Der Feind googelt mit

Wenn Bilder Kriegsziele liefern

Von Susanne Fischer

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Der Blick in Nachbars Garten - mit Google Street View möglich?

Die Aufregung über Google Street View ist derzeit groß in Deutschland. Bürger fürchten um ihre Privatsphäre, Reiche um ihre Schätze, Nudisten um das uneinsehbare Fleckchen auf dem Balkon.

Wer Google Street View einmal benutzt hat – für viele amerikanische Städte ist das längst möglich – weiß, dass viele dieser Sorgen unbegründet sind, denn die Bilder im Netz werden, wie schon bei Google Map, keine Live-Bilder sein.

Niemand kann also via Google View sehen, ob ich zu Hause bin, ob sich die Nachbarin im Garten räkelt oder ob alle Fenster geschlossen sind.

Die Debatte über Google Street View macht eines sehr deutlich: wie schizophren die meisten von uns sich verhalten, wenn es um Datenschutz, Privatsphäre und die Überwachung des öffentlichen Raums geht.

So haben Hunderttausende von Facebook-Nutzern keine Hemmungen, höchst private Fotos ins Netz zu stellen, im treuen Glauben daran, dass nur ihre Freunde diese sehen können. Dabei waren die Privatsphäreneinstellungen des Internet-Netzwerks bis vor kurzem so kompliziert, dass viele überhaupt nicht wussten, wie sie ihre Fotos vor einer breiteren Öffentlichkeit schützen. Doch was soll's - aus jener Generation, für die Facebook zum Leben gehört wie das tägliche Zähneputzen, tönt es ohnehin: „Privatsphäre? Das war gestern. Who gives a damn?“

Lieben die vielen I-Phone-Fans ihr Spielzeug nicht gerade dafür, dass sie überall erreichbar und online sind und ihre Standorte und Erlebnisse in Echtzeit weitergeben können?

Wer Google Latitude nutzt und seine Freunde davon überzeugt, das ebenfalls zu tun, kann, sofern diese ihr Mobiltelefon eingeschaltet haben, jederzeit sehen, wo  sich wer gerade aufhält. „Du fragst dich, ob dein Kumpel Jim noch bei der Arbeit ist? Melde dich einfach bei Google Latitude an oder schau bei Google Map auf deinem Handy nach – und siehe da, das Symbol für Jim auf der Karte zeigt, dass er noch an einem Arbeitsplatz ist“, jubelt ein begeisterter Technik-Blogger.

Unsere tägliche Schizophrenie

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Mit Google bis vor die Tür?

Auch dass in Deutschland längst an allen Ecken gefilmt und überwacht wird, scheint die breite Mehrheit nicht zu stören. Brave Bürger, heißt es dann oft, hätten ja nichts zu verstecken.

Nach Auskunft der Regierung sind in Deutschland 3000 Kameras an 300 Bahnhöfen installiert (Auskunft der Regierung auf eine Kleine Anfrage der Links-Fraktion).

Videoüberwachung von Demonstrationen gehört praktisch zum Polizeialltag – oder gehörte, denn kürzlich hat das Berliner Verwaltungsgericht entschieden, das permanente Filmen schränke das Grundrecht auf Versammlungsfreiheit und das informationelle Selbstbestimmungsrecht ein.

In London kann man praktisch keinen Schritt in der Innenstadt machen, ohne gefilmt zu werden. Wie engmaschig das Überwachungsnetz weltweit ist, rückt gelegentlich ins Bewusstsein, wenn die Aufzeichnungen ausnahmsweise öffentlich gemacht werden, wie im vergangenen Mai in New York, als die Bilder diverser Kameras rund um den Time Square eine Spur zu jenem Mann legten, der versucht hatte, an dem belebten Platz eine Autobombe zu zünden. Solche punktuellen Erfolge erhöhen in der Regel sprunghaft die Akzeptanz staatlicher Überwachungsmaßnahmen. Was ansonsten mit der Bilderflut geschieht, wird nicht weiter hinterfragt. Bereitwillig wähnen wir sie beim Staat in guten Händen.

Kontrolle über die Bilder oder auch nur die Information, welche Aufzeichnungen überhaupt von mir wo gespeichert sind, habe ich als Bürger nicht. Wenn Google Street View meine Straße ins Netz stellt, kann ich immerhin genau sehen, was zu sehen ist.

Schauplatz Libanon

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Der Feind macht sich ein Bild

Ortswechsel. Wer kann, wer darf wen wo sehen – diese brisante Frage hat im Libanon eine ganz andere Dimension.

Im Libanon gibt es kein Google Street View – und doch wird rege gefilmt und überwacht. Nennen wir das System mal "IDF Air View": Mit unbemannten Flugzeugen und Drohnen überwacht das israelische Militär (Israeli Defense Force) das Nachbarland Libanon seit Jahren.

In welchem Ausmaß dies geschieht, wurde jüngst offenbar, als der Generalsekretär der Hisbollah, Hassan Nasrallah, in einer zweistündigen Pressekonferenz Luftaufnahmen und Überwachungsszenen vorspielte, welche die Hisbollah aus israelischen Überwachungsflügen abgefangen hat. Uferstraßen, Wohngebäude, Autobahnen, Brücken – Bilder, die im Kriegsfall Ziele liefern.

Gibt es eigentlich Studien darüber, ob Google Maps oder Street View auch für militärische Zwecke verwendet wird?

Die Spione, die aus dem Süden kamen

Im Visier von Drohnen und unbemannten Flugzeugen: die Hisbollah im Libanon

Ein Militärgericht in Beirut hat diese Woche zwei Männer wegen Spionage für Israel zum Tode verurteilt, weitere Urteile sind zu erwarten - seit April 2009 wurden mehr als 100 Personen wegen Spionage für Israel verhaftet. Da sich Israel und Libanon offiziell noch im Kriegszustand befinden, droht Spionen für den Feind die Todesstrafe oder lebenslange Haft mit harter Arbeit, falls die von ihnen gelieferten Informationen zum Verlust von Leben geführt haben. Zwar wurde seit 2004 kein Todesurteil im Libanon vollstreckt, doch hat der libanesische Präsident Suleiman bereits angekündigt, die Todesurteile gegen die Spione zu unterzeichnen und damit zum Vollzug freizugeben.

Die Spione saßen an empfindlichen Stellen des Systems. In der Armee. In den politischen Parteien. Und, gleich reihenweise, in mindestens zwei libanesischen Telefongesellschaften, in einer der beiden Mobiltelefon- und in der nationalen Festnetzfirma. Wenn ich im Libanon telefoniere, gehe ich vorsichtshalber davon aus, dass mindestens drei, wenn nicht mehr Teilnehmer in der Leitung sind.

Einige Spione sollten, so ihre Geständnisse, die Häuser führender Politiker ausspionieren, die genaue Lage, die Zufahrtswege, die nähere Umgebung. Könnte Google Street View ihnen diese Arbeit künftig abnehmen? Wer entscheidet eigentlich bei Google, welche Städte, welche Häuser fotografiert werden?

In den südlichen Vororten Beiruts, in Dachiyeh, gilt Fotografieren nicht als harmloses Hobby. Wer dort arglos mit einer Kamera umherwandert und knipst, läuft Gefahr, auf ein Gespräch mit Sicherheitskräften der Hisbollah „eingeladen“ zu werden. Groß – und offenbar berechtigt – ist die Angst vor Spionen, die Information über mögliche Zielobjekte in der Hochburg der Hisbollah ins Nachbarland liefern.

Google Street View? In Dachiyeh eher unwahrscheinlich. Anders als bei manchem Bild-Leser geht es hier nicht um die Sorge, beim Oben-Ohne-Sonnenbad gesehen zu werden. Gezielte Ermordung ranghoher Feinde gehört bekanntermaßen zum Werkzeugkasten des Mossads. Demnächst powered by Google?

Die Spionage-Thriller des 21. Jahrhunderts jedenfalls haben eine neue Spielwiese.



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