Der Stolz der Bergleute

Im belgischen Borinage spiegelt sich der Konflikt zwischen Flamen und Wallonen

Von Margarete Moulin

Copyright: Photo Lefrancq.Mons
Das Borinage in den 1960er-Jahren: Die Klinkerhäuser der Bergleute lagen direkt am Arbeitsplatz (Fotos: Photo Lefrancq.Mons)

Ein milchig-blasser Apriltag im Hennegau, Wallonien, Südbelgien. Gegen den hellen Himmel heben sich die barocken Formen des Belfrieds von Mons ab. Der Glockenturm ist weithin sichtbar, denn die kleine Universitätsstadt ist – wie ihr Name sagt – auf einer Erhebung errichtet. Ansonsten macht sich das Land rund herum platt.

Der pensionierte Wirtschaftslehrer Jacques Moulin lenkt sein Auto hinaus aus der Stadt, Richtung Süden. Auf einer Rundfahrt will der 68-Jährige uns etwas zeigen. Kaum begonnen, enden die Felder erneut vor dicht besiedeltem Land, dem Borinage, einem Ensemble aus einem knappen Dutzend Gemeinden. Das Merkwürdige: Überall zwischen den rotbraunen Klinkerhäusern ragen hohe Hügel auf. Auffallend symmetrisch sind sie, mit zwei gleich stark geneigten Flanken, geschätzte 45 Grad steil. Manche sind spitze Kegel. Andere überwölbt ein sanfter Gipfelgrat, der an seinen Enden abrupt in die Tiefe fällt. Einige sind bis auf einen Grasmantel kahl, die meisten tragen ein dichtes Kleid aus Birken.

In Flénu rumpeln wir über Kopfstein ein Sträßchen hinauf, flankiert von schmalbrüstigen Häusern. Gleich hinter den Backsteinmauern einer Industriebrache bleibt der Wagen vor einer dieser Pyramiden stehen. Hundert Meter mag sie hoch sein. Man muss aus dem Wagen steigen und den Kopf in den Nacken legen, um bis zum höchsten Punkt zu blicken. Ein natürlich entstandener Berg sieht so nicht aus.

„Das ist die Abraumhalde St. Antoine, die größte in der Umgebung. Solche Halden gibt es hier Hunderte “, sagt Jacques Moulin. „Hier wurde einmal intensiv Steinkohle abgebaut.“ Seit dem 18. Jahrhundert haben Bergleute auf der Suche nach dem schwarzen Gold den Boden durchhöhlt. Tausenden von Stollen, Schächten und Kavernen entstanden. „Tonnen von Erde und Gestein wurden dabei zutage gefördert und zu diesen Haufen getürmt.“

Der ehemalige Lehrer macht eine Kopfbewegung hin zu den geduckten Reihenhäusern. „Das sind typische Minenarbeiterunterkünfte“, und zum Backsteinbau zeigend: „Und das war einmal die Zeche Charbonnages du Levant. 1200 Kumpel pro Tag sind hier in die Grube eingefahren. Jetzt verfällt alles.“

 

Copyright: Photo Lefrancq.Mons
Kohlestaub über dem Borinage

Das schwarze Land

Es dauert ihn um das alte Gebäude. Aber die Arbeit unter Tage romantisiert Moulin nicht, dazu hat er sich als Gewerkschaftler zu sehr mit der Wirtschaftsgeschichte seiner Heimat beschäftigt. Die Arbeit in den Minen: Das war Maloche, die aus 40-jährigen Männern abgearbeitete Wracks mit Staublunge machte. „Pays noir“, schwarzes Land, hieß die Region wegen des Kohlestaubs und der tiefschwarzen Berge. In jeder Gemeinde gab es mindestens ein, wenn nicht zwei Bergwerke, und jedes hatte mehrere Minen. Rund 24.000 Männer fanden in den lokalen Zechen Arbeit. Die geförderte Steinkohle war erstklassig und wurde zur Eisenverhüttung in den Hochöfen bei Charleroi und Liège verwendet.

Doch diese Zeiten sind vorbei. Heute ist der Himmel über dem Borinage wieder blau. „Ab den 1960er-Jahren wurden en masse die Zechen geschlossen,“ sagt Jacques Moulin. „Allerdings ohne ein Konzept für den Strukturwandel, geschweige denn für Umschulungen.“ Ein halbes Jahrhundert später sind die Wunden, die der Gesellschaft so geschlagen wurden, nicht geheilt. Die Region weist die höchste Arbeitslosigkeit im ganzen Staat auf, rund 14 Prozent. In manchen Dörfern sind es bis zu 30.

 

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Kein Spielplatz, nirgends: nur Abraumhalden

Ein Dorn im Auge

Dem reichen Flandern ist diese wallonische Region ein Dorn im Auge. Dabei geht es vor allem um die immensen Transferzahlungen, die von Nord nach Süd fließen. Denn so autonom die beiden Sprachgemeinschaften auf anderen Politikfeldern für sich bestimmen dürfen – in den Topf für Arbeitslosengeld und Sozialhilfe zahlen sie gemeinsam ein.

Flandern aber hat keine Lust mehr, mit seiner Wirtschaftskraft die klammen Kassen der wallonischen Landsleute zu füllen. „Dabei funktionierte die Solidarität 130 Jahre lang genau umgedreht. Da erwirtschaftete Wallonien den Reichtum des gesamten Landes,“ sagt Jacques Moulin. Der Hafen von Antwerpen etwa, heute zweitgrößter Hafen Europas und wichtiger Umschlagplatz für Diamanten, wurde mit Geld erbaut, das Kohle und Stahl aus Wallonien eingebracht hatten.

Moulin lässt den Motor wieder an, die Runde durch das Borinage geht weiter: Pâturages, Wasmes, Warquignies, Dour, Hornu. Ein Ort geht in den nächsten über, die Bebauung zerstückelt den Landstrich. Zwischen den einstigen Minenarbeiterhäuschen stehen die Villen der Kohlebarone, erbaut im 19. Jahrhundert. Neu sind die modernen Mittelstandshäuser, mal mehr, mal weniger geschmackvoll.

An der Ortsgrenze von Cuesmes ragt ein Förderturm über die Mauer des Bergwerksgeländes Crachet, heute ein Art Freilichtmuseum – und ein Industriedenkmal.

 

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Im Winter 1960 kam das Borinage zum Stillstand: Die Bergleute demonstrierten mit Streiks gegen die Regierung

Wiege der Industrialisierung

Bis in die 1960er-Jahre brummte im Borinage das Geschäft mit der Kohle buchstäblich. Jacques Moulin erinnert sich: „Mein Elternhaus liegt zehn Kilometer entfernt, aber ich hörte frühmorgens das Rumpeln und Poltern der Züge, die den Abraum auf die Halden transportierten.“ Im Bauch der Erde fraßen sich ratternd riesige Schrämmlader durch die Flöze. Nachts leuchteten Lichter auf den Gipfeln der Halden.  

Gemeinsam mit England gilt das Borinage als Wiege der Industrialisierung. Hier lag das dichteste Eisenbahnnetz Europas, schnauften die leistungsstärksten Lokomotiven und Dampfmaschinen. Die Zechen besaßen modernste Pumpen, um das Grundwasser nach oben zu schaffen. Mensch und Maschinen stießen bis in eine Tiefe von über 1000 Metern vor. Von der „Ecole de Mines“ in Mons kamen Bergbauingenieure von Weltruf.  

Das Ende dieser Erfolgsgeschichte bahnte sich Winter 1960 an. Da lag über dem Borinage eine ungewohnte Stille. Berg- und Stahlwerke ruhten fünf Wochen lang, dafür brodelte es in der Bevölkerung. Tausende von streikenden Arbeitern demonstrierten gegen „la loi unique“ – ein Gesetz, das drastische Einsparungen vorsah und in den Augen vieler Wallonen eine privilegierte Wirtschaftsförderung für Flandern bedeutete. Der Hintergrund: 1960 wurde der rohstoffreiche Kongo, bis dato belgische Kolonie, unabhängig. Eine wichtige Geldquelle versiegte.

Der Streik verwandelte sich in einen Aufstand. Moulin erinnert sich: „Aufgebrachte Arbeiter rissen Pflastersteine aus Straßen und fällten Bäume über Schienen, um den Verkehr lahm zu legen. Mit eigenen Augen habe ich gesehen, wie ein Güterwaggon von einer Brücke in einen Frachtkanal geworfen wurde. “ 

Fortan bewachten Soldaten mit entsicherten Maschinengewehren Züge und Gebäude. In Brüssel ritt die Gendarmerie mit gezogenem Säbel gegen Demonstranten an. Vor der Staatsgewalt mussten die Streikenden einknicken. Das umstrittene Gesetz wurde vom Parlament verabschiedet. Wenige Monate danach begann das Zechensterben.

 

Copyright: Photo Lefrancq.Mons
Heute sind die Kohlehalden mit Birkenwäldern bewachsen

Unterirdische Feuer

„So kippte das ökonomische Kräfteverhältnis im Land zugunsten der Flamen,“ resümiert Jacques Moulin. Seitdem werden deren Rufe nach politisch-ökonomischer und kultureller Autonomie lauter und nationalistischer.

Wir passieren das ehemalige Zechengebäude von Quaregnon, heute ein Laden für Billigmöbel. Dort schlug 1893 die Geburtsstunde der Parti Socialiste. Bis heute wählen trotz des sich verschärfenden Konflikts die Wallonen vorwiegend sozialdemokratisch. Anders als in Flandern bekommen national-separatistische Parteien wenig Stimmen.  

Bei Boussu endet unsere Runde. Ein Raupenbulldozer arbeitet sich den Hang einer kahl geschlagenen Halde hinauf. Eine amerikanische Firma hatte den Abraum als Rohstoff entdeckt und die im Schutt enthaltene Restkohle an Heizkraftwerke verkauft. Heute plätten schwere Maschinen den aufgerissen Boden wieder.  

Wer auf solchen Halden herumläuft, sollte dicke Schuhsohlen haben. Zwar wurden vor rund 30 Jahren die letzten Zechen geschlossen. Aber im Inneren der Halden ist die Erde  extrem heiß: Der  Abraum enthält Pyrit, Katzengold, das sich im Kontakt mit Sauerstoff entzündet. In der Restkohle findet das unterirdische Feuer genug Nahrung, um Jahrzehnte vor sich hinzubrennen. 

Jacques Moulin kennt das Phänomen: „Es gibt hier Halden, da muss man nur eine Handbreit in den Boden graben und kann sich im Loch ein Frühstücksei kochen.“ Auf einigen wachsen sogar tropische Pflanzen. Strecken hingegen die Birken ihre Wurzeln zu tief aus, verdorren die Bäume. 

Wie man diese Wärme gewinnbringend nutzen könnte, darauf ist bislang keiner gekommen.

 

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Margarete Moulin, geboren 1972, Studium der Kunstgeschichte und Interkulturellen Kommunikation in München. Nach dem Besuch der Deutschen Journalistenschule in der ARTE-Redaktion in Straßburg, anschließend Redakteurin bei BERGE. Ab 2007 tätig als freie Journalistin. Hat veröffentlicht in DIE ZEIT, FAZ am Sonntag, taz, Natur & Kosmos, außerdem einen Merian Reiseführer geschrieben. Ist gerne in Frankreich unterwegs, hat aber dank ihres wallonischen Ehemanns auch den Charme des kleinen Belgiens entdeckt. Lebt mit ihrer Familie im Süden Münchens.

 

Marcel Lefrancq (1916–1974). Aus Mons stammender Fotograf und Universalgelehrter, der zur Gruppe der belgischen Surrealisten gehörte. Seine Fotos werden bis heute international auf Ausstellungen zu diesem Thema gezeigt. Unter der deutschen Besatzung setzte er seine Fähigkeiten in der Résistance ein. Er schoss die Passfotos für gefälschte Ausweispapiere, die er in der Wiege seines Sohnes Michel versteckte. Nach dem Krieg widmete er eine seiner Fotoreportagen den Minenarbeitern im Kohleabbaugebiet Borinage. 

 

Michel Lefrancq, geboren 1942, Sohn von Marcel Lefrancq, arbeitet hauptberuflich als Industrie- und Architekturfotograf. Dennoch ist ihm jede Gelegenheit recht, um mit dem Auto weite Strecken zu fahren und dabei besondere Blickwinkel auf Menschen und Landschaften zu erhaschen. Er verwaltet das künstlerische Erbe seines Vaters. Angeregt durch dessen Reportage setzte er den Eindruck, den das Borinage heute vermittelt, in eigenen Bildern um.

 


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