Der Everest-Express, Teil 5

Ein Ehepaar trennt sich in 8300 Meter Höhe

Von Tom Dauer

Copyright: Dominik Baur

Auch wenn die Sicht fehlt, die Gebetsfahnen beweisen es: Gerlinde Kaltenbrunner steht auf dem Gipfel des Mount Everest. Am 24. Mai 2010 erreichte sie den höchsten Punkt der Erde aus eigener Kraft, ohne Unterstützung von Höhenträgern und ohne die Verwendung von Flaschensauerstoff. Nach der Neuseeländerin Lydia Bradey (1988), der Engländerin Alison Hargreaves (1995), der Chinesin La Ji (2004) und der Italienerin Nives Meroi (2007) ist sie erst die fünfte Frau, der diese alpine Glanzleistung gelang. Denn mit Flaschensauerstoff reduziert sich die Höhe des Berges um etwa 1000 Meter. Nur 130 Bergsteiger haben den Mount Everest also tatsächlich bestiegen. Die restlichen 4800 haben etwas Ähnliches gemacht.

 

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Fünf Tage zuvor waren Gerlinde Kaltenbrunner und Ralf Dujmovits in ihrem kleinen Basislager auf dem tibetischen Rongbuk-Gletscher aufgebrochen. Ein letztes Mal brachten sie den kilometerlangen Anmarsch unter die Nordwand des Mount Everest hinter sich – unsicher, ob das Wetter einen ernsthaften Aufstiegsversuch erlauben würde. Denn auf Gipfelhöhe toste der Sturm mit bis zu 80 Stundenkilometer.

 

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Der Aufstieg auf den 7200 Meter hohen Nordsattel verläuft, anders als die Akklimatisationstour wenige Wochen zuvor, ohne Probleme. Noch ist Ralf Dujmovits bester Dinge. Er und seine Ehefrau harren zwei Tage im Zelt aus. Schneefall und Sturm machen das Weitergehen unmöglich. Dennoch ist Gerlinde Kaltenbrunner zuversichtlich: „Der Tag am Nordsattel tut Ralf und mir gut. Wir sind doch ziemlich ausgekühlt.“

 

Am 22. Mai 2010 erreicht das Ehepaar eine Höhe von 7600 Metern. Die Bergsteiger werden mit einer grandiosen Aussicht nach Tibet belohnt. In der Nacht macht Ralf Dujmovits kein Auge zu. Ein starker Hustenreiz plagt ihn.

 

Eine Nacht später schlafen die Bergsteiger auf 8300 Meter. In einer Höhe, in der jeder Atemzug zur Qual wird. Als sie gegen 19 Uhr in ihre Schlafsäcke kriechen, nehmen sie ein fernes Gewitter wahr. Es beginnt zu schneien. Gerlinde Kaltenbrunner: „Um 1.30 Uhr starten wir die Kocher. Zum Frühstück gibt es Babybrei und Butterkekse. Ralf ist von den letzten beiden Nächten, in denen er kaum geschlafen hat, völlig übermüdet.“ Immer wieder schläft Dujmovits im Sitzen ein. Als ihm zum zweiten Mal die Tasse aus der Hand fällt, sagt er: „Gerlinde, ich gehe nicht mit, ich bin zu fertig. So ist das viel zu riskant.“ Er vereinbart mit seiner Ehefrau, bis zum Nordsattel abzusteigen und dort auf sie zu warten.

 

Um 3.55 Uhr verabschiedet sich Gerlinde Kaltenbrunner mit einem Lächeln von ihrem Mann. In der Dunkelheit steigt sie den Nordgrat des Mount Everest hinauf. Sie ist allein. Nach dem Second Step holt sie zwei Italiener ein, mit denen sie befreundet ist: „Ehrlich, ich freue mich sehr, sie zu treffen. Von diesem Zeitpunkt an steigen wir gemeinsam auf. Inzwischen kommen uns die Leute mit Flaschensauerstoff im Abstieg entgegen.“ Um 12.30 macht Gerlinde Kaltenbrunner die letzten Schritte zum Gipfel. Es ist vollkommen ruhig, nur leichter Wind ist zu spüren. „In Gedanken bedanke ich mich bei allen mir wichtigen Menschen, bei Ralf, meiner Familie und Freunden.“

 

Gerlinde Kaltenbrunner bleibt genau 35 Minuten am Gipfel. Bevor sie absteigt, packt sie zwei kleine Steine ein. Zurück auf 8600 Meter reißt der Wind ein Loch in die Wolkendecke.  „Weiter unten unten entdecke ich, dass dort noch unser kleines Zelt steht. Hoffentlich ist Ralf nichts passiert.“

 

Etwa 50 Höhenmeter vor dem Zelt bemerkt Gerlinde Kaltenbrunner, dass ihr Mann auf sie zukommt: „Er hat auf mich gewartet! Meine Freude kann ich nur schwer ausdrücken. Das ist ein weiterer Gipfel für mich.“ Nachdem sich die Österreicherin erholt hat, steigt das Ehepaar – nun wieder vereint – ins Basislager ab.

In der ersten Juni-Woche kehren Gerlinde Kaltenbrunner und Ralf Dujmovits ins heimische Bühl zurück, wo Dujmovits eine Bergsteigerschule betreibt. Zuhause hält es sie nicht lange: Am 20. Juni 2010 bricht das Ehepaar auf, um sich am K2 (8611 m) im pakistanischen Karakorum-Gebirge zu versuchen.

 

Seit 1. April 2010 begleitete MAGDA das Ehepaar Gerlinde Kaltenbrunner, 39, und Ralf Dujmovits, 48, bei seinem Versuch, den Mount Everest gemeinsam zu besteigen. Für die Österreicherin wurde es der 13. Achttausender. Dujmovits, dem als ersten Deutschen die Besteigung aller 14 Achttausender gelang, wollte den höchsten Berg der Erde ein zweites Mal erklimmen. Lesen Sie dazu auch:

„Wenn ich aus eigener Kraft nicht mehr nach unten komme, muss Gerlinde mich zurücklassen.“ Ein Gespräch über Leben und Überleben am höchsten Berg der Erde.

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