Der Geist hilft unsrer Schwachheit auf

Eine Papstaudienz und andere himmlische Erfahrungen

Von Emanuel Eckardt

Copyright: Max Milan Marsalek
Die Illustrationen zu unserer christlichen Artikelreihe hat der Cartoonist Max Milan Marsalek exklusiv für MAGDA angefertigt. (Copyright: www.maxm.de)

Es ist schon einige Jahre her, dass der Papst mir eine Audienz gewährte. Er war recht leutselig und erzählte aus seinem Leben. Wäre es nach dem Vater gegangen, hätte er Medizin studiert. „Wenn Hitler keinen Krieg angefangen hätte, wäre ich jetzt Frauenarzt in Königsberg", sagte der Papst, der mit seinen Eltern aus Ostpreußen fliehen mußte. „Ich danke Gott, daß er mir und meinen Patientinnen dieses Schicksal erspart hat."

Ich fragte ihn, ob er gläubig sei.

„Der Glaube an Gott kostet mich 16.000 Mark im Jahr", erwiderte der Papst mit mildem Lächeln. „Ich zahle diese Summe, um mir zweimal im Jahr die Matthäus-Passion anhören zu können, das größte Konzert der Welt. Natürlich kann man das billiger haben, aber ich glaube, man kann da nicht einfach austreten. Ich wäre es vielleicht schon längst, wenn es dieses Stück nicht gäbe."

Wir fuhren gemeinsam mit dem Zug von München nach Salzburg. Der Papst hatte seinen Trenchcoat an den Haken gehängt, lehnte sich nachdenklich zurück und wir sprachen über Gott und die Welt. Klar, dass es nicht irgendeiner dieser verbiesterten Römischen Päpste mit den laufenden Nummern war. Welten lagen zwischen ihm und den greisen Dogmatikern im Vatikan, obwohl auch ihm der Ruf der Unfehlbarkeit vorausgeht, denn es war kein geringerer als Prof. Dr. Joachim Kaiser, der Musikpapst der „Süddeutschen Zeitung", der zu mir sprach.

Ich höre die Matthäus-Passion auch sehr gern, wenn auch unversteuert, habe im Blankeneser Kirchenchor Bach gesungen, ohne der Kirche anzugehören, als Tenor in einer Gruppe singender Fachärzte. Ich habe den Chor verlassen, weil freie Journalisten noch weniger als niedergelassene Ärzte frei über ihre Zeit verfügen können. Ein Sänger, zumal ein Tenor, sollte bei keiner Probe fehlen, wenn Bach auf dem Programm steht. Ich habe die Motette noch im Ohr: „Der Geist hilft unsrer Schwachheit auf". Lieber Gott, wenn das stimmt, ist noch Hoffnung in dieser Welt. Ja, der Gott der Christen ist allgegenwärtig. Wenn es ihn gibt, ist er in Bachs Musik.

Ebenfalls aus dieser Reihe:



Was halten Sie vom Christentum? Rund ein halbes Jahrhundert ist es her, dass eine Anthologie erschien, die einen Schrei der Empörung auslöste. Ihre Titelfrage „ Was halten Sie vom Christentum?“, von Karlheinz Deschner gestellt, veranlasste unter anderen Heinrich Böll, Max Brod, Arnold Zweig und Arno Schmidt zu Antworten, die mit christlichen Werten und kirchlichem Wirken provokativ abrechneten. Alle Jahre wieder bietet die Adventszeit Anlass, diese Frage zu wiederholen. In einer mehrteiligen Serie nimmt sich auch MAGDA in diesen Wochen der Frage an.



Mit ... teilen: 



Artikel empfehlen

NEU

Streit
12.10.2016

Leidenschaften
11.01.2017
Der Volltreffer von Eppendorf
Liebeserklärung an eine Kneipe
Von Michael Schophaus (Text) und Frank Dietz (Fotos)

Die Reportage
06.08.2014

Die Stadt und ich
01.03.2014

Wiese und Weltall
12.12.2014

Bel Etage
14.04.2015

KrossMedia
12.01.2015