Der Himmel über Peking
Stefan Schomann unterwegs zu einem unerhörten Blau
Es gibt so manches, das blau ist in Peking, die Nummernschilder etwa, die Schuluniformen, die Dächer der Telefonkabinen, und früher, während der Kulturrevolution, wimmelte es bekanntlich von blauen Ameisen. Der Himmel aber ist nie blau. Bei richtig schönem Wetter nimmt er manchmal einen bläulichen Schimmer an, eine pastellfarbene Ahnung vom Glück. Ein strahlend blauer Himmel mit Bilderbuchwolken aber, wie er etwa über Paris viele Wochen oder gar Monate lang prangt, reißt über Peking nur alle heiligen Zeiten auf. Heute war so ein heiliger Tag. Heute war Kaiserwetter.
Als vor zwei Jahren die Olympischen Spiele stattfanden, wurde im Westen kein anderes Thema so eingehend erörtert wie die Luftverschmutzung. Nachdem 30.000 Journalisten in Peking eingetroffen waren, viele von ihnen das erste Mal, zeigten sie sich pflichtgemäß bestürzt, als es ein paar Tage lang grau und trübe war. Das Olympiastadion lag unter dem düsteren Himmel wie ein Schlauchboot im Eismeer, und die Olympische Flamme erinnerte an den Abluftkamin einer Raffinerie, die zischend überschüssiges Gas abfackelt.
Doch so ist das Wetter hier andauernd. Oft hängt ein chinchillagrauer Pelz über der Stadt, als wäre eine Zwischendecke eingezogen worden. Die Weltpresse wurde lediglich Zeugin der Normalität. Das vorherrschenden Grau in Grau hat zunächst nichts mit Umweltverschmutzung zu tun, sondern mit Geographie, und die ist bekanntlich Schicksal.
Peking liegt am Rand einer subtropischen, durch ein extremes Ostseitenklima geprägten Zone. Im Sommer heizt sich Asiens Landmasse stark auf, so daß über der Küste ein Hitzetief entsteht, in das Monsunwinde einströmen. Eine alles durchdringende, alles beherrschende Schwüle regiert die Stadt.
Fotografen kann das nichtendenwollende Grau zur Verzweiflung treiben. Die postkartenblauen Stadtansichten der Reisemagazine und Prospekte sind sämtlich digital vergewaltigt worden - oder an solch heiligen Tagen wie heute entstanden. Allenfalls abends bietet der Dunst gewisse optische Vorzüge, wenn er den Lichtschein der Stadt wie ein mattglänzendes Schild reflektiert.
Der ewig verhangene Himmel stellt denn auch einen der gravierendsten Gründe gegen ein Leben in China dar, neben der Tatsache, daß die Leute hier allen Ernstes warmes Wasser trinken, und daß es keinen Frühstücksquark gibt. Die Luftverschmutzung kommt erschwerend hinzu, aber man kann dabei nicht unbedingt dem Augenschein vertrauen. Die Bronchien sind der bessere Indikator. Dank Industrieumsiedlung, Filtertechnologie und drakonischer Verkehrsreduzierung gelang es den Wettermachern während der Olympiade, nach anfänglichem Trübsal fast immer eitel Sonnenschein walten zu lassen. Die alteingesessenen Pekinger waren sich einig, daß der Himmel seit den siebziger Jahren nicht mehr so schön bläulich gewesen sei. Der größte Spezialeffekt der Olympia-Regisseure war, daß sie den Mond wieder zum Vorschein brachten. Drall und gelb wie ein Lampion hing er Nacht für Nacht über der Stadt.
In diesem Jahr aber konnte man von so einem Sommer bislang nur träumen. Die Ausläufer des Monsuns hatten Peking ungewöhnlich fest im Griff; so ein extrem schwüles Klima ist sonst eher Schanghai vorbehalten. Die ganze Stadt lag seit vielen Wochen schon im Fieber. Entweder herrschten um die 33 Grad bei 80 Prozent Luftfeuchtigkeit und lilablaßblauem Himmel, oder es hatte scheinbar erträglichere 29 Grad, dann aber mit gefühlten 120 Prozent Luftfeuchtigkeit unter stumpfgrauem Dunst. Kurioserweise wechselten beide Aggregatszustände sich ab, einen Tag so, einen Tag so, Ping-Pong-Wetter. Man war dauernd am Duschen, doch die Wassertropfen waren noch gar nicht richtig abgeperlt, da mischte sich schon wieder neuer Schweiß darunter. Die Stadtbewohner kämpften mit Millionen von Klimaanlagen dagegen an, was das große Dampfbad natürlich erst recht aufheizte.
Und dann kam der Tag, der alles verwandelte. Aller Dunst und alle Trübsal waren wie weggeblasen, strahlendes Azur prangte über der Stadt. Ich traf einen hier ansässigen Tschechen, der im Taxi von einer Sehenswürdigkeit zur nächsten hetzte, um sie einmal, ein einziges Mal nur unter blauem Himmel ablichten zu können. Auch ich habe versucht, dieses Licht festzuhalten wie eine übernatürliche Erscheinung. Wer Peking nicht kennt, wird nichts besonderes daran finden. Wer es jedoch kennt, wird mir kaum Glauben schenken. Ich versichere jedoch, die Bilder nicht nachkoloriert zu haben. Es handelt sich hier nicht um Propaganda. Es handelt sich um die leuchtend blaue Wirklichkeit.
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