Der Mann, der die New Yorker mitten ins Herz traf

Über den Fotografen Thomas Hoepker

Von Sarah Fatima Parsons

Copyright: Thomas Hoepker
Hoepkers berühmtestes Bild: "Das ist New York. Uns kriegt nichts unter" (Foto: Thomas Hoepker)

Thomas Hoepker fand sein berühmtestes Foto - fünf junge New Yorker vor der Skyline Manhattans, das brennende World Trade Center im Hintergrund - gar nicht so doll. "Ehrlich gesagt, fand ich's eher untypisch für 9/11. Weil die jungen Typen dort in Williamsburg am East River so relaxed, so easy wirken. Dabei geht hinter ihnen die Welt unter.“

Die Kontroverse um das Foto bewegte auch die Blogs. Der New York Times-Kolumnist Frank Rich verteidigte den Fotografen gegen den Verdacht, er habe das Foto eventuell gestellt: "Das Foto zeigt uns. Das ist Amerika. Das ist New York. Uns kriegt nichts unter. Wenn uns was umwirft, stehen wir gleich wieder auf! Wir sitzen nicht tagelang herum und weinen."

Und so kam es zu dem Foto: Am 11. September 2001 um 9.10 Uhr klingelte das Telefon und ein Freund aus dem Magnum-Büro sagte zu Thomas Hoepker: „Schalt mal den Fernseher ein. Ein Jet ist ins World Trade Center gecrashed.“ Thomas sah das Loch im Tower, trank seinen Kaffee aus, rannte zu seinem Auto und fuhr von seiner Wohnung an der 63sten Straße, Ecke Second Avenue downtown. Doch in Soho waren die Straßen so verstopft, dass er die Brücke nach Brooklyn nahm, um von Williamsburg aus einen klareren Blick auf das Geschehen zu finden. Hoepker war als Fotoreporter für stern und Geo nie ein Fotograf an der Front, sondern eher der stille Beobachter, der aus der Entfernung die besten Bilder schoss. Hoepker hasst inszenierte und am Computer verfremdete Fotos.

Copyright: Christian Popkes
Magnum-Fotograf Hoepker: Der stille Beobachter (Foto: Christian Popkes)

Heute pendelt der Fotograf zwischen seinem weinroten Holzhaus am Big Fresh Pond nahe Southampton auf Long Island, wo er seit 1982 lebt, seiner neuen Wohnung in Berlin und Santiago de Chile, der Wahlheimat seiner dritten Frau Christine Kruchen.

Nach Jahren der Stille hatte er sich damit abgefunden, dass jetzt die Zeit der neuen jungen Fotografen gekommen sei und man in den Redaktionen kaum noch an ihn denke. Auch waren die großen Fotoreportagen in Magazinen wie Stern, Life und Paris Match längst ausgestorben.

Doch nach der großen Retrospektive seiner Bilder 2005 im Münchner Stadtmuseum begann wieder eine äußerst aktive Phase in seinem Berufsleben. “In meinen Jahren als Fotoreporter des Stern dachten wir uns nichts dabei, zwei Monate am Stück zu fotografieren oder zu verschiedenen Jahreszeiten in ein Land zu fliegen. Heute schicken Magazine dich einen Tag zu einem Fototermin, und du hast dort gerade mal eine halbe Stunde Zeit, einen Star oder einen Politiker zu porträtieren. Dann gehst du ins Hotel und sichtest deine Fotos auf der digitalen Kamera und mailst die besten an die Redaktion. Einerseits hat der Fotograf dadurch viel mehr Kontrolle über die Motive, die abgedruckt werden als früher, als man 20 Filmrollen losschickte und der Art Director und der Layouter sich über deine Bilder hermachten. Aber es ist eine Hetze.”

Sehr früh stellte Hoepker von der analogen auf die digitale Technik um. Heute steht in seinem Arbeitszimmer mit Blick auf den See in Southampton ein Monsterprinter von Hewlett Packard, der Firma, für die er auch durch die Welt jettet und Vorträge hält. “Ich drucke alle meine Fotoeditionen selbst, und die Qualität ist unglaublich.”

Hoepker gibt zu, dass er noch vor einigen Jahren gegen Foto-Editionen war. Es entsprach einfach nicht der Magnum-Philosophie. Die Agentur verlegte und verkaufte bis vor kurzem noch selbst Cartier-Bressons Klassiker in unlimitierten neuen Druckauflagen, was von Sammlern nicht geschätzt wird. Denn nur die Seltenheit erzeugt den Wert. Ein Foto ist unbegrenzt reproduzierbar. Selbst 20 oder gar 50 Jahre alte Dias und Vintage Prints, die Hoepker aus Redaktionen und aus seinem Fundus ausgegraben hat - komplett mit Bleistiftnotizen, Bildunterschriften und Daten für die Drucker versehen - säubert er zusammen mit seiner Assistentin Sonja auf dem Computer von Kratzern und Schlieren.

Thomas Hoepker war über 30 Jahre lang stern-Reporter. Mit seiner Frau, der Journalistin Eva Windmöller, arbeitete er von 1974 bis 1976 in Ost-Berlin, wo er der erste von der DDR akkreditierte West-Fotograf überhaupt war. "Das war hart. Die Zeit ist gut zu verstehen, wenn man den exzellenten Ulrich-Mühe-Film ‚Das Leben der Anderen’ sieht. Nach diesen kargen Jahren wollten wir in unser Sehnsuchtsland, das ich schon seit 1961 immer wieder besucht hatte, und wo ich meine Muhammad-Ali-Reportage gemacht habe. Das war die Belohnung für den grauen Osten."

In New York hilft er beim (kommerziell leider erfolglosen) Aufbau einer US-Ausgabe von Geo; Ende der 1980er Jahre wird er kurzzeitig Art-Director des stern und 1989 erstes deutsches Vollmitglied bei Magnum, der renommiertesten Fotoagentur der Welt, deren Präsident er von 2003 bis 2007 ist.

Seit 1976 lebt der gebürtige Münchner Hoepker in New York und hat inzwischen neben der deutschen auch die amerikanische Staatsbürgerschaft. Denn er möchte in seiner Wahlheimat auch über den nächsten Präsidenten mitbestimmen können.

 


In Deutschland veröffentlicht Thomas Hoepker im Mai 2011 das Buch "DDR Ansichten" (Verlag Hatje Cantz). Das Vorwort dazu schrieb Wolf Biermann.

Wer Hoepkers Bilder konzentriert sehen möchte, hat ab April die Auswahl zwischen mehreren Ausstellungen:

  • "Thomas Hoepker" - Heartland USA, Muhammad Ali, DDR und andere Fotos. Leica Galerie Frankfurt, ab 21. April 2011;
  • "DDR Ansichten", Ausstellung mit 140 Fotos im Deutschen Historischen Museum in Berlin, Eröffnung am 10. Mai 2011;
  • "Zeitsprung" (DDR) im Haus der Geschichte Bonn (in der U-Bahn-Station unter dem Museum), Eröffnung am 30. Juni 2012;
  • "New York 11. September", ACC Galerie Leipzig, ab August 2011;
  • "Heartland", Leica Galerie Solms,  ab 6. September 2011;

 




Mit ... teilen: 



Artikel empfehlen

NEU

Streit
06.12.2013

Süsssauer
07.04.2014

Die Reportage
06.08.2014

Die Stadt und ich
01.03.2014

Wiese und Weltall
02.11.2013

Bel Etage
13.12.2013

KrossMedia
06.10.2014