Der Everest-Express

Ein Ehepaar am höchsten Berg der Welt

Von Tom Dauer

Seil- und Lebenspartner: Zusammen gelang Gerlinde Kaltenbrunner und Ralf Dujmovits 2009 die Besteigung des Lhotse (8516 m). Über Dujmovits’ linker Schulter erhebt sich die Gipfelpyramide des Mount Everest. Der Blick fällt auf den Südsattel und den Südostgrat, über den der Gipfel 1953 erstbestiegen wurde – und der heute als Normalweg über die nepalesische Seite des Berges gilt. Kaltenbrunner und Dujmovits wollen den höchsten Berg der Erde im Frühling 2010 über seine schwierige Nordwand versuchen. (Foto: R.Dujmovits-www.amical.de)

„Weil er da ist“, antwortete der Engländer George Herbert Leigh Mallory einst auf die Frage, warum er den Mount Everest (8850 m) besteigen wolle. Bis heute hat niemand eine sinnvollere Antwort gefunden als der Gentleman-Bergsteiger, der sich 1921, 1922 und 1924 am höchsten Gipfel der Welt versuchte – während seiner letzten Expedition verscholl er mit seinem Seilgefährten Andrew Irvine am Nordgrat des Berges. Die Frage, ob die beiden Pioniere vor ihrem Tod den Gipfel erreichten, beschäftigt Alpinhistoriker bis heute.

Das Rätsel um den Tod Mallorys und Irvines trägt wesentlich zur Faszination bei, die der Mount Everest ausübt. 1953 wurde er von dem Neuseeländer Edmund Hillary und dem Sherpa Tensing Norgay zum ersten Mal bestiegen. 1978 verzichteten der Südtiroler Reinhold Messner und der Österreicher Peter Habeler als erste Menschen auf die Verwendung von Flaschensauerstoff – und begründeten mit diesem Erfolg beispiellose Karrieren.

Weitgehend unbeachtet von der Öffentlichkeit blieb dagegen ein Abenteuer, das zu den größten Leistungen der Alpingeschichte zählt: der „Everest-Express“. Am 28. August 1986 stiegen die Schweizer Erhard Loretan und Jean Troillet in die 2500 Meter hohe Nordwand des Mount Everest ein. Um der Wärme und damit Eis- und Steinschlag aus dem Weg zu gehen, kletterten sie nachts. Den Tag verbrachten sie in einer schützenden Schneehöhle. Nur 40 Stunden nach ihrem Aufbruch standen sie auf dem höchsten Punkt der Welt – um anschließend auf dem Hosenboden in dreieinhalb Stunden zum Wandfuß zurück zu rutschen.

Der legendäre Aufstieg fasziniert Höhenbergsteiger bis heute. So auch die Österreicherin Gerlinde Kaltenbrunner, 39, die zu den weltweit erfolgreichsten Alpinistinnen zählt. Und ihren Lebensgefährten Ralf Dujmovits,48, dem als ersten Deutschen die Besteigung aller 14 Achttausender gelang. Am 1. April 2010 brach das Ehepaar im heimischen Bühl auf, um sich an einer Wiederholung des „Everest-Express“ zu versuchen.

Vor ihrem Abflug in die nepalesische Hauptstadt Kathmandu sprach MAGDA-Autor und Alpinist Tom Dauer mit dem derzeit erfolgreichsten Bergsteiger-Paar über seine Pläne. Und über die Konsequenzen, die sich aus einem Scheitern am höchsten Berg der Erde ergeben könnten. Im weiteren Verlauf der Expedition wird Tom Dauer exklusiv für MAGDA über das Geschehen im Basislager und am Berg berichten.

 

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2500 Meter Fels und Eis: Über dem Rongbuk-Gletscher in Tibet ragt die Nordwand des Mount Everest (8850 m) auf. Die gelbe Linie markiert das „Supercouloir“, durch das Gerlinde Kaltenbrunner und Ralf Dujmovits aufsteigen wollen. (Foto: R.Dujmovits-www.amical.de)

MAGDA: Gerlinde, Du hast bereits zwölf Achttausender bestiegen und könntest die erste Frau werden, die alle 14 schafft. Warum wählst Du nicht einfach die leichteste Route auf den Mount Everest?

Gerlinde Kaltenbrunner: Wer als erste Frau auf den höchsten Gipfeln der Welt stehen wird, ist für mich absolut uninteressant. Da wird in der Öffentlichkeit ständig von einem Wettlauf gesprochen, an dem ich gar nicht teilnehme. Ich möchte versuchen, den Mount Everest auf einer schönen und einsamen Route zu besteigen. Mehr nicht.

MAGDA: Warum habt Ihr Euch für die Kombination aus „Japaner-Couloir“ und „Hornbein-Couloir“ in der Nordwand entschieden?

GK: Diese Linie ist einfach wunderschön. Sie zieht direkt und ohne Schnörkel vom Basislager auf dem Rongbuk-Gletscher zum Gipfel.

Ralf Dujmovits: Und sie fasziniert uns, seitdem Erhard Loretan und Jean Troillet ihren aberwitzigen Aufstieg hingelegt haben. Das war ein Meilenstein in der Entwicklung des Höhenbergsteigens. Für mich war es schon immer eine große Herausforderung, diese Route zu klettern.

MAGDA: Ralf, Du hast den Mount Everest bereits 1992 bestiegen. Warum tust Du Dir die Strapazen noch mal an?

RD: Damals musste ich auf der Normalroute durch den Khumbu-Eisbruch, das Western Cwm und den Südsattel zunächst kurz unterhalb des Gipfels umkehren. Ich war ohne Flaschensauerstoff unterwegs und hatte Angst, mir die Zehen zu erfrieren. Eine Woche später stieg ich wieder auf – allerdings mit Sauerstoffflasche. In meinen Augen ist das keine richtige Besteigung, da man die Höhe des Berges künstlich reduziert. Diese Scharte in meiner Bergsteiger-Vita würde ich gerne auswetzen.

MAGDA: Diese Expedition ist Eure erste, auf der Ihr zu zweit, ohne weitere Seilpartner, unterwegs seid. Für eine Beziehung, eine Ehe, können die Monate voller Anspannung sehr belastend sein. Freut Ihr Euch darauf?

GK: Ich bin sehr positiv, dass wir das gut hinkriegen. Wir sind einander sehr eng verbunden. Und können gerade deshalb sehr gut mit Spannungen umgehen. Da macht es auch nichts, wenn wir mal einen Tag nicht miteinander reden.

RD: Wir haben in unserem täglichen Leben eine gute Streitkultur entwickelt. Das setzt sich im Basislager fort – dort leben wir wie andere Paare in ihrer Küche. Am Berg haben wir sowieso fast nie Auseinandersetzungen, weil wir versuchen, möglichst viele Situationen zu antizipieren. So kommen wir in der Regel schnell zu einer gemeinsamen Entscheidung.

MAGDA: Trotzdem könnte es zu Auseinandersetzungen kommen. Wie habt Ihr Euch darauf vorbereitet?

RD: Es wird uns am Mount Everest deutlich besser gehen als in den vergangenen Jahren, in denen wir jeweils alleine an Achttausendern unterwegs waren. 2009 etwa kletterte Gerlinde am K2, dem zweithöchsten und gefährlichsten Berg der Erde, während ich im Basislager festsaß. Das hat mich fertig gemacht.

MAGDA: Was ist, wenn einem von Euch am Berg etwas passiert?

RD: Wir setzen uns seit Monaten mit dem Mount Everest und seiner Nordwand auseinander. Fast jeden Tag haben wir uns Wandbilder angesehen. Alle möglichen Details haben wir bedacht, sind alle Eventualitäten durchgegangen…

GK: Natürlich wissen wir, dass es äußerst schwierig sein wird, dem anderen in einer so großen Wand zu helfen. In der Todeszone sowieso.

RD: Wenn sich einer von uns verletzt, zum Beispiel durch Steinschlag, sind uns die Konsequenzen klar.

GK: Da stehen wir natürlich unter einem großen Druck. Wenn wir ehrlich sind, müssen wir zugeben, dass wir das Thema nicht zu Ende denken. Ich zumindest denke es nicht zu Ende.

RD: Es ist nicht so, dass dieses Thema unser Handeln bestimmt. Wir beide funktionieren ähnlich, wir vertrauen einander. Eine gehörige Portion Fatalismus gehört auch zu unserem Tun. Dennoch ist mir klar: Wenn ich aus eigener Kraft nicht mehr nach unten komme, muss Gerlinde mich zurücklassen. Dann steht ihr Überleben im Vordergrund.



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