Der Kaiser der Zigeuner

Eine Begegnung in Siebenbürgen

Von Philipp Maußhardt

©  Antonia Zennaro
Die Zeiten sind schlecht, dem Kaiser geht es entsprechend
(alle Fotos: Antonia Zennaro)


Meine Erinnerungen an die Roma aus Rumänien sind mit warmen Gefühlen verbunden. Mit sehr warmen und duftenden Gefühlen, wenn an langen Winterabenden in meiner Küche die Tische und alle Ablageflächen frei geräumt werden und der Kupferkessel auf dem Gasherd langsam die Hitze ausströmt, die man braucht, will man einen guten Schnaps brennen...

Es war kurz nach der Hinrichtung von Nikolae Ceausescu, als ich mit meinem Freund Klaus das erste Mal nach Rumänien fuhr. Klaus kannte sich aus. Er stammte aus Hermannstadt, das auf rumänisch Sibiu heißt und wo neben der deutschen Minderheit der Siebenbürger Sachsen schon immer viele Roma wohnten, die man dort aber Zigeuner nennt, weil die Rumänen das Wort Roma nicht mögen. Sie fürchten, man könnte Roma und Rumäne leicht verwechseln. Und das empfänden sie als eine Beleidigung.

©  Antonia Zennaro
Am Rand der Stadt ist man schnell auf dem Land

Die Zigeuner von Hermannstadt wohnten wie überall in Rumänien eigentlich nicht in, sondern außerhalb der Stadt, dort wo die Straßen schon in Industriegebiete oder Felder übergehen. Auch Ioan Cioaba, der König der Zigeuner, den alle nur „Bulibascha“ nannten, wohnte an einer lauten Durchgangsstraße, so dass er damals meine Bitte, mir eine mobile Destille zu fertigen, wegen des Verkehrslärms erst gar nicht zu verstehen schien. Er holte eine Flasche Schnaps, lud uns zum Sitzen vor sein Haus und wir redeten lange bis es dunkel wurde über die kommunistische Diktatur, den richtigen Alkoholgehalt von Palinka und den Kupferpreis. Im Hof des Königs saßen ein paar schattenhafte Gestalten um ein Feuer, in das sie immer wieder Kupferstäbe hielten, die sie zu einer Spirale formten.

©  Antonia Zennaro
Kupfergerät ist immer schwerer zu verkaufen

Zwei Tage später hatte ich meine mobile Schnapsbrennanlage, die mir bis heute wunderbare Dienste leistet. Seit Jahrhunderten ist das Schmiede- und Kupferhandwerk in Rumänien in der Hand der Zigeuner. Aus einem einzigen Stück Kupferblech hämmern sie die Kessel ohne Lötnaht, und zwischen Sibiu und Tirgu-Mures gibt es kein Bauernhaus, das nicht über mindestens einen solchen Kessel verfügt.

Schlehenschnaps schmeckt doppelt gut, wenn man ihn schwarz brennt. Aber auch Apfel, Kirsche und Vogelbeere sind mir liebgewonnene Früchte, die mich, dank der Zigeuner von Hermannstadt, über manchen langen Winter gerettet haben. Nichts anderes als Dank und Lob für diese Wertarbeit wollte ich dem Bulibascha sagen, als ich vor ein paar Wochen wieder einmal nach Hermannstadt fuhr.

©  Antonia Zennaro
Wer hier noch rumsitzt, ist zu alt um abzuhauen

Es war während jener Tage, in denen täglich eine Maschine auf dem Flughafen von Bukarest landete mit Roma-Familien, die aus Frankreich ausgewiesen und abgeschoben wurden. Obwohl auch sie EU-Bürger wie Dänen oder Griechen sind und deutlich mehr Angehörige auf die Beine stellen als beispielsweise die Österreicher, mag sie niemand. Allein in Rumänien wird ihre Zahl auf zwei bis drei Millionen geschätzt.

Der König war nicht Zuhause. Es war ein regnerischer Sonntagmorgen und Florin Cioaba, so sagte uns ein Nachbar, sei schon vor zwei Tagen irgendwohin gereist, er wisse nicht wohin. Auf der anderen Straßenseite sah man ein Haus, doppelt so groß wie das des Königs. Wir gingen hin und ein Schild vor dem wuchtigen Eisentor machte uns darauf aufmerksam, dass hier der „Imparatul Romanilor“ wohnte – der „Kaiser der Zigeuner“. Auch recht, dachte ich und klingelte. Kaiser Iulian saß gerade beim Frühstück und verspeiste ein Spanferkel. Er bat mich dazu und aß weiter. Während er an den Knochen nagte murmelte er etwas von „France“ und „Skandal“ und davon, dass „Diskriminazie“ in fast allen Ländern dieser Welt herrsche, die er der Reihe nach aufzählte. Deutschland sparte er aus Rücksicht auf mich aus.

Ob er wisse, wohin der König gefahren sei? Die Frage hätte verkehrter nicht lauten können. Nach einer halben Stunde wusste ich, dass König und Kaiser der Roma nicht nur durch eine Straße voneinander getrennt sind, sondern auch durch einen seit Jahren dauernden Kleinkrieg. Obwohl sie demselben Familienclan und der Gruppe der Kupferschmiede, der „Kalderas“, angehören, sind sie sich spinnefeind. „Der hat nichts zu sagen“, sagt der eine über den anderen. Und obwohl der Kaiser den eindrucksvolleren Palast bewohnt, hat er weniger Anhänger in Hermannstadt und Rumänien als der König. Viele sagen sogar, der „Kaiser“ sei nur eine Witzfigur.

©  Antonia Zennaro
Der Kampf gegen den König hat den Kaiser müde gemacht

Kaiser Iulian sah ein wenig heruntergekommen aus. Die Strickjacke war an mehreren Stellen zerrissen, seine Füße steckten in billigen Plastiksandalen. Seine junge Frau hatte sich schon schnell in ein anderes Zimmer zurück gezogen, dafür servierte seine Trauzeugin Verginica den Kaffee, als das Spanferkel abgenagt war. Vom Zimmer aus sah man auf einen halbfertigen Balkon ohne Geländer, auf dem vier Zementsäcke lagerten, die dem Kaiser auch als Sitzgelegenheit dienten.

Dass es den rumänischen Roma heute schlechter geht als in der kommunistischen Diktatur, hat auch mit EU-Regelungen zu tun, die mehr und mehr in Rumänien durchgesetzt werden. Schnapsbrennen ist nur noch in kleinen Mengen erlaubt, neue Kupferkessel braucht daher heute niemand mehr. Der Viehhandel, ebenso eine Domäne der Roma, wurde reglementiert, viele Lehmgruben geschlossen, die den Ziegelbrennern unter den Roma Jahrhunderte lang eine Einnahme sicherten. Selbst die Blumenverkäuferinnen auf den Straßen Bukarests, die immerhin rund 800 Roma-Familien mit dem Verkauf von Schneeglöckchen, Schwertlilien oder Nelken über Wasser hielten, sollen in Zukunft im Handelsregister verzeichnet werden und zuvor eine Qualifikation für ihr Gewerbe nachweisen. Der traditionelle Schafskäse Telemea, meist in hölzernen, von Roma angefertigten Bottichen verkauft, entspricht nicht der EU-Norm und wird demnächst nur noch in Plastik eingeschweißt in den Handel kommen.

©  Antonia Zennaro
Der Kaiser und seine Trauzeugin in einem heiteren Augenblick

Das Frühstück war beendet und Kaiser Iulian ging hinaus auf den Balkon, schaute auf die ungeteerte Straße vor seinem Palast mit den vielen Pfützen und sah ein wenig traurig aus. Mehr als 8000 Roma sind seit Jahresbeginn aus Frankreich abgeschoben worden, doch weder in Bulgarien noch in Rumänien gab es einen Aufschrei der Empörung, keine Resolution, keine Sondersitzung des Parlaments. Im rumänischen Parlament sitzt nur ein einziger Vertreter der größten ethnischen Minderheit des Landes und selbst in Hermannstadt, wo sie rund zwanzig Prozent der Bevölkerung stellen, wurde bei den letzten Kommunalwahlen kein einziger Vertreter von ihnen in den Stadtrat gewählt.

„Herr Kaiser, wo sind die Abgeschobenen hin?“

„Sie werden hier keine finden.“

„Warum?“

„Sie sind am nächsten Tag schon wieder zurückgefahren.“

 

 

 

 


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