Der Glücksfall

Wie ein Schaustellergehilfe dem Himmel ganz nahe kam

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Auf Nummer 16: Diesmal ist Michael Ertelt (r.) gut gesichert (Foto: Dominik Baur)

Ihre Schreie hört man noch ein paar Straßen weiter. Die Schreie, wenn sie mit 15 Metern pro Sekunde lustvoll in die Tiefe stürzen, einer Geschwindigkeit, wie sie ein Fallschirmspringer nach drei Sekunden erreicht. Einer Geschwindigkeit, wie sie auch Michael Ertelt auf seinem Weg nach unten erreicht hat. Nur dass Michael Ertelt nicht in der Gondel des "Power Tower" saß, sondern sich mit der bloßen Kraft seiner Arme daran festhielt.

Michael Ertelt hat nicht geschrien.

PALIM, PALIM, DANN WOLLEN WIR MAL, schallt es aus dem Lautsprecher des Fahrgeschäfts. DA KOMMT NOCH JEMAND MIT, UND DANN GEHT'S WIEDER GANZ NACH OBEN, DA WO DIE GEISTER TOBEN! Die 32 Sitze der quietschgelben Gondel füllen sich. 66 METER, 13 STOCKWERKE ÜBER DEN DÄCHERN DER STADT - HOLLA, DIE WALDFEE, AB DURCH DIE MITTE, LET'S DO IT!

Während sein Kollege die Jahrmarktsbesucher lockt, sitzt Michael Ertelt hundert Meter weiter in einer dieser Eckkneipen, wie es sie neben jedem Rummelplatz gibt, und lässt die zwei abenteuerlichsten Minuten seines Lebens Revue passieren. Ertelt ist ein drahtiger, nicht allzu großer Mann von 44 Jahren, der gern Kaffee trinkt, Zigaretten raucht und Laster fährt.

Seit kurzem erst arbeitet er beim "Power Tower". Per Lkw bringt er das 180 Tonnen schwere Fahrgeschäft von Kirmes zu Kirmes, mal von Frankfurt nach Stuttgart, mal von Hamburg nach Rosenheim. Während des Gastspiels kontrolliert er Tickets, plaziert Fahrgäste oder überprüft die Sicherheitsbügel.

Der freie Fall kann süchtig machen

Michael Ertelts Geschichte ist schwer zu glauben, und seine 79-jährige Mutter daheim in Hannover-Seelze glaubt sie irgendwie noch immer nicht - trotz der Fotos in der "Bild"-Zeitung, die ihren Sohn in Lebensgefahr zeigen. Der Held der Story ist nicht unglücklich darüber: Für Mütter ist es manchmal ganz gut, nicht alles so genau zu wissen.

Solange die Gondel am Boden ist, sieht der "Power Tower" wie ein Baukran ohne Arm aus, nur etwas bunter. Er ist der größte mobile Freifallturm der Welt. 4,50 Euro kostet das Minutenglück.

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Mit 66 Metern ist der "Power Tower" der höchte mobile Freifallturm der Welt (Foto: Dominik Baur)

Der freie Fall kann süchtig machen. Manche Gäste entern die Gondel mehrmals am Tag. "Es gibt Fans", erzählt Ertelt, "die reisen dem Tower sogar nach."In jeder Stadt fährt auch er ein paar Mal mit. "Ganz nett" findet er es. Vor allem die Aussicht von dort oben genießt er.

An Stahlseilen wird die Gondel mit einem Durchmesser von sieben Meter nach oben gezogen, mit einer Geschwindigkeit von 6,5 Metern pro Sekunde. Nach unten saust sie dann mehr als doppelt so schnell. "Auf einmal ist der Boden unter dir weg", beschreibt Ertelt das Gefühl. Eine Fahrt mit dem "Power Tower" dauert bis zu fünf Minuten. Drei bis vier Mal stürzen die Fahrgäste dabei in die Tiefe. Gesichert werden sie mit orangefarbenen Bügeln, die sich wie Schwimmwesten an ihre Schultern pressen. Seit sechs Jahren ist der Turm auf Tour. Einen Unfall gab es noch nie. Bis zum 22. Juni 2008.

Der Tag, an dem Michael Ertelt sein Leben ein zweites Mal geschenkt bekommt, ist ein Sonntag. Der "Power Tower" ist bei der Kieler Woche. Draußen bei der Regatta sind heute die 420er Jollen gegeneinander gesegelt, auch auf dem Rummel ist einiges los. Es ist 21.30 Uhr, die Gondel ist vollbesetzt, ein Kollege hat die Fahrt gerade freigegeben. Die Gondel hebt sich einen halben Meter in die sogenannte Wiegeposition. Hier wird vor jeder Fahrt das Gesamtgewicht ermittelt und per Computer die Bremskraft entsprechend eingestellt. Da winkt das Mädchen auf Sitz 16 Ertelt noch schnell zu sich. Schlank, lange, blonde Haare, Jeans; ein unauffälliger Teenager. Sie ist an dem Tag schon ein paar Mal gefahren. Als Ertelt zu ihr tritt, umklammert sie ihn plötzlich mit Armen und Beinen, grinst und sagt: "Jetzt musst du 'ne Runde mitfahren."

"Festhalten!"

In diesem Moment reißt es sie alle in die Luft. Im Leitstand hinter dem Turm kann man das Geschehen nicht sehen, aber auf der Straße schauen sie entsetzt zu, wie Ertelt an der Gondel hängt und sich mit aller Kraft am Sicherheitsbügel festhält. "Scheiße, das war aber nicht geplant", hört er das Mädchen noch sagen, dann denkt er für die nächsten zwei Minuten nur eines: "Festhalten!" Zum Angsthaben, sagt er später, sei keine Zeit gewesen.

Erst fliegt er mit den anderen ganz nach oben, dann fällt die Gondel bis auf halbe Höhe herab. Und noch einmal katapultiert es sie nach oben, bevor sie dann ganz nach unten stürzen. Das Mädchen lässt ihn los. Während Ertelt zu Boden fällt, schießt die Gondel noch ein letztes Mal in die Höhe.

Unten warten bereits zwei Polizisten. Sie nehmen die Jugendliche in Empfang. Sie steht unter Schock. Ertelt dagegen geht es gut. "Ich habe eine geraucht und ganz normal weitergearbeitet."

Das Mädchen, stellt die Polizei fest, ist erst 15 Jahre alt. Ermittlungen wegen Nötigung werden bald eingestellt. Eine Straftat sei nicht nachweisbar, heißt es. Die Staatsanwaltschaft hakt das Ganze als Dumme-Mädchen-Streich ab. Was die Jugendliche wirklich geritten hat, können die Staatsanwälte sie allerdings nicht mehr fragen. Sie reißt bald darauf von zu Hause aus; seither weiß niemand, wo sie steckt.

Michael Ertelt ist in Kiel noch eine Woche lang der Star. "Ich habe alles umsonst bekommen. Die Pizza hier, der Kaffee da, immer hieß es: Ist schon okay." Doch schon in der nächsten Stadt ist die Zeit als Held vorbei. Die Show muss weitergehen. NUR DIE HARTEN KOMMEN IN DEN GARTEN, dröhnt es aus dem Lautsprecher, DIE WEICHEN MÜSSEN DEN KELLER STREICHEN. ANDALE, ANDALE, VAMOS, VAMOS!



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