Die ferne Stadt
Eine Pariserin in Amerika
1947 reist Simone de Beauvoir zum ersten Mal nach New York. Und führt dabei die Vorform eines Blogs - ein Tagebuch. Aus dem wir drei exemplarische Passagen bringen.
26. Januar 1947
Mitten in der Nacht, in meinen Schlaf hinein, sagt plötzlich eine Stimme ohne Worte: «Etwas ist mir passiert.» Ich schlafe noch und weiß nicht, ob nun ein großes Glück oder eine Katastrophe über mich gekommen ist. Etwas ist mir passiert. Vielleicht bin ich gestorben, wie das häufig in meinen Träumen vorkommt, vielleicht werde ich auf der anderen Seite des Todes erwachen. Ich öffne die Augen und habe Angst. Und es fällt mir ein: das ist keineswegs das Jenseits - das ist New York.
Es war kein Trugbild. New York ist da und alles ist wahr. Die Wahrheit leuchtet vom blauen Himmel herunter, lebt in der feuchten, milden Luft und ist triumphierender als der ungewisse Zauber der Nacht. Es ist neun Uhr morgens, es ist Sonntag, die Straßen sind leer. Hier und da noch ein paar Lichter auf den Neonreklamen. Kein Passant, kein Wagen, nichts unterbricht die gerade Fluchtlinie der 8. Avenue. Kuben, Prismen, Rechtecke, die Häuser sind abstrakte Körper und die Oberflächen abstrakte Schnittpunkte zweier Volumen; die Materialien sind ohne Dichtigkeit, ohne Verbindung: es ist der Raum selbst, den man in eine Form gegossen hat. Ich bewege mich nicht, ich schaue.
Diese fremde Stadt ist meine eigene Zukunft und wird einmal meine Vergangenheit gewesen sein. Zwischen diesen Häusern, die Jahre, jahrhundertelang ohne mich existiert haben, verlaufen Straßen für Tausende von Menschen, die nicht Ich waren, die nicht Ich sind. Und nun gehe ich hier, laufe den Broadway hinab, jawohl - Ich. Ich gehe auf den Straßen, die nicht für mich geschaffen wurden, auf denen mein Leben noch keine Spur hinterließ, in denen kein Duft der Vergangenheit weht. Niemand kümmert sich hier um meine Gegenwart, ich bin immer noch ein Phantom und gleite durch die Stadt, ohne etwas an ihr zu ändern. Und doch wird von nun ab mein Leben die Straßenflucht, die Häuserflucht tief in sich aufnehmen: New York wird mir gehören, und ich werde New York gehören.
Ich trinke einen Orangensaft an einer Theke, ich setze mich in die Bude eines Stiefelputzers, auf einen der drei erhöhten Sessel; allmählich werde ich wieder ein Mensch aus Fleisch und Blut, die Stadt wird mir vertrauter, die Oberflächen sind Fassaden und die festen Körper Häuser geworden. Auf dem Fahrdamm wirbelt der Wind Staub und alte Papierfetzen durcheinander. Hinter dem Washington Square hört die Welt der Mathematik auf. Keine starren Ecken mehr, die Straßen haben keine Zahlen mehr, sondern Namen, die Linien runden sich und laufen durcheinander. Ich verlaufe mich wie in einer europäischen Stadt. Die Häuser haben nur drei oder vier Etagen und dickaufgetragene Farben, schwankend zwischen Rot, Ockergelb und Schwarz. Wäsche hängt zum Trocknen an den Feuertreppen, die im Zickzack an den Mauern hochlaufen. Diese Wäsche mit ihrer Hoffnung auf Sonnenschein, die Stiefelputzer an den Straßenecken, die terrassenförmigen Dächer, das alles erinnert von fernher an eine südliche Stadt, während das müde Rot der Häuser eher an den Londoner Nebel denken läßt.
Die Landschaft wechselt. Ja, Landschaft muß man diese menschenleere Stadt nennen, in die der Himmel einbricht: er steht über den Wolkenkratzern, er stiehlt sich in die geraden Straßen hinein, er ist zu weit, als daß die Stadt ihn hätte annektieren können, er überflutet sie - es ist ein Gebirgshimmel. Ich laufe zwischen hohen Steilufern auf der Talsohle eines Canyon, in den kein Sonnenstrahl dringt. Die Luft riecht salzig.
Welches Fressen für Bombenflugzeuge!
Das Wasser des Hudson war so grün, daß ich das Schiff bestieg, das die Provinzler aus dem Mittelwesten zur Freiheitsstatue hinüberfährt. Aber ich steige nicht auf der kleinen Insel aus, die einem Fort ähnelt. Ich wollte nur die Battery sehen, so wie ich sie so oft im Kino gesehen habe. Und jetzt sehe ich sie. Von weitem erscheinen diese schlanken Türme zerbrechlich. Die aufwärtsstrebenden Gerüste sind so knapp und genau ausgewogen, daß sie wohl bei der geringsten Erschütterung wie Kartenhäuser zusammenbrechen würden. Wenn das Schiff näher kommt, werden die Steinschichten wieder massiver: aber das Bild des Einsturzes läßt einen nicht wieder los. Welches Fressen für Bombenflugzeuge!
Auf den Straßen findet man Hunderte von Restaurants, aber sonntags sind sie alle geschlossen. Dasjenige, das ich entdecke, ist überfüllt. Ich esse hastig, von der Kellnerin zur Eile angetrieben. Kein Fleckchen, um sich auszuruhen. Die Natur ist gnädiger. New York wird in dieser Härte wieder menschlich. Pearl Street mit ihrer Hochbahn, Chatham Square, das Chinesenviertel, die Bowery. Ich werde langsam müde. Schlagworte schwirren mir durch den Kopf: «Stadt der Gegensätze». Diese nach Gewürzen und Packpapier riechenden Gäßchen zu Füßen tausendfenstriger Hausfassaden - das ist ein Gegensatz; auf Schritt und Tritt stoße ich auf Gegensätze, und alle sind sehr verschiedener Art. «Eine aufrecht stehende Stadt», «entfesselte Geometrie», «wahnsinnig gewordene Geometrie» - das alles sind in der Tat diese Wolkenkratzer, diese Fassaden, diese Avenuen: ich sehe es mit eigenen Augen. Ich schaue und schaue - erstaunt wie ein Blinder, der wieder sehen kann.
27. Januar 1947
Wenn ich New York entziffern will, muß ich mich an New Yorker wenden. In meinem Büchlein stehen Namen, aber für mich steht kein Gesicht hinter ihnen. Ich muß auf englisch mit Leuten telefonieren, die mich nicht kennen und die ich nicht kenne. Ich gehe hinunter in die lobby des Hotels und bin eingeschüchtert, als hätte ich ein mündliches Examen zu bestehen. Diese lobby betäubt mich durch ihre Fremdheit - eine Fremdheit mit umgekehrtem Vorzeichen. Ich bin der Zulukaffer, den ein Fahrrad in Schrecken versetzt, bin die Bäuerin, die in der Pariser U-Bahn verloren ist. Ein Zeitungs- und Zigarrenladen, Western Union, Frisiersalon, writing room, wo Stenotypistinnen nach dem Diktat der Gäste schreiben - Club, Büro, Warteraum, Verkaufsgeschäft: alles in einem. Um mich herum ist der ganze Komfort des täglichen Lebens, aber ich weiß nichts mit ihm anzufangen, die kleinste Kleinigkeit wird zum Problem: wie frankiere ich meine Briefe? Und wo sind sie einzuwerfen? Dieses Flügelschlagen neben dem Aufzug, diese hellen Blitze, ich hielt sie beinahe schon für Halluzinationen. Hinter einer Glasplatte fallen Briefe von der 25. Etage bis in die Tiefen des Kellergeschosses; das ist der Briefkasten. Bei dem Zeitungshändler steht ein Automat, der Briefmarken ausspuckt. Aber ich bringe das Kleingeld durcheinander. Zehn Minuten lang versuche ich vergeblich zu telefonieren: alle Apparate werfen den Nickel aus, den ich hartnäckig immer wieder in den Schlitz stecke, der für Fünfundzwanzig-Cent-Stücke bestimmt ist. Niedergeschlagen bleibe ich in einer der Kabinen sitzen. Ich habe Lust, mein Vorhaben aufzugeben, ich verfluche diesen teuflischen Apparat. Aber schließlich kann ich mich ja nicht auf ewig einschließen. Ich bitte den Angestellten der Western Union, mir zu helfen, und diesmal bekomme ich Antwort.
Am anderen Ende des Drahts vibriert die Stimme ohne Gesicht: ich muß antworten. Man erwartet mich nicht, und ich habe nichts zu bieten. Ich sage nur: «Ich bin da.» Auch ich habe kein Gesicht, ich bin nur ein Name, den gemeinsame Freunde weitergegeben haben. Ich sage noch: «Ich möchte Sie gern sehen.» Das ist nicht einmal wahr, und sie wissen es. Ich will sie gar nicht sehen, denn ich kenne sie nicht. Und doch sind die Stimmen beinahe freundschaftlich und natürlich. Schon diese Natürlichkeit stärkt mich, als ob sie Freundschaft wäre. Aber nach drei Anrufen schließe ich mit glühheißen Wangen mein Büchlein.
An der Schwelle
Ich gehe in den Frisiersalon, und dort fühle ich mich schon etwas heimischer. Diese Salons gleichen sich in allen Städten, die ich kenne: es ist der gleiche Geruch, es sind die gleichen metallischen Trockenhauben - die Kämme, Puderquasten und Spiegel sind völlig unpersönlich. Den Händen überlassen, die meinen Schädel massieren, bin ich schon kein Phantom mehr: zwischen diesen Händen und mir besteht eine lebendige Verbindung - das ist wirklich mein eigenes, leibhaftiges Ich. Aber selbst dieser Augenblick ist nicht völlig alltäglich. So muß ich zum Beispiel dem jungen Mädchen, das mich frisiert, nicht die Haarnadeln, eine um die andere, reichen: sie kleben an einem Magneten, den das Mädchen am Handgelenk trägt, und ein Magnet zieht sie auch wieder heraus, wenn die Haare wieder trocken sind. Dieses kleine Spiel entzückt mich.
Alles entzückt mich, sowohl die unvorhergesehenen als auch die vorhergesehenen Visionen. Ich wußte nicht, daß in den eleganten Vierteln vor den Häusern grünliche Baldachine, jeweils mit einer dicken Nummer versehen, bis auf den Gehsteig hinausragen und auf diese Weise irgendeinen Empfang anzeigen. Ein Portier steht auf der Schwelle, so daß jedes Haus einem Hotel oder einer Bar ähnelt. Auch der Hauseingang ist von betreßten Portiers bewacht und gleicht dem Empfangsraum eines Palast-Hotels. Den Fahrstuhl bedient ein Angestellter: nicht ganz leicht, heimliche Besucher zu empfangen. Andererseits sah ich im Kino oft Häuser ohne Portier, so wie in Frankreich in der Provinz. Man geht durch eine erste Glastür und stößt auf eine Reihe von Klingeln, eine für jeden Mieter; jeder hat auch seinen Briefkasten. Man klingelt, und jetzt öffnet sich eine zweite Glastür. Ich habe auch die breiten, flachen Klingelknöpfe wiedergefunden, die mir im Film aufgefallen waren, ebenso den dumpfen Klang, dumpfer als die französischen Klingeln.
So viele winzig kleine Überraschungen verleihen den ersten Tagen einen ganz besonderen Reiz. Nichts langweilt mich. Gewiß, dieses geschäftliche Mittagessen in einem Restaurant der 40. Straße ist absolut freudlos; mit seinen Teppichen, Spiegeln und Kronleuchtern gleicht dieses elegante Lokal einem Teesalon in einem Warenhaus, und selbstverständlich ist es überheizt. Aber mein Martini, mein Tomatensaft schmeckt nach Amerika: auch dieses Essen hat immer noch etwas Weihevolles.
Aber auch für diesen Reiz muß man bezahlen, und die Fremdheit, jeden einzelnen Augenblick verwandelt, stellt mir Fallen. Es ist schönes Wetter und ich will am East River entlang spazierengehen. Aber der drive, jener breite, erhöhte Fahrdamm längs des Flusses, ist nur für Autos reserviert. Ich versuche zu mogeln und gehe hart an der Mauer entlang. Aber es ist schwer, in Amerika zu mogeln; das Räderwerk greift präzis ineinander, es dient dem Menschen - vorausgesetzt, daß dieser sich gefügig einordnet. Auf dieser Art von Autorennbahn sausen die Wagen im Sechzig-Meilen-Tempo gefährlich dicht an mir vorbei. Am Ufer ist ein Platz für Fußgänger, die dort spazierengehen, aber es scheint unmöglich, dorthin zu gelangen. Ich nehme einen Anlauf, erreiche die Linie, die die beiden entgegengesetzten Ströme trennt, dort aber muß ich lange stehen, aufgepflanzt wie ein Kandelaber, und abwarten, bis eine kleine Lücke mir gestattet, diesen Leidensweg zu vollenden. Eine Einfassung muß ich noch überspringen, ehe ich in Sicherheit bin. Unter meinem Wintermantel, der für diese Sonne zu schwer ist, bin ich erschöpfter als nach einer Bergbesteigung. Einige Augenblicke später werde ich gewahr, daß es Passagen für Fußgänger unter dem drive gibt und daß auch Brücken über ihn hinwegführen.
Der Fluß riecht nach Salz und Gewürzen. Menschen sitzen auf Bänken in der Sonne: Pennbrüder und Neger. Kinder auf Rollschuhen gleiten über den Asphalt, rennen gegeneinander an, schreien. Am Rand des drive werden billige Wohnhäuser gebaut. Diese gewaltigen, sich nach oben verjüngenden buildings sind häßlich. Aber weiter hinten sehe ich die hohen Türme der Stadt und jenseits des Flusses Brooklyn. Inmitten des Krachs der Rollschuhe setze ich mich auf eine Bank, ich sehe nach Brooklyn hinüber und fühle mich glücklich. Brooklyn existiert, auch Manhattan mit seinen Wolkenkratzern, und am Horizont das ganze Amerika. Ich selbst existiere nicht mehr. So ist es. Ich begreife, was ich hier gesucht habe: diese Fülle, die man nur in der Kindheit oder in der ersten Jugend kennt, wenn man sich selbst zugunsten anderer Dinge einmal völlig ausschalten kann. Gewiß, auch bei anderen Reisen habe ich diese Freude genossen, aber sie war flüchtig. In Griechenland, in Italien, Spanien und Afrika blieb Paris für mich das Herz der Welt, Paris war nie völlig aus mir gewichen, ich selbst war immer in meiner Haut geblieben.
Paris hat seine Hegemonie verloren. Ich bin nicht nur in einem fremden Land, ich bin in einer anderen Welt gelandet, in einer selbständigen‚ abgesonderten Welt; ich berühre diese Welt - sie ist da. Mit einem Schlag bin ich befreit von der Sorge um jenes monotone Unternehmen, das ich mein Leben nenne. Ich bin nur noch das bezauberte Bewußtsein, durch welches hindurch das souveräne Objekt sich entschleiern wird.
Die Geißel des Überflusses
Um achtzehn Uhr habe ich eine Verabredung im Plaza, 59. Straße. Ich steige zur Hochbahn hinauf, sie ist rührend wie ein Erinnern, kaum breiter als eine Schmalspurbahn in der Provinz; die Wände sind aus Holz, man könnte meinen: eine Haltestelle auf dem Land. Auch die Drehtür ist aus Holz, aber sie dreht sich automatisch - kein Angestellter: man passiert sie mit Hilfe eines Nickels, jenes magischen Geldstücks, das die Telefonapparate in Bewegung setzt und auch die Türen jener stillen Klausen öffnet, die man hier schamhaft restrooms nennt. In Höhe der ersten Etage fahren wir über die Bowery dahin. Wir sausen an den Stationen vorbei - da ist schon die 14. Straße, dann die 35., die 42. - ich warte auf die 59., aber wir fliegen an ihr vorbei; 70., 80. Straße, wir halten gar nicht mehr. Unter uns sind alle Lichter entzündet, das ist wieder jenes nächtliche Fest, das ich aus Himmelshöhen sah: Kinos, Bars, drugstores, Karusselle. Ich fliege durch einen wunderbaren Lunapark, und selbst die kleine Hochbahn ist eine Jahrmarktsattraktion. Wird sie noch einmal halten? Wie groß ist doch New York …
Ich war in einen express gestiegen. An der nächsten Station steige ich aus und nehme einen local. Ich warte lange in der parfümierten, überheizten hall des Plaza; die Umgebung ist die gleiche wie in dem Restaurant heute mittag: zuviel Spiegel, zuviel Teppiche, Behänge und Kronleuchter. Ich bin erstaunt, wie lange ich warten muß, und plötzlich bemerke ich, daß ich im Savoy Plaza bin: mein Rendezvous ist gegenüber. Ermüdet, durcheinandergebracht und betäubt von so vielen Entdeckungen und Irrtümern, setze ich mich an die Bar des Plaza, zu meinem Glück hatte man auf mich gewartet. Der Martini bringt mich wieder zu mir. Der große, in schwarzer Eiche möblierte Saal ist überheizt, überfüllt. Ich sehe mir die Leute an. Überraschend sind die Frauen. Auf ihren gepflegten, in tadellose Wellen gelegten Haaren tragen sie wahre Blumenbeete und Vogelhäuser. Die meisten Mäntel sind aus Nerz, die umständlich drapierten Kleider sind mit glänzenden Pailetten übersät und mit schweren, wert- und phantasielosen Edelsteinen besetzt. Alle tragen weit ausgeschnittene Schuhe mit sehr hohen Absätzen. Ich schäme mich meiner Schweizer Schuhe mit Crêpesohlen, auf die ich so stolz war. Ich habe an diesem winterlichen Tag auf der Straße nicht eine einzige Frau mit flachen Absätzen gesehen; keine hatte den freien, sportlichen Gang, den ich bei den Amerikanerinnen erwartete. Alle tragen Seide, keine Wolle, alle tragen Federn, kleine Schleier, Blumen, Putz. Zuviel Schmuck, zu viele Spiegel und Behänge; zum Essen zu viele Soßen und zuviel Sirup, und überall zuviel Hitze. Auch der Überfluß ist eine Geißel.
Gestern habe ich mit Franzosen bei D. P. zu Abend gegessen. Heute abend esse ich bei Franzosen. Und nach dem Essen nimmt mich B. C., Französin, in ein paar Bars mit. Wenn ich mit Franzosen zusammen bin, empfinde ich dieselbe Enttäuschung wie in meiner Kindheit in Gesellschaft meiner Eltern: nichts war völlig wahr - zwischen den Dingen und mir stand eine Glaswand, die Vögel schienen im Käfig zu sitzen‚ die Fische schwammen im Aquarium und die Schimpansen waren ausgestopft. Und ich wünschte doch so sehnlichst, die Welt in Freiheit zu sehen … Ich mach mir nichts aus Whisky, nur die Glasstäbchen, mit denen man ihn aufrührt, habe ich gern. Aber gefügig trinke ich bis drei Uhr morgens Scotch, denn der Scotch ist einer der Schlüssel zum Herzen Amerikas. Und ich will dahin gelangen, die Glaswand zu zertrümmern.
28. Januar 1947
Ich habe einen Vortrag vorzubereiten. Ich installiere mich an einem Schreibtisch des Schreibsalons. Man hört das Murmeln der Stimmen, die den Tippmädchen diktieren, und das Geklapper der Schreibmaschinen. Es ist friedlich und traurig, man könnte glauben, man sei im Bon Marché. Ich beschließe, mich in einer Bar niederzulassen, wie man sie rings um den Central Park findet. Ich liebe sie nicht besonders: sie gehören zu den großen Hotels und atmen die gleiche weichliche und respektable Atmosphäre wie die hall mit ihren Luxusauslagen. Obwohl man Alkohol serviert, muß ich doch an die Teesalons für alte Damen denken: hier hat der Whisky die ganze Unschuld eines Fruchtsafts - hier passiert nichts. Aber sie üben einen Zauber auf mich aus: die Freunde, die ich so um ihre Amerika-Reisen beneidete, hatten mit dem ganzen Stolz der Eingeweihten von Sherry Netherland oder Café Arnold gesprochen. Ich folge ihren Spuren. Ich habe keine eigene Vergangenheit und pumpe mir die ihre. New York gehört ihnen noch, ich bin nur eine Neuangekommene, und es will schon viel besagen, daß ich mich in ihre Intimität einschleiche. Ich bin bescheiden wie eine, die man in letzter Minute eingeladen hat.
Es ist hier nicht Sitte, in einem Raum zu arbeiten, in dem man trinkt. Hier ist alles spezialisiert. In einem Raum, wo getrunken wird, muß man trinken. Sowie mein Glas leer ist, erscheint dienstbeflissen der Kellner. Trinke ich es nicht schnell genug aus, so umschleicht er mich mit einem leichten Vorwurf in den Zügen. Der Whisky schmeckt mir heute gar nicht so schlecht. Aber es erscheint mir doch vernünftiger, vor dem vierten Glas zu gehen.
Ich spreche vor einem französischen Publikum. Ich trinke einen Cocktail bei einer Französin, alle Gäste sind Franzosen mit Ausnahme von zwei Amerikanern, die französisch sprechen. Und dabei bin ich hier keineswegs in einem kolonisierten Land, wo die Sitten den Umgang mit den Eingeborenen untersagen - im Gegenteil: wir sind das, was man hier eine Kolonie nennt. Ich möchte da gerne raus und bin freudig erregt, als ich zu A. M. komme, der mich zum dinner eingeladen hat: endlich komme ich in ein amerikanisches Haus! Aber abgesehen von Richard Wright, den ich von Paris her kenne und dem ich hier zu meiner Freude wieder begegne, sind alle Gäste Franzosen. Sogar Leute von der Botschaft sind da, und alles spricht in einem sehr offiziellen Ton französisch über Frankreich.
Die amerikanische Welt
Alle diese Franzosen, die ich treffe, bemühen sich, mir Amerika auseinanderzusetzen, und ich muß mir ihre Erfahrungen zunutze machen. Fast alle vertreten einen extremen Standpunkt: entweder hassen sie das Land und warten nur darauf, es verlassen zu können - oder aber sie beweihräuchern es mit jenem Übereifer, den unsere Kollaborateure Deutschland gegenüber an den Tag legten. Zur letzteren Gattung gehört der Universitätsprofessor R. Kaum daß er mir die Hand geschüttelt hat, muß ich ihm schon «versprechen», nichts über Amerika zu schreiben: dies ist ein so hartes, so widerspruchsvolles Land, daß es einem auch nach zwanzig Jahren noch nicht gelingt, es voll zu verstehen. Jedenfalls muß ich ihm «versprechen», nichts über die Farbigen zu schreiben - das ist ein schmerzliches und schwieriges Problem, über das man sich erst dann eine Meinung bilden kann, wenn man ein ungeheures Tatsachenmaterial zusammengetragen hat, und das erfordere mehr als die Dauer eines Menschenlebens. Und warum übrigens ist man in Frankreich so sehr auf die Negerfrage versessen? Ist nicht das geistige und künstlerische Schaffen der Weißen weit wertvoller? Selbst die Musik der modernen weißen Komponisten hat einen höheren Wert als der Jazz.
V. ist Antiamerikaner und erklärt mir voller Verachtung, daß seine Haltung die einzig mögliche für einen Franzosen ist, der in diesem Land lebt. Wenn er sich nicht fügsam unterordnen müßte, so würde er in einem Dauerzustand von Revolte und unerträglichem Haß leben. Keiner der europäischen Werte ist hier anerkannt; und V. anerkennt keinen einzigen der amerikanischen Werte. Die Atmosphäre des Alltags erscheint ihm nicht atembar, New York verabscheut er.
Die Haltung R.s ist mir durch ihre Unterwürfigkeit höchst zuwider, übrigens war er während des Kriegs Pétain-Anhänger: der geborene Kollaborateur. Andererseits weigere ich mich, zu glauben, daß es in diesem Land nichts Anziehendes geben sollte. Gewiß, in beiden Lagern sagt man mir: «New York ist nicht Amerika.» V. fällt mir auf die Nerven, wenn er erklärt: «Wenn Sie New York lieben, dann nur deshalb, weil es eine europäische Stadt ist, die sich an den Rand dieses Kontinents verirrt hat.» Dabei ist es allzu einleuchtend, daß New York nicht Europa ist. Aber noch mehr hüte ich mich vor P., einem anderen proamerikanischen Pétain-Anhänger, wenn er der «Fremden- und Judenstadt» New York die idyllischen Dörfer New Englands gegenüberstellt, wo Bauern leben, die hundertprozentige Amerikaner sind, und wo noch patriarchalische Sitten herrschen. So hat man uns allzuoft vom «wahren Frankreich» gesprochen, das man dem korrupten Paris gegenüberstellte.
Noch habe ich nicht mitzureden, ich kann nur zuhören. Ich denke nur, daß Amerika eine Welt ist und daß man eine Welt so wenig akzeptieren oder zurückweisen kann, wie man die Welt akzeptieren oder zurückweisen kann. Es handelt sich darum, hier seine Freundschaften und seine Feindschaften zu wählen, hier seine Pläne und seine Revolten durchzufechten. Amerika - das ist ein Stück des Erdballs, hat eine Politik, eine Zivilisation, hat Klassen, Rassen, Sekten und Einzelmenschen; hier gibt es Diebe und Polizisten, Ingenieure und Künstler, Unzufriedene und Zufriedene, Ausbeuter und Ausgebeutete. Ich weiß sehr wohl, daß Liebe gegen Haß und Haß gegen Liebe stehen wird.
* * *
Im Januar 1947 reist Simone de Beauvoir zum ersten Mal nach New York. Die amerikanische Kultur ist für sie, wie für viele Europäer, ein Mythos. Auf mehrstündigen »Gewaltmärschen« erkundet sie die Stadt. Sie streift durch Manhattan und Brooklyn, besucht China Town und Harlem. Ihr damaliges Reisetagebuch ist nun, 25 Jahre nach ihrem Tod, auf Deutsch erschienen:
Simone de Beauvoir: New York mon amour
herausgegeben von Susanne Nadolny
200 Seiten, Halbleinen, 19,80 Euro, edition ebersbach
Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Verlages
• Lesen Sie auch unsere Geschichte über den Fotografen Thomas Hoepker – den Mann, der die New Yorker mitten ins Herz traf.
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