Die Frucht der Erkenntnis
Ein himmlisches Ärgernis
Sobald ihr davon eßt, gehen euch die Augen auf.
Gen 3,5
Sie aber ist die wahre Passionsfrucht, sie erzeugt namenloses Leid ebenso wie namenlose Leidenschaft: die Durian. Eine südostasiatische Spezialität. Oder Monstrosität, wie man‘s nimmt. Denn die Menschheit spaltet sich in zwei unversöhnliche Lager: die, welche die Durian über alles lieben - und die, die sie nicht ausstehen können. Und dann gibt es noch die, die sie nicht kennen.
Zu dieser Gruppe gehörten jene drei Berliner Kollegen, die sich anläßlich des Stapellaufes von MAGDA bei mir eingefunden hatten. Es sollte eine Premierenfeier im kleinen Kreis werden. Doch es kam anders, und das lag am Magnetismus der Durian.
Einem Gewächs von prähistorischer Anmutung: groß, unförmig, von einem gelbgrün bis oliv changierenden Panzer umschlossen und derart mit Stacheln bewehrt, daß ein Igel sich dagegen wie ein Kuscheltier ausnimmt. Innen aber, wenn man sie denn mühsam geknackt hat, das glatte Gegenteil: in weichen Kissen schmiegt sich das blaßgelbe Fruchtfleisch in die Höhlungen dieser mehr als rauen Schale.
Liebhaber wie auch Hasser der Durian stimmen in einem Punkt überein: Sie verströmt einen ausgeprägten Geruch. Nur daß dieser Geruch grundverschieden interpretiert wird, vom Geschmack nicht zu reden. Die eingefleischten Feinde der Durian schmähen sie mit den unflätigsten Ausdrücken. Die Liebhaber aber genießen und schweigen. Ich bin ihr verfallen - basta.
Die Lieblingsfrucht der Lady Di
Allerdings sammle ich Durian-Geschichten. Zusammen mit der Frucht tischte ich den Kollegen daher einige bewährte Anekdoten auf. Daß die Durian in zahlreichen fernöstlichen Hotels und Flughäfen ebenso Hausverbot habe wie in Singapurs öffentlichen Verkehrsmitteln. Daß unlängst ein Taifun treffend nach ihr benannt worden sei, und daß sie die Lieblingsfrucht von Lady Di gewesen sei. Ich stelle mir vor, wie sich die Königin der Herzen, in einem Akt verzweifelter Hemmungslosigkeit, die Königin der Früchte einverleibte, wieder und wieder, und ihr Hunger doch unstillbar blieb. Diana litt bekanntlich an allerhand Eß- und sonstigen Störungen - aber im Fall der Durian spielen die übrigen oralen Praktiken keine Rolle. Ich habe hartgesottene Globetrotter erlebt, die in markigen Worten von Farnsalat und Flughundgulasch schwärmten, die jedoch bei der bloßen Erwähnung einer Durian leichenblaß wurden. Umgekehrt war ein Besucher mir einmal als der heikelste Mensch der Welt angekündigt worden, Vegetarier, Allergiker und was nicht alles - und just der raffte dann das puddingartige Fruchtfleisch reihum von den Tellern der anderen, zur maßlosen Verblüffung seiner Frau.
Um ihre Essenz voll zu entfalten, braucht die Durian tropische Temperaturen und Luftfeuchtigkeit. Außerhalb Ostasiens erhält man sie praktisch nur tiefgefroren, wenn überhaupt. Im puritanischen Amerika etwa ist sie nur schwer zu bekommen. Wie alles, was animalischen Genuß an der Grenze zur Anstößigkeit verspricht. Man wird dort auch kaum je Innereien finden, an der Fleischtheke nicht und schon gar nicht im Restaurant. Und auch nach richtig scharfem Chili oder richtig scharfem Sex wird man meist vergeblich suchen. Frankokanadier seien hier ausdrücklich ausgenommen, die laben sich ja auch an unanständigen Delikatessen wie Gänseleberpastete und Munsterkäse. Und zumindest Chili gibt‘s beim Mexikaner. Sonst aber ist ganz Nordamerika in puncto Wollust eine Wüste.
Ach, Amerika!
Deshalb war ich damals in Boston so froh, als ich endlich einen Durian-Dealer fand, einen kleinen vietnamesischen Laden in Chinatown. Sein Besitzer mußte mir bei jedem Kauf die immergleiche Geschichte erzählen, nach der ich fast so süchtig war wie nach dem Objekt der Begierde selbst. Sie handelte von ahnungslosen Kunden, die neugierig diese exotische Stachelfrucht aus der Tiefkühltruhe fischten - um sie nach ein paar Stunden oder am nächsten Tag mit angewiderter Miene zurückzubringen und aufgebracht zu schimpfen, es sei ein Skandal, ihnen eine derart verrottete, übelriechende, ekelerregende Frucht anzudrehen.
Woraufhin der Ladenbesitzer das Corpus Delicti behutsam wie einen Säugling entgegennahm, das ihm entströmende Aroma inhalierte, indem er seine Nase hineinsteckte wie ein Weinkenner in einen Burgunderkelch, und dann seinem Kunden beschied: „Sir, so ist sie genau richtig.“
Vermutlich ist jedem wahren Hochgenuß einen Schuß Perversion beigemischt, eine Übertretung hinein in eine Zone, die im alltäglichen Leben tabu ist. Was ohne diese lustvolle Abartigkeit auskommt, ist eben doch nur gewöhnlicher, handelsüblicher Zeitvertreib.
Die gelbe Gefahr
Trotz inständigen Werbens aber wurde meine Begeisterung von den Kollegen kaum geteilt. Ebensowenig die Durian selbst, so daß mir schließlich der Löwenanteil blieb. Als ich, eigentlich schon geschlagen, noch anführen wollte, daß es selbstverständlich kein banaler Apfel war, der Adam und Eva den all-inclusive-Platz im Paradies gekostet hat, sondern eine Durian, die als Götterspeise dem Hausherren vorbehalten gewesen wäre - da erschütterten vier wuchtige Schläge die Wohnungstür. Es war kein Klopfen, sondern ein Rammen; dagegen beginnt Beethovens Schicksalssymphonie nur mit ein paar schüchternen Stupsern. Jemand wollte sich unbedingt Zutritt zu unserer Runde verschaffen, sich dafür aber aus irgendeinem Grund nicht der Klingel bedienen.
Draußen standen zwei aufgeregte Nachbarn und ein tatendurstiger Feuerwehrmann. Ein wahrer Recke, mit Helm und Nackenschutz und nachtblauer Uniform, auf der reflektierende silbrige Litzen klebten. Gasgeruch im Treppenhaus! Sofort die Quelle ausfindig machen, alle Wohnungen überprüfen und gegebenenfalls evakuieren. Schon durchkämmte er mit seinem Meßgerät die Zimmer, Gefahr im Verzug, da blieb keine Zeit für Floskeln.
Das Gerät schlug nirgendwo aus, weder in der Küche noch im Bad noch im Treppenhaus. Aber riechen Sie es denn nicht, fragten die verwirrten Nachbarn, es muß doch irgendwoher kommen. Auch der Feuerwehrmann roch es, eindeutig. Nein, tut mir leid, ich rieche nichts. Aber ich würde jetzt selbst einen Waldbrand nicht riechen, denn wir haben eine Durian genossen.
Und dann dämmerte mir der Zusammenhang von Ursache und Wirkung. Noch bis vor einer Viertelstunde hatte die Frucht auf dem kalten Balkon gelagert, ausgesperrt wie eine Aussätzige. Ein Regiefehler, denn dadurch hatten wir sie dann frevelhafterweise verspeist, noch bevor sie ihr Aroma richtig hatte entfalten können. Dennoch war es während dieser wenigen Minuten offenbar hinaus ins Stiegenhaus gedrungen, womöglich auch schon hinunter zur Straße, die nun vom Löschzug der Feuerwehr blockiert war. Oder gar schon vor bis zum Kurfürstendamm, von dem sich eine Polizeistreife als Verstärkung näherte.
Der Stoff, aus dem die Träume sind
Tatsächlich könnte jemand, der diesem Geruch nie begegnet ist, dem er nie in Thailand, Malaysia oder Indonesien bis ins Stammhirn drang, jemand aus dem dritten Lager also - so jemand könnte ihn mit jenem süßlichen Stoff verwechseln, den die Stadtwerke dem an sich geruchlosen Erdgas beimischen.
Deshalb hatte der Feuerwehrmann auch nicht geklingelt: Es hätte ja ein Funke überspringen können. Belustigt schnüffelte er nun an den Überresten der Durian, und schließlich zerstreute sich die kleine Versammlung. Ich schloß die Tür, wir versuchten, den Spuk abzuschütteln und witzelten, wie brisant MAGDA doch sei. Wo waren wir stehengeblieben?
Da rammten sie die Tür erneut. Wieder mit wuchtigen Schlägen, obwohl bereits Entwarnung gegeben worden war. Aber vermutlich ist das genauso ein Markenzeichen der Feuerwehr wie das knallrote Auto. Wahrscheinlich klingeln sie überhaupt nie, das könnte dann ja sonst wer sein. Vier Feuerwehrleute und zwei Polizisten umstanden den Eingang, alle in voller Montur. Er wolle, erklärte der Zugführer, seinen Kollegen diesen interessanten Geruch vorführen. Und fügte, wie nach einer Entschuldigung suchend, hinzu: Man könne ja immer etwas dazulernen. Ich aber weiß: Er war schon angefixt. Er hatte die erste Durian seines Lebens gerochen und war ihr prompt verfallen. Willkommen im Klub!
Während die Feuerwehrleute interessiert herumschnupperten, nahm die sichtlich pikierte Streifenpolizistin meine Personalien auf. Sie war offenkundig nicht angefixt - willkommen im gegnerischen Lager. Werde ich nun wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses belangt? Muß ich den Großeinsatz womöglich bezahlen? Ich täte es ungern, aber widerstandslos. Es handelt sich wie gesagt um eine Passion - ein Märtyrer weiß um die Einheit von Leid und Leidenschaft.
Kaum war die Truppe draußen, riefen Nachbarn aus der Wohnung unter mir an. Sie hätten den Aufruhr gehört, die schweren Stiefel auf den Dielen, und vor den Fenstern rotiere Blaulicht. Ob alles in Ordnung sei? Ja, beruhigte ich sie, meinerseits beruhigt über die funktionierende Nachbarschaft, es hätten sich nur zum Nachtisch noch überraschend Gäste eingefunden.
Noch in derselben Nacht trug ich die Reste unseres Festmahls verschämt in den Hof und versenkte sie in der Biotonne.
Heiliger Sankt Florian,
Verschon‘ mein Haus, nimm Durian.
Demnächst will ich den Männern der Wilmersdorfer Feuerwache meine Aufwartung machen und mich mit einer hoffentlich besonders wohlgeformten, besonders duftenden Durian bei ihnen bedanken. Dafür, daß sie auf dem Posten waren, auch wenn es sich um einen Fehlalarm handelte. Doch niemand von uns konnte das wissen. Als Erkennungszeichen werde ich viermal an ihre Tore schlagen.
Und hier die Geschichte aus Sicht des Gastes
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