Bürgerliche Sorgfalt 2010

Wie multikulturell Berlin jetzt schon ist

von Fritz-Jochen Kopka

© Fritz-Jochen Kopka
Je später der Abend (Foto: Fritz-Jochen Kopka)

Zu den jungen Mythen des MAGDA-Teams zählen die Telefonkonferenzen, die die beste Möglichkeit sind, Kommunikation herzustellen, denn im E-Mail-Verkehr neigen viele Autoren dazu, sich totzustellen, und bei Live-Treffen geht der Streit darum, wo man sich gerechterweise trifft. Etwa schon wieder in Berlin? Das wäre ein Verbrechen wider den Föderalismus. (Unter uns: Wir haben uns erst einmal in Berlin getroffen, bei sehr guter Beteiligung. Ist doch klar: In Berlin hat jeder mal was zu tun.) So kam Kassel auf den Plan. Kassel ist angeblich die Mitte der Welt. Aber wer will ständig nach Kassel, um an einer Sitzung teilzunehmen? So bleiben die Telefonkonferenzen.

Stimmen aus dem Jenseits

Du wählst dich ein, eine Stimme erklingt, ein Signal ertönt, jemand fragt: wer ist jetzt zu uns gestoßen, und in diesem Moment wird dir bewusst, dass du einen akustischen Raum betreten hast. Menschen dieses Raumes haben Stimmen, aber keine Körper. Manche Stimmen erkennst du schon, andere Stimmen gleichen sich immer noch.

Zur Telefonkonferenz anlässlich MAGDAS Geburt hatte Schomann die Berliner in seine Wohnung eingeladen und ein Essen versprochen. Es kamen Baur, Schächtele und Kopka. Der Wein stand auf dem Tisch, eine chinesische Weisheit hing an der Wand. Die Telefonkonferenz dauerte zwei Stunden. Wenn ich es richtig sehe, waren wir alle ziemlich froh, dass wir es so weit gebracht hatten und stritten uns kaum. Dann wurde Champagner eingeschenkt, und schließlich begab sich Schomann zu zielführenden Tätigkeiten in die Küche.

Wir aßen eine Art chinesische Maultaschen, zum Teil mit Shrimps, zum Teil mit Gemüse gefüllt, darüber wurde eine Marinade gegossen und Koriander gestreut. Köstlich, aber den Höhepunkt hatte Schomann noch in der Hinterhand. Nämlich die südostasiatische Durianfrucht. Sie war so lange auf dem Balkon gelegen, nun hatte er sie hereingeholt; sie wird einen Geruch verbreiten, sagte er, der ist nicht jedermanns Sache, erst wenn es richtig nach Verwesung riecht, ist sie richtig gut. Wie ich fand, roch es längst nach Verwesung, aber Schomann meinte, die Frucht müsse ihre Eigenart noch weiter entfalten.

© Wibowo Djatmiko / Quelle: Wikipedia
Harte Schale, weicher Kern
(Foto: Wibowo Djatmiko)

Endlich begab er sich abermals zielführend in die Küche, kehrte zurück mit vier Tellern, auf denen jeweils zwei große Stücke der Frucht lagen, die nicht mal unsympathisch aussahen. Schächtele stieß ein Gelächter aus: Entschuldigung, das kann ich nicht essen, sagte er. Baur war stolz, die Hälfte geschafft zu haben. Ich fand, dass es ein wenig nach Mango schmecke und aß alles auf, was mich selbst am meisten überraschte, weil ich früher sehr mäklig war. Wir lehnten uns zurück und waren zufrieden. Schächtele, weil er den Mut fand abzulehnen, und weil man ihm das nicht übelnahm. Baur, weil er wie so oft die gute Mitte behauptet hatte, und ich, weil ich offensichtlich ein anderer Mensch geworden war. Nur Schomann meinte, dass die Frucht noch nicht ganz ihr Optimum erreicht hätte, gestankmäßig.

Was dann geschah, kommt mir heute wie ein Traum vor. Ein Mann mit Treppenhauskleidung, aber schwarzgraugrünkariertem Wollschal, lief aufgeregt durch die Diele, das Gesicht hochrot, der Blick unstet. Wenig später tauchte ein voluminöser Mensch mit Helm und Gummikleidung auf. Feuerwehr. Es sei Gasgeruch festgestellt worden. Nach ersten Recherchen müsse das Gas in dieser Wohnung ausströmen. Löschen, ehe es zu spät ist, die Explosion verhindern. Als halber Chinese wusste Schomann sofort, was los war. Es war die Frucht, die Veranlassung gab, an ausströmendes Gas zu glauben. Der Feuerwehrmann nahm die Durianreste ins Visier, die Nasenflügel bebten, er wollte es kaum glauben, musste aber einräumen, dass dies die Quelle des Geruchs war. Sprach ins Funkgerät zu seinen Mitstreitern, die unten bei Blaulicht auf den Einsatz warteten: Einsatz beendet. Es war kein Gas, es war eine exotische Frucht.

An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen

Der Nachbar mit dem Wollschal war irritiert. Er hatte sich auf präsidiale Weise Sorgen gemacht und gehandelt, Sorgen um drei kleine Kinder, Sorgen um das schöne Wohnhaus, seine Bewohner und ihre Lebenspläne, Sorgen um die Stadt Berlin und die Menschheit. Lieber ein wenig vorsichtiger sein als gedankenlos wie so viele andere, Sorgfalt walten lassen, gutbürgerliche, Wilmersdorfer Umsicht, wir leben noch. Wir werden ewig leben.

Wieder klopfte es an der Tür. Das gesamte Einsatzteam der Feuerwehr bat um Einlass, um das Phänomen mit eigenen Nasen zu begutachten. Auch eine Streifenwagenbesatzung durfte nicht fehlen. Alle vergnügt. Es war noch einmal gut gegangen. Die Menschheit gerettet. Wir unterhielten uns über exotische Mahlzeiten und riskante Einsätze. Nur die kleine Streifenpolizistin wollte sich dem Vergnügen nicht ganz hingeben. Sie prüfte die Papiere des Wohnungseigentümers. An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen.

Insgesamt ist Berlin wieder ein wenig multikultureller geworden an diesem Abend, dessen Held wer war? Der Feuerwehrmann, der weise genug war, den Einsatz abzublasen unter Verzicht auf etliche stolze Wasserschäden? Die paradoxe Frucht des Durianbaums, die ein Drama auslöste und kein Hausverbot erhielt? Oder nicht doch der Nachbar mit dem sorgsamen Wollschal, der noch manches Unglück verhindern wird – da können wir ganz ruhig sein. Es sei denn, man sagt in Charlottenburg, Wilmersdorf und Schöneberg bei Gasgeruch in Zukunft: Ach, keine Bange, das wird die Durianfrucht sein, eine übelriechende Delikatesse aus Südostasien, völlig ungefährlich.

 

Und hier die Geschichte aus Sicht des Gastgebers

 



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