand,
und am Ende der dunklen Gasse erstrahlt die gelbe Wand.

Borussia Dortmund 09.
Hundertausend Freunde, ein Verein,
die Menschen im schwarz und gelben Ruhrgebiet
werden immer stolz an deiner Seite sein.

Goldne Zukunft braucht Vergangenheit.
Wir denken an die Jungs von früher, in tiefer Dankbarkeit.
Unser Herz ist voller Leidenschaft, der Wille ist aus Stahl.
Wer uns in unserem Stolz verletzt, der macht das nur ein Mal.

Eine Liebe, die für alle Zeiten hält,
weil wir wissen, dass im schönsten Stadion der Welt
elf Borussen auf dem Rasen für das große Ganze stehen
und wir für unseren BVB durch jedes Feuer gehen.

Borussia Dortmund 09
Hundertausend Freunde, ein Verein,
die Menschen im schwarz und gelben Ruhrgebiet
werden immer stolz an deiner Seite sein.

Borussia Dortmund 09
Hundertausend Freunde, ein Verein,
die Menschen im schwarz und gelben Ruhrgebiet
werden immer stolz an deiner Seite sein.

Es gab Zeiten, da ging’s uns richtig schlecht,
wir blickten in den Abgrund und schworen uns: „Jetzt erst recht“.
Gemeinsam durch das Tränental, geschlossen Hand in Hand
und am Ende der dunklen Gasse erstrahlt die gelbe Wand.

Borussia Dortmund 09
Hundertausend Freunde, ein Verein,
die Menschen im schwarz und gelben Ruhrgebiet
werden immer stolz an deiner Seite sein.

Borussia Dortmund 09
Hundertausend Freunde, ein Verein,
die Menschen im schwarz und gelben Ruhrgebiet
werden immer stolz an deiner Seite sein.
Die Menschen im schwarz und gelben Ruhrgebiet
werden immer stolz an deiner Seite sein.

* * *

Andy Schade ist nicht am Borsigplatz geboren, aber mit seinem gleichnamigen Song hat er Kultstatus erreicht. Als ihn sein Manager Uli Neidl anrief, um ihn zu fragen, hey, wir haben ein neues Lied über den BVB, willste nicht? Da hat er geantwortet: Mach schon mal Kaffee, bin gleich da! Ansonsten sagt der Metzger und Musiker über sich, dass er sich mit seinem Geplärre in die Herzen sämtlicher Reinigungskräfte im Sanitärbereich des Sauerlandes spielen will. Er hat gerade die Band The Grandfather’s Revenge gegründet. Weitere Infos zu Andy Schade unter www.un-promotion.de






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