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Der Schüler ehrt den Meister...

... indem er ihn kopiert. Ein Gespräch mit Rido Busse über Design und Plagiat

Von Martin Rasper

Links das Original, rechts die Kopie. Für solch dreisten Designklau gibt es den "Plagiarius". (Alle Fotos: Aktion Plagiarius)

Dieses Interview erschien im Mai 2006 in der schweizer Kulturzeitschrift „du“. Aus aktuellem Anlass veröffentlichen wir es hier online.

Der Hausherr empfängt mit Krücken. Ausgerechnet auf der Frankfurter Konsumgütermesse „Ambiente“ ist Rido Busse gestürzt. Jetzt ist das ganze Bein in Gips. Begeistert demonstriert er den Gipsverband mit eingearbeitetem Reißverschluss. Rido Busse ist einer der erfolgreichsten deutschen Produkt-Designer. Nach einer Lehre als Silberschmied studierte er bei Max Bill an der Ulmer Hochschule für Gestaltung und machte sich 1959 mit seiner Firma „busse design“ selbständig. Das Büro beschäftigt 45 Mitarbeiter. 1977 gründete er die Aktion Plagiarius“, die jährlich auf der Frankfurter Konsumgütermesse „Ambiente“ Preise für die dreistesten Produkt-Plagiate verleiht und dabei jeweils auch immer Ross und Reiter nennt. Rido Busse muss man sich wie eine Mischung aus Gunter Sachs und Marcel Reich-Ranicki vorstellen: von dem einen die Kreativität, die Tatkraft und das wirre Haar, vom anderen die Unerbittlichkeit und Genauigkeit in der Sache.

Herr Busse, die Hälfte aller Designer, 90 Prozent aller Unternehmer und fast 100 Prozent aller Verbraucher...

… haben keine Ahnung, was Design ist. Jaja, diesen Satz äußere ich gelegentlich.

 

Wie kommen Sie darauf?

Wenn Sie zehn Leute fragen, was Design ist, kriegen Sie zehn verschiedene Antworten. Zum Beispiel: Design ist die schöne Form, das schöne Drumrum. Grundfalsch. Design ist viel mehr. Es gehört die sichere und ergonomisch günstige Handhabung dazu, der angemessene Einsatz der Technik, die wirtschaftliche Fertigung. Selbst wenn man nur die ästhetische Komponente ansieht, gibt es Missverständnisse. Jetzt frage ich Sie: Was heißt denn überhaupt Ästhetik?

 

Hm. Schönheit?
Sehen Sie, das sagen alle. Alexander Gottlieb Baumgarten hat im 18. Jahrhundert den Irrtum in die Welt gesetzt, dass Ästhetik gleich Schönheit ist, und alle haben das nachgeplappert. Aisthesis heißt aber Wahrnehmung, daher Anästhesie. Wie nehmen wir wahr? Durch unsere fünf Sinne. Was machen wir aus der sinnlichen Wahrnehmung, gemeinsam mit unserer Erfahrung und unserer Fantasie? Gefühle. Ästhetik ist die Kraft, die Gefühle schafft – und nicht nur angenehme. Gefühle, die wir anderen vermitteln oder die uns vermittelt werden, die mehr oder weniger lange anhalten, auch die Gefühle, die sie mit einer Marke verbinden – das ist Ästhetik. Die anderen Aspekte dazugenommen, das ist Design.

Sie haben systematisch zu definieren versucht, was gutes Design von schlechtem unterscheidet. Auch um es vor schlechten Nachahmungen schützen zu können?
Ja. Wir definieren vier Designeigenschaften, die man für jedes Produkt mit Punkten bewerten kann. Nämlich: 1. technische Funktion, 2. Fertigungsfunktion, 3. ergonomische Funktion, 4. ästhetische Funktion. Als ich das entwickelt habe, war die Motivation auch die, mit nachvollziehbaren Kriterien Qualitätsbewusstsein zu schaffen.

Was ist so schlimm an Plagiaten? Man könnte doch sagen, jeder produziert, was er will, und verkauft es, so gut er kann.
Nein. Zum einen spart sich der Plagiator das unternehmerische Risiko, die ganze Entwicklung, die Fehlversuche. Er plagiiert ja nur, was gut läuft. Zweiter Punkt, ganz wichtig: die Kreativität. Der Plagiator schmückt sich mit fremden Federn. Er profitiert von etwas, das hervorzubringen er selbst nicht in der Lage war. Dritter Punkt, auch wichtig: Er schädigt das Ansehen des Originalherstellers. Die Leute kaufen das Plagiat, ärgern sich über minderwertige Qualität, schreiben das aber der Firma zu, die das Produkt erfunden hat.

Sie sind als gebranntes Kind auf das Thema Plagiate gestoßen.
1977 ging ich über die „Ambiente“ und sah am Stand eines Ausstellers aus Hongkong, dass der ein Produkt von mir kopiert hatte – eine Waage, die ich für Söhnle gebaut hatte. Ich spürte Wut und Ohnmacht, aber ich hatte auch das Gefühl, dass das ein ganz großes Thema ist. Um dem etwas entgegenzusetzen, habe ich diesen Preis ins Leben gerufen, der seither jährlich vergeben wird.

Wie hat man sich das vorzustellen? Schicken die Firmen ihre Scouts über die Messe?
Man weiß ja ungefähr, wo man gucken muss. Halle 9, dritter Stock beispielsweise, da sitzen die Anbieter aus Fernost. Die Firma Rösle, die als Haushaltwarenherstellerin stark unter Plagiatoren zu leiden hat, räumte bei der letzten Messe am ersten Tag zwanzig Stände leer.

Also die gehen da hin, und dann?
Dann sagen die, guten Tag, das hier sind unsere Schutzrechte für diese Produkte, die Sie da stehen haben, das ist der Mann von der Polizei, und das ist der Mann vom Zoll.

Die sind dabei?
Natürlich in Zivil. Sonst bewirken Sie ja nichts. Das Zeug wird also weggeräumt, dann sind manche Stände schon halb leer. Am nächsten Tag wird kontrolliert, dann sind auf der Hälfte der Stände die Sachen wieder da. Und dann wird beschlagnahmt. Mit einstweiliger Verfügung, die muss auch gleich bezahlt werden.

Gibt es da so etwas wie Schuldbewusstsein?
Kaum. Das hat aber auch kulturelle Gründe. Die Chinesen haben da eine ganz andere Mentalität als wir. Die sagen sich nämlich, der Schüler ehrt den Meister dadurch, dass er ihn nachmacht. Er muss ihn sogar erst mal möglichst gut kopieren...

...bevor er überhaupt das Recht hat, etwas Eigenes zu machen.
Genau. Das ist im Prinzip auch in Japan so gewesen. Die Japaner haben in den fünfziger Jahren angefangen, westliche Kameras und Motorräder und Fernseher zu kopieren – bis sie irgendwann selbst die Maßstäbe gesetzt haben. Wir registrieren seit zehn, fünfzehn Jahren keine japanischen Plagiate mehr.

Die haben es nicht mehr nötig.
Ja. Eine ähnliche Entwicklung gibt es mit Taiwan und Korea. Und in zwanzig, dreißig Jahren – spätestens! – werden auch die Chinesen so weit sein. Dann müssen wir uns warm anziehen.

Kleine Unterbrechung. Der Mercedes-Kundenbetreuer kommt und führt einen Transporter mit einem ausgebauten Sitz vor, in dem Rido Busse trotz seines gestreckten Gipsbeines sitzen kann. Er will sich in den nächsten Tagen unbedingt nach Thüringen kutschieren lassen, wo sein Freund Günther Raithel, der die Porzellanfabrik Kahla aus der Insolvenz an die europäische Spitze geführt hat, das Bundesverdienstkreuz bekommt. Busse erzählt die Geschichte eines Streits mit Mercedes, dessentwegen er den Fahrzeugpark seiner Firma kündigte und vorübergehend zur Konkurrenz wechselte. „Total kurzsichtig. Unzufriedene Kunden sind der größte negative Multiplikator, den es gibt. Wenn Sie mit etwas zufrieden sind, erzählen sie es zwei Leuten; wenn Sie sich über was ärgern, erzählen Sie es zwanzig!“ Er lobt den Kundenbetreuer, der durch seine Hartnäckigkeit die Vorgesetzten dazu gebracht habe, schließlich nachzugeben.

Welche Firmen sind denn am stärksten von Plagiaten betroffen?
Wenn wir Plagiate im weitesten Sinn nehmen, natürlich die Medienbranche. Die Musikindustrie wurde durch die Entwicklung mit den Raubkopien komplett umgekrempelt. Mengenmäßig spielt die Markenpiraterie eine große Rolle, also Turnschuhe usw. mit den nachgemachten Logos drauf. Bei Alltagsgegenständen, auch bei technischen Artikeln, sind vor allem mittelständische Firmen betroffen. Das kostet in Europa Arbeitsplätze.

Wird das Plagiatewesen auch dadurch gefördert, dass die Produktion ausgelagert wird?
Natürlich. Der wirtschaftliche Druck ist ja enorm. Aber die Firmen bedenken oft die langfristigen Konsequenzen nicht. Wir liefern den chinesischen Partnern das Know-how, stellen die Maschinen auf, schulen die Mitarbeiter, und die produzieren dann, sagen wir: Lacoste-Hemden. Aber so viel wie die produzieren, kann Lacoste gar nicht absetzen. Die Partner verkaufen sie trotzdem. Viel billiger. Sie hatten ja keine Kosten für die Entwicklung, fürs Design, sie mussten nicht in die Maschinen investieren – sie lassen einfach die Bänder weiterlaufen. Wie wollen Sie das kontrollieren?

Man kann doch Mengen kontrollieren, Arbeitsprotokolle, Maschinenlaufzeiten?
Nein, das können Sie kaum kontrollieren. Die Partner können ganz raffiniert die Halle, die Maschinen an eine Fremdfirma vermieten. Tageweise oder für die Nachtschicht. Es wird dasselbe produziert, aber die Partner können sagen: Wir waren’s nicht. Da haben Sie rechtlich gar keine Chance. Ärgerlich ist aber, dass das zum Teil von hier aus erst angestoßen wird. Die sogenannten Anstiftungsplagiate: Tchibo zum Beispiel macht das in großem Stil. Die kaufen eine Thermoskanne oder ein Haushaltgerät in hiesiger Qualität und bieten diese Produkte in ihren Läden billiger an. Testweise. Wenn es gut läuft, gehen sie in China zu einem Hersteller und sagen, das will ich haben, für 20 Prozent von dem, was das Original kostet. Der liefert 300 000 nachgebaute Thermoskannen zu einem Spottpreis, und Tchibo verkauft sie. Der, der hier das Design gemacht hat, schaut in die Röhre. Im Lebensmitteleinzelhandel, bei den großen Ketten mit ihren Sonderaktionen, läuft das ähnlich.

Busse greift sich eine Kiste mit Material von der letzten „Plagiarius“-Verleihung. Der Plagiarius ist ein schwarz lackierter Gartenzwerg mit goldener Nase. Er bewacht zwei gleichartig aussehende Thermoskannen. Die eine ist schwerer und wirkt solider verarbeitet. Der silberne Farbton ist leicht unterschiedlich. Ansonsten ist das Design bis ins Detail identisch. „Sehen Sie, wenn man beide in der Hand hat, wird der Qualitätsunterschied klar. Und auch wenn Sie nur die nachgemachte vor sich haben, könnte Ihnen über den Preis klar werden, dass Sie für das Geld keine echte Qualität kriegen. Aber die Verbraucher schauen nur auf den Preis!“

 

Copyright: Dominik Baur

Warum klagt denn da eigentlich keiner?

Die meisten Firmen sind sehr stark von den Großkunden abhängig. Es ist die Angst, einen Großkunden zu verprellen - einen tatsächlichen oder auch nur einen potenziellen.

 

Hatten Sie wegen des Plagiarius nie Ärger?

Es gab einmal einen Prozess, der rückblickend grundsätzliche Bedeutung für uns hatte. Anfang der achtziger Jahre hatte die Firma Zicoli die Firma Domus beklaut, mit einer ganzen Serie von Zimmerleuchten. Das gab den ersten Preis beim Plagiarius. Nun hatte zwar Domus schon gegen den Nachahmer geklagt, aber den Prozess vor dem Oberlandesgericht verloren. Begründung des Gerichts: In Deutschland herrscht Nachahmungsfreiheit. Die hatten keine Schutzrechte angemeldet.

 

Trotzdem haben Sie dem Nachahmer den Plagiarius verliehen.

Ja, und der drehte den Spieß um und sagte: Jetzt verklage ich Sie! Sie haben mir den Plagiarius verliehen, ich verklage Sie auf 200 000 Mark Schadenersatz! Da wurde mir doch ein bisschen mulmig. Wir gewannen den Prozess aber in der ersten Instanz. Der Gegner ging weiter vors Oberlandesgericht, bei dem er den letzten Prozess gewonnen hatte. Es kam zur Verhandlung in derselben Kammer, mit denselben Richtern. Die gaben mir recht. Sie sagten zu meinem Gegner: Du hast ja nachgemacht! Dass du das de jure darfst, ist eine Sache, aber das gesunde Volksempfinden sagt, das ist ein Plagiat, und deshalb ist das eine freie Meinungsäußerung. Das hat unsere Position natürlich wesentlich gestärkt. Trotzdem müssen wir die Preisträger immer bis zum Schluss geheimhalten, damit wir nicht mit einstweiligen Verfügungen zugeballert werden.

 

Was ist denn das dreisteste Plagiat, das Ihnen je untergekommen ist?
Fast alle Fälle, für die es den Plagiarius gibt, sind ganz dreiste 1:1-Plagiate. Aber der drastischste Fall, wenn man die Qualität des Originals zugrunde legt, war wohl das, was Till Behrens mit seinen Möbeln passiert ist. Das ist einer der seltenen Fälle, wo ein Designprodukt ein Urheberrecht bekommen hat. Bei Produkten haben Sie nämlich, anders als bei künstlerischen Schöpfungen, nicht automatisch ein Urheberrecht. Sie brauchen einen, der Sie kopiert und den Sie verklagen können. Erst wenn Ihnen das gelungen ist, haben Sie für Ihr Produkt den Schutz, den ein Künstler automatisch hat. Ist eigentlich auch eine ungerechte Rechtslage. Behrens hat eine Stuhlserie produzieren lassen bei der Firma Meier. Als es dort zu Unregelmäßigkeiten kam, hat er der Firma die Lizenz entzogen – aber diese hat einfach weiterproduziert. Und hatte dann noch die Dreistigkeit, den Stuhl zum Wettbewerb design plus einzureichen! Nur weil ein Juror das gemerkt hat, kam es raus.

Wie verbreitet ist denn das Problem eigentlich?

Wenn ein Produkt gut ist, wird es ständig plagiiert. Es ist ja auch juristisch fast kein Problem! Die Plagiatoren kalkulieren die Strafen teilweise ein. Die machen Rückstellungen in Millionenhöhe im Hinblick auf die Prozesse, die sie führen werden – wenn sie überhaupt verklagt werden. Es gibt zwar Strafen, theoretisch können Sie bis zu fünf Jahre Gefängnis kriegen. Das ist nur noch nie verhängt worden. Es müssen höhere Geldstrafen her, die richtig weh tun.

Und sonst?
Zum einen wäre natürlich mehr Qualitätsbewusstsein gefordert. Dass die Leute aufhören, Schrott zu kaufen. Aber das können Sie vergessen. Aber was die Hersteller tun können – außer zweimal zu überlegen, ob sie wirklich die Produktion auslagern, weil sie sich damit auf Dauer ins eigene Fleisch schneiden –, das ist: investieren! Wir müssen versuchen, hochwertige Produkte hier ähnlich billig zu fertigen. Das gelingt uns am ehesten mit rationellen, hochqualitativen Techniken und Maschinen. Das ist der beste Schutz. Dann lohnt sich der Transport aus Fernost nicht mehr.

Und die Designer selbst?
Die müssten sich ein bisschen mehr kümmern, Gebrauchs- oder Geschmacksmuster anmelden. Mit entschlossenem Auftreten kann man einiges erreichen.



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