Der Everest-Express, Teil 3
Ein Ehepaar am höchsten Berg der Welt
Am 1. April 2010 brachen die Höhenbergsteiger Gerlinde Kaltenbrunner, 39, und Ralf Dujmovits, 48, nach Tibet auf. Ihr Ziel: eine Durchsteigung der 2500 Meter hohen, extrem schwierigen Nordwand des Mount Everest (8850 m). Aufgrund anhaltend schlechten Wetters und schwierigen Bedingungen am Berg hat das Ehepaar nun seinen Plan geändert – dazu war allerdings Überzeugungsarbeit nötig.
„Wir haben in unserem täglichen Leben eine gute Streitkultur entwickelt“, hatte Ralf Dujmovits im MAGDA-Interview vor Beginn des Abenteuers gesagt. „So kommen wir in der Regel schnell zu einer gemeinsamen Entscheidung.“ Diese suchten Ralf und seine Frau, nachdem sie erneut einen Vorstoß in die Nordwand des Mount Everest unternommen hatten.
Die Tage zuvor hatte das Ehepaar untätig in seinem Basislager auf dem Rongbuk-Gletscher verbracht. In der Höhe herrschten Windgeschwindigkeiten von über 130 Stundenkilometer und Temperaturen um minus 35 Grad. An einen Aufstieg war nicht zu denken. Ein kleines Wetterfenster erlaubte es Gerlinde Kaltenbrunner und Ralf Dujmovits schließlich, einen Ausflug in die Nordwand zu unternehmen. Dabei wollten sie vor allem die aktuellen Eisverhältnisse in der Wand begutachten.
Bereits beim Zustieg über den Rongbuk-Gletscher brach Gerlinde Kaltenbrunner zwei Mal in zugewehte Gletscherspalten ein. Der kontinuierliche Wind hatte die 15 bis 20 Zentimeter hohe Neuschneedecke so stark verblasen, dass selbst breite Spalten im konturlosen Weiß nicht mehr zu sehen waren. Natürlich hatten sich die Bergsteiger deshalb angeseilt, so dass die Stürze glimpflich verliefen.
Nach einer kalten Nacht stieg das Ehepaar frühmorgens in die von Beginn an steile Flanke ein. Ralf Dujmovits: „Zur Sicherung setzte ich vier Eisschrauben. Dann stand ich an der Oberkante eines Eisabbruchs. Und plötzlich wurde es spannend. Meine beiden Eisgeräte hatte ich nur ziemlich wacklig im Schnee verankert. Dann ging wie aus heiterem Himmel eine Spindrift-Lawine auf mich nieder. Minutenlang. Langsam ging mir die Luft aus und ich spürte, wie meine Hände lahm wurden. Meine Füße sah und spürte ich nicht mehr. Im letzten Moment ließ der Spindrift nach und ich konnte mich in flacheres Gelände retten. Viel hätte nicht gefehlt, dann wäre ich gestürzt.“
Ernüchtert traten Gerlinde Kaltenbrunner und Ralf Dujmovits anschließend den Abstieg ins Basislager an. Dort wurde schnell deutlich, dass Mann und Frau unterschiedliche Vorstellung von der näheren Zukunft hatten. Denn während sie in der nächsten Schönwetterphase einen Durchstieg der Nordwand wagen will, hält er dieses Vorhaben für zu riskant. Ralf Dujmovits: „Ich muss einsehen, dass ich nicht mehr so wagemutig bin wie in jungen Jahren. Vielleicht sehe ich mit jahrzehntelanger Erfahrung aber auch die Gefahren zu sehr im Vordergrund. Für mich kommt der Wanddurchstieg jedenfalls nicht in Frage. Deshalb habe ich Gerlinde gebeten, mit mir auf 7200 Meter Höhe auf den Nord- bzw. Nordostgrat auszuweichen. Diesen ohne Zusatz-Sauerstoff bis zum Gipfel zu klettern, ist immer noch Herausforderung genug. Die Wahrscheinlichkeit, gesund im Basislager anzukommen, ist dabei deutlich größer.“
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